Die AfD gründete in Gießen ihre neue Jugendorganisation. Tausende Menschen aus Deutschland reisten nach Hessen an, um das zu verhindern – unter anderem zwei Studierende der RUB, die im exklusiven Gespräch mit der :bsz von ihrer Erfahrung berichten.

Drei Wochen ist es nun her, dass die AfD in der Gießener Hessenhalle ihre neue Jugendorganisation „Generation Deutschland“ gründete – nachdem zuvor der Vorgänger „Junge Alternative“ als gesichert rechtsextrem eingestuft und Anfang des Jahres aufgelöst worden war. Um der AfD die Neugründung am 29. November zu erschweren, rief das breite antifaschistische Aktionsbündnis »widersetzen« in den sozialen Medien seit Monaten dazu auf, nach Gießen anzureisen. Tausende Menschen folgten diesem Ruf: Aus allen Ecken Deutschlands reisten Aktivist:innen mit organisierten Bussen an.

Erst mehr als zwei Stunden verspätet konnte die Veranstaltung starten, bei der Jean-Pascal Hohm zum Vorsitzenden der Organisation gewählt wurde. Der 28-Jährige wird vom Brandenburger Verfassungsschutz seit 2023 als gesichert rechtsextrem eingestuft. In 19 Blockaden hatten zuvor über 15.000 Aktivist:innen Mitglieder und Gäste des Gründungstreffens den Weg zur Hessenhalle versperrt. Insgesamt sollen in Gießen 50.000 Menschen protestiert haben, darunter eine Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes, dem sich rund 20.000 Menschen anschlossen.

Schlagzeilen machte in den Tagen danach vor allem aber der Einsatz der Polizei, die vor Ort Schlagstöcke, Wasserwerfer und Pfefferspray eingesetzt hatte, um Blockaden aufzulösen. Im Internet verbreiteten sich Videos, in denen Polizist:innen auf Demonstrierende zustürmten und mit Schlagstöcken auf sie droschen – der Vorwurf von unverhältnismäßiger Polizeigewalt machte schnell die Runde. Die Polizei rechtfertigte ihr Vorgehen damit, die Versammlungsfreiheit zu schützen. Auch Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) bestreitet die Anschuldigungen und verteidigt den Einsatz der Polizei: Ohne Polizei sei es sonst „voraussichtlich zu schwersten Straf- und Gewalttaten gekommen“.

So war es vor Ort

Auch Studierende der RUB waren in Gießen vor Ort und sind mit einem Bus aus Essen nach Hessen angereist. Zwei davon waren Simon und Miriam (Namen geändert), sie sind beide Anfang 20 und studieren im Bachelor an der RUB. Und: Bislang sind sie nur auf klassischen Demonstrationen gewesen, in Gießen waren sie zum ersten Mal bei einer Blockadeaktion vor Ort dabei. Im Gespräch mit der :bsz berichten sie von ihren Erlebnissen. Den beiden sei es vor allem darum gegangen, ein Zeichen gegen aufsteigenden Faschismus zu setzen. Miriam führt das aus: „Verhindern war ein zu hochgestecktes Ziel. Es ging eher darum Präsenz zu zeigen, und die Gründung so lang wie möglich hinauszuzögern. Zu zeigen: Wir lassen das nicht passieren.“

Zusammen gingen sie auf Anleitung von Koordinator:innen der Aktion vor Ort zu einer Kreuzung, die zu einer Landstraße führt – und die geladene Gäste des Treffens als Umweg nutzen mussten. Gemeinsam mit dutzend anderen Protestierenden blockierten sie diesen Weg und ließen mit Ausnahme von Rettungswägen niemanden durch. Das sei alles sehr gut organisiert gewesen, wie Miriam findet: „Es war gar nicht so chaotisch. Shoutout an die Menschen, die das geplant haben. Ich habe mich zu keinem Moment unsicher gefühlt.“

Menschen hätten morgens gemeinsam gefrühstückt, gequatscht, Karten gespielt oder gesungen. „Es war total friedlich“, beschreibt Simon die Stimmung unter den Aktivist:innen. Der Darstellung der Polizei von einer gewaltbereiten Masse widersprechen beide vehement. Auch das Verhältnis mit den Anwohner:innen vor Ort sei sehr gut gewesen, teilweise hätten diese ihnen sogar Mülltonnen für die Blockade zur Verfügung gestellt.

Anspannung sei nur aufgekommen, wenn die Polizei angerückt ist. Teils mit über 30 Wagen soll diese zur Kreuzung gekommen sein. „Es war schon sehr beängstigend“, sagt Miriam: „Ich war auf Wasserwerfer und Pfefferspray eingestellt. Weggezerrt oder geboxt zu werden, davor hatte ich extreme Angst.“ Klar sei von Anfang aber auch unter allen gewesen, dass niemand Gewalt nutzt.

Miriam und Simon sprechen beide von Glück, dass sie dennoch keinen direkten Kontakt zu Polizeibeamt:innen hatten. Die Wagen fuhren nach einer gewissen Zeit immer weg. Umso heftiger war es, wie Simon beschreibt, die Videos vom gewaltsamen Vorgehen der Polizei an anderen Stellen im Nachgang zu sehen: „Es war heftig zu sehen, was anderen Gruppen vor Ort passiert ist – und zu wissen, das hätten auch wir sein können.“ Für Miriam sei die Aggression der Polizei willkürlich gewesen. Dem pflichtet auch Simon bei: „Was viele desillusioniert hat, ist das Gefühl, man wird über einen Kamm geschert mit allen anderen 20.000 Menschen. Egal wie friedlich ich mich verhalte, ich bin nicht sicher davor, was abzubekommen – sei es ein Schlagstock, Pfefferspray oder einen Tritt. Der einzige Weg sich zu schützen, ist nicht hinzufahren.“ Das sei für ihn eine sehr gruselige Erkenntnis gewesen.

Miriam sieht in dem Vorgehen der Polizei einen weiteren Anlass, von einer neuen Qualität von Polizeigewalt zu sprechen. Es eskaliere immer weiter, sagt sie. Ähnliches habe man bereits bei solidarischen Palästina-Demonstrationen und Kundgebungen sehen können. Gerade marginalisierte Gruppen seien besonders von Polizeigewalt in Deutschland betroffen.

Falscher Fokus

Die Berichterstattung der Medien im Nachgang haben Miriam und Simon teils mit Unverständnis beobachtet. Simon zufolge sei sich etwa zu sehr auf den Auftritt von Alexander Eichwald eingeschossen worden, der mit einer Rede auf dem Gründungstreffen im Hitler-Stil aufgefallen war. „Ich will das nicht verharmlosen, aber die große Gefahr liegt viel mehr in der extremistischen und radikalisierten Basis und Spitze dieser Organisation und über die wird zu wenig gesprochen“, sagt Simon. Das habe wie eine Ablenkung fungiert – und den Blick abgelenkt etwa von der Ernennung Hohms zum Vorsitzenden von Generation Deutschland oder vom Fakt, dass der rechtsextreme Publizist Götz Kubitschek bei dem Treffen vor Ort war.

Grundsätzlich sind die beiden aber dennoch mit der Blockadeaktion zufrieden – sowohl mit der Zeitverzögerung als auch mit der Präsenz vor Ort. Beide hoffen, dass dies nun mehr Menschen zum Handeln bewegt.

Die Bochumer Kriminalstatistik für 2024 wurde veröffentlicht und es gibt Positives zu berichten. Die Gesamtzahl der Straftaten ist zurückgegangen von 53.485 auf 51.151. Ein Rückgang von ca. vier Prozent. In dem Zeitraum der letzten 30 Jahre ist es das Jahr mit den viert wenigsten Straftaten. Die Aufklärungsquote ist mit 55 Prozent auch auf einem Rekordhoch. Auch wenn die Anzahl der Gewaltstraftaten in Bochum zurückgegangen ist, ist sie in Witten und Herne leicht gestiegen. Aber mit einer Aufklärungsquote von 75 Prozent konnte hier ebenfalls ein Erfolg erzielt werden. Die Anzahl der Einbrüche ist zwar leicht gestiegen, liegt aber immer noch unter dem Durchschnitt der letzten 10 Jahren. Der Prozentsatz an versuchten Einbrüchen ist dabei gestiegen, also sind prozentual gesehen weniger Einbrüche erfolgreich. Das liegt vor allem an Sicherheitsaufklärung und Präventionsmaßnahmen, sagt die Polizei Bochum. Die Statistik von Betrug ist durchwachsen, zwar sind die Taten allgemein zurückgegangen, aber Betrug im Internet ist wieder einmal gestiegen. Der größte Erfolg kann bei den Fällen von Betäubungsmitteln verzeichnet werden, durch die Teillegalisierung von Marihuana ging die Anzahl in dieser Statistik um 44 Prozent zurück.

Die Polizeistelle von Bochum, Witten und Herne sieht die neue Statistik als Erfolg an. Sie sagt auch, dass durch Zivilcourage und Hilfe aus der Bevölkerung viele Straftaten aufgeklärt werden können. Dafür wird sich sehr bedankt. Trotz der anhaltenden Diskussion über Sicherheit in Deutschland, kann man zumindest für diese drei Stätde sagen, dass die Sicherheit sich allgemein verbessert hat.

:Steven Schöpper

Bild: Symbolbild, Wie sicher ist der Campus? Bild: bena

Content-Note: In diesem Kommentar geht es um die Körperverletzung, die sich am 20. Juli am Campus der Ruhr-Uni Bochum ereignet hat.  

Auch wenn unsere Stimmung mehr nach Sonderausgabe ist, sehen wir unsere Pflicht als studentisches journalistisches Medium über die Vorkommnisse am GA-Gebäude zu berichten. Dennoch ist dies ein Kommentar und beinhaltet den Einfluss der eigenen Meinung der Autorin. Der Kommentar wurde zur Klarheit der Leserschaft am 31.07.2022 geschrieben, um den Stand der Aktualität einzuordnen.  

 
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Bild: Symbolbild, Der Juni in der deutschen Protestgeschichte Bild: Marek Petersen

Drei Momente der deutschen Protestgeschichte, die nicht vergessen werden sollten: Der Tod Benno Ohnesorgs, der Hamburger Kessel und die Proteste gegen den G8 Gipfel in Heiligendamm. Denn Rechtsbrüche und Gewalt sind nicht neu, sondern gehören zum bewährten Repertoire der Polizei.

 
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Bild: Symbolbild, Kriminalstatistik mit üblichen Lücken Bild: kjan

Die PMK 2021 ist da, und leidet unter den üblichen Problemen. Sowohl im öffentlichen Diskurs und als Rechtfertigung für Gesetzgebung wurde dies bereits in der Vergangenheit oft genug problematisch. Ein Rückblick auf vergangene Statistiken und andere Untersuchungen gibt einen Einblick in die fragwürdigen Aspekte solche Bilanzen.

 
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Bild: Symbolbild , Krawalle in Schweden Bild: CC0

In Schweden kam es über die Osterfeiertage in mehreren Städten zu gewalttätigen Protesten, nachdem die dänische Rechtspartei Stram Kurs vergangene Woche ankündigte auf Kundgebungen den Koran verbrennen zu wollen.

Als die schwedischen Behörden diese Kundgebungen des Parteichefs Rasmus Paludan gestatteten, kam es zunächst in der Stadt Landskrona zu Krawallen bei denen rund 100 Menschen mit Steinen warfen und Fahrzeuge sowie Mülltonnen in Brand setzten. Nachdem die Kundgebung wegen der Krawalle nach Malmö verlegt wurde, kam es dort ebenfalls zu Protesten. Die Situation entspannte sich am Ostersonntag nicht, in der Stadt Norrköping gab die Polizei Warnschüsse ab und nahm dort rund 20 Menschen fest. Der Polizeichef Anders Thornberg zog am Ostermontag Bilanz und gab an, dass mindestens 26 Polizist:innen verletzt und 44 Menschen festgenommen wurden. Die Polizei vermutet, dass es sich bei den Krawallen nicht um normale Gegendemonstrant:innen handele, sondern kriminelle Gangs hinter den Angriffen stünden. Die Ministerpräsidentin Magdalena Andersson verurteilt die Gewalt und betonte, dass man nicht zur Gewalt greifen dürfe, egal wie man etwas findet. Der rechtsextreme Parteichef Rasmus Paludan plant weiterhin im Sommer an den Parlamentswahlen teilzunehmen. 

Schon in Dänemark fordert seine Partei Stram Kurs ein Verbot des Islams und die Ausweisung aller nicht ethnischen Dänen. Bereits 2019 ist Paludan negativ aufgefallen, als er Parallelen zwischen Afrikaner:innen und niederer Intelligenz gezogen hatte und zu 14 Tagen bedingtem Gefängnis verurteilt wurde. Im Juni 2020 wurde er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er erneut rassistische Äußerungen tätigte, zudem wurde ein Einreiseverbot nach Schweden verhängt. Das Einreiseverbot klagte Paludan ein; da er eine schwedische Staatsbürgerschaft besitzt, wurde dieses zurückgezogen. Im Oktober 2020 nahm die Polizei in Berlin Paludan wegen eines Einreiseverbots nach Deutschland fest. 

Es bleibt jedoch nicht bei den Ausschreitungen in Schweden, diese Woche kam es in Norwegen ebenfalls zu Krawallen. Ähnlich wie in Schweden, rief im Vorhinein das Bündnis Stopp Islamiseringen AV Norge (Stoppt die Islamisierung Norwegens) zu einer Versammlung auf, bei der ebenfalls gedroht wurde den Koran zu verbrennen. Auch hier ging die Polizei mit Tränengas gegen die mehreren hundert Gegendemonstrierenden vor. Der Außenminister des mehrheitlich muslimischen Inselstaates Malaysien verurteilt die Aktionen in Schweden scharf, diese gingen über die moralischen Grenzen und Normen der Meinungsäußerung hinaus und schüren Hass, der von allen zurückgewiesen werden müsse, die Frieden und ein friedliches Zusammenleben fördern.    

              :Artur Airich

Bild: Trauer und Wut: Mahnwache am 7. November vor dem Wuppertaler Landgericht., Viele Fragen – und keine Antworten Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und Migrant:innen

Es ist der dritte Fall in zwei Jahren: Die Wuppertaler Polizei steht in Verdacht, einen jungen Griechen getötet zu haben. 

 
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Bild: Leipzig: In den letzten Jahren oft Schauplatz des #Polizeiproblem, Wenn die Polizei sich in Räume zwängt, in die sie nicht gehör CC0

Kommentar. Die Unileitung blockiert Veranstaltungen, Polizei spaziert in Hörsaale. Ein weiteres Kapitel im langen Buch des Polizeiproblems, nicht nur in Leipzig, nicht nur in Sachsen.

 
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