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An der Ruhr-Universität Bochum führen Forschende Tierversuche mit Tauben durch. Die Ärzte gegen Tierversuche erheben deshalb immer wieder Vorwürfe gegen die Uni. Die RUB hält mit mehreren Statements dagegen. Wir haben uns beide Seiten angehört und den Diskurs zusammengefasst.

Die Ruhr-Universität Bochum führt, wie viele andere Unis auch, Versuche an Tieren durch: an Tauben, Mäusen, Ratten, Vögeln und Fischen. Ein Ziel dieser Forschungen ist es, Erkenntnisse über die Funktionen des Gehirns oder die Behandlung von Infektionen zu erlangen und diese dann auf den Menschen zu übertragen. Die Versuche an den Tauben finden in der Biopsychologie statt. Alle Tierversuche müssen von den Tierschutzbeauftragten der RUB und dem Landesverband für Verbraucherschutz und Ernährung genehmigt werden und unterliegen dem deutschen Tierschutzgesetz sowie europäischen Richtlinien. Die Tiere, an denen geforscht wird, sind auf dem Uni-Gelände untergebracht. Tierpfleger:innen beobachten sie. Rund die Hälfte der Tiere wird im Laufe der Forschung getötet. Im Jahr 2025 wurden 9.970 Tiere für die Forschung an der RUB eingesetzt.

Das ist ein Dorn im Auge von Organisationen wie dem Verein „Ärzte gegen Tierversuche“, der sich seit fast 50 Jahren gegen Tierversuche einsetzt. Ungefähr ein Viertel der Mitglieder des Vereins besteht aus medizinisch-wissenschaftlichen Personen, über die Hälfte davon sind oder waren in der Humanmedizin tätig. Der Verein bemüht sich um Aufklärung über Tierversuche, ob mithilfe von Kampagnen, Datenbanken oder Preisen.

Aktuell kritisiert der Verein die Versuche an Tauben an der Ruhr-Universität Bochum. Für die Ärzte gegen Tierversuche seien diese grausam und unnötig; die Ergebnisse ließen sich nicht auf Menschen übertragen. Im Zuge ihrer Kritik der Taubenversuche hat der Verein eine Petition gestartet, spricht sich regelmäßig auf Plattformen wie Instagram gegen die RUB aus und war Mitte April 2026 mit einem Infostand auf dem RUB-Campus vertreten.

Auf die Anschuldigungen der Ärzte gegen Tierversuche antwortete die RUB mit Statements auf ihrer offiziellen Website. In diesen weist die Uni die Vorwürfe zurück und betont, dass Tierversuche notwendig seien, um Erkenntnisse für uns Menschen zu erhalten. Sie beteuert, dass die Universität sich dafür einsetze, die Zahl der Tiere, an denen Versuche durchgeführt werden, zu reduzieren.

Der Diskurs

Der öffentliche Streit zwischen beiden nimmt unrühmliche Formen an: Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig, die Diskussion nicht korrekt zu führen, Fakten zu verzerren und beharren auf ihrem Standpunkt. Die Vorwürfe gehen so weit, dass die RUB den Ärzten gegen Tierversuche eine nicht ausreichende Moderation der öffentlichen Kanäle vorwirft und es in den Kommentarspalten zu Straftaten komme. Die Uni wirft dem Verein vor, „strategisch Halb- und Unwahrheiten“ zu verbreiten und kritisiert die „Skandalisierung des Diskurses“.

Um einen besseren Überblick über die beiden Standpunkte zu bekommen, haben wir mit beiden Seiten ein Interview geführt.

Von Seiten der Ärzte gegen Tierversuche hat Dr. Gaby Neumann unsere Fragen beantwortet. Sie ist seit 9 Jahren Mitglied der Organisation, führte vorher eine Tierarztpraxis und hat einen Doktor in Veterinärmedizin.

Das sagen Ärzte gegen Tierversuche

:bsz: Die RUB selbst gibt an, dass die meisten Tierversuche mit Mäusen und Ratten durchgeführt werden. Wieso fokussieren Sie sich auf die Taubenversuche?

Dr. Gaby Neumann: „Wir fokussieren uns auf die Taubenversuche, da diese an der RUB seit fast 30 Jahren ohne klinisch relevanten Nutzen für den Menschen durchgeführt werden. Nagetiere dominieren zwar quantitativ, aber die Taubenforschung steht exemplarisch für das Festhalten an unzuverlässigen Tiermodellen trotz verfügbarer moderner, für den Menschen relevanter Technologien.“

:bsz: Die RUB beteuert, dass Versuche an Vögeln weiterhin essenziell für Erkenntnisse in der Forschung sind. Betont wird, dass Vögel verwendet werden, da das Gehirn dieser unterschiedlich zu dem des Menschen ist, ihr Denken aber unserer Denkweise sehr ähnlich ist. Können Sie diese Argumentation nachvollziehen?

Dr. Gaby Neumann: „Diese Argumentation ist wissenschaftlich nicht haltbar. Zwar lösen Tauben ähnliche Aufgaben wie wir, doch ihr Gehirn nutzt dafür – aufgrund der gravierenden Unterschiede – einen völlig anderen biologischen ‘Bauplan‘. Man kann sich das wie bei einer mechanischen Uhr und einer Smartwatch vorstellen: Beide zeigen die Zeit an, aber ihre inneren Bauteile haben nichts miteinander zu tun.
Da die Gehirne auf zellulärer Ebene grundverschieden verschaltet sind, lassen sich Ergebnisse von Tauben nicht auf den Menschen übertragen. Ein Wirkstoff, der im Gehirn einer Taube funktioniert, ist für die Heilung menschlicher Krankheiten wie Alzheimer damit wertlos. Diese Neugierforschung an einem biologisch inkompatiblen System führt in eine Sackgasse.“

:bsz: In mehreren Statements besteht die Ruhr-Universität darauf, dass die durchgeführten Untersuchungen an Lebewesen durchgeführt werden müssen und Alternativen, zum Beispiel künstliche Organe, sich dafür nicht eignen würden. Was sagen Sie dazu?

Dr. Gaby Neumann: „Die Argumentation der Universität greift viel zu kurz und ignoriert dabei völlig die enorme Relevanz von Patienten- und Probandenstudien. So ermöglichen beispielsweise fMRT-Untersuchungen an Probanden, die Gehirnaktivität während Denkprozessen wie dem Lösen von Rechenaufgaben direkt abzubilden. Ein besonders wertvolles „Fenster zum Gehirn“ bieten zum Beispiel auch Patienten mit Epilepsie, die für ihre Behandlung bereits über dauerhafte Elektrodenimplantate verfügen; diese ermöglichen unersetzliche Einblicke in die Netzwerke der Nerven und die Gedächtnisbildung am wachen Menschen. Diese direkte klinische Forschung liefert wissenschaftlich weitaus präzisere Ergebnisse für den Menschen als Versuche an Tauben.“

:bsz: Die Ruhr-Uni gibt an, dass alle Versuche den geltenden Gesetzen entsprechen (deutsches Tierschutzgesetz und EU-Richtlinie 2010/63/EU). Sie kritisieren diese Versuche. Was halten Sie von den aktuellen Gesetzen des Tierschutzes?

Dr. Gaby Neumann: „Das Einhalten von Gesetzen ist kein Beleg für wissenschaftliche Relevanz oder medizinische Vorhersagekraft. Das aktuelle Recht erlaubt Versuche oft schon bei rein theoretischem Erkenntnisgewinn, vernachlässigt dabei aber die mangelnde Übertragbarkeit auf die menschliche Physiologie und den medizinischen Fortschritt.“

:bsz: Was wünscht sich die Organisation von der RUB?

Dr. Gaby Neumann: „Die RUB hat bereits selbst bewiesen, dass Forschung modern, tierversuchsfrei und humanbasiert möglich ist – etwa mit nicht-invasiven Studien am Menschen, mittels EEG oder MRT, und humanbasierten Zellkulturen wie Mini-Gehirnen. Es ist also nur konsequent und höchste Zeit, Taubenversuche an der RUB zu beenden und stattdessen innovative, tierversuchsfreie Forschung und Lehre intensiv auszubauen.“

Das sagt die Biopsychologie

Von Seiten der Ruhr-Universität Bochum haben wir mit Prof. Dr. Onur Güntürkün gesprochen. Er ist Leiter der Biopsychologie an der RUB und forscht am sogenannten „Avian Mind“. Er und sein Team erforschen also die Denkweise von Vögeln. Dafür führen sie Versuche an Tauben durch.

:bsz: Können Sie kurz zusammenfassen, was das Ziel der Avian-Mind-Forschung ist?

Prof. Dr. Güntürkün: „Wir wollen im Grunde die Mechanismen des Denkens verstehen. 100 Jahre lang sind wir einer falschen Theorie gefolgt. Entsprechend dieser Theorie braucht man sehr große Gehirne und diese großen Gehirne brauchen einen Kortex, sonst können komplexe Denkprozesse nicht entstehen. Die Forschung an Vögeln hat gezeigt, dass Vögel auch mit kleineren Gehirnen von nur 10 Gramm und ohne einen Kortex die gleichen Leistungen erbringen können wie zum Beispiel Schimpansen, und zwar in allen kognitiven Prozessen. Das bedeutet, dass unsere Vorstellung von dem, was komplexes Denken an Gehirnen erfordert, falsch sein musste. Unsere Forschung bezieht sich jetzt darauf, zu erforschen, was das Gemeinsame an Gehirnen und komplexen Denklösungsprozessen von Menschen, Schimpansen, aber auch Ratten und Vögeln ist, die an den gleichen Aufgaben arbeiten. Nur über die gemeinsame Schnittstelle über die sehr unterschiedlichen Gehirne können wir verstehen, was die neuronalen Grundlagen von Denkprozessen sind.“

:bsz: Die Ärzte gegen Tierversuche erheben immer wieder Vorwürfe gegen die RUB und beteuern, dass die Tierversuche an Tauben unnötig grausam seien. Können Sie die Vorwürfe verstehen?

Prof. Dr. Güntürkün: „Nein.“

:bsz: Die Organisation besteht darauf, dass sich die Ergebnisse der Forschung an Tauben nicht auf den Menschen übertragen lassen und somit ohne klinisch relevanten Nutzen seien. Was sagen Sie dazu?

Prof. Dr. Güntürkün: „Ich sage dazu, dass die gesamte Psychotherapie auf Experimenten an Ratten und Tauben beruht und sie eins zu eins übertragen wurden. Also wenn Sie heute zu einem Psychotherapeuten gehen und zum Beispiel eine Expositions- oder Konfrontationstherapie machen, machen Sie genau die Dinge durch, die experimentell validiert und entdeckt wurden – bei Tierexperimenten. Das ist nur ein Beispiel aus der Psychologie. Diese Beispiele ließen sich endlos wiederholen.“

:bsz: Es gibt mögliche Alternativen zu Tierversuchen, wie zum Beispiel nicht-invasive Versuche an Menschen oder zellbasierte Modelle. Die Ärzte gegen Tierversuche appellieren, diese Forschungsmethoden zu nutzen. Die RUB hingegen erklärt, dass diese Alternativen für diese Forschung nicht passend seien. Inwiefern sind diese Alternativen nicht passend oder ausreichend?

Prof. Dr. Güntürkün: „Zuerst einmal, dass wir und viele andere sehr viele verschiedene Methoden nutzen, die nicht tierexperimentell sind. Wir haben in den letzten Jahren sehr viele Methoden entwickelt, um die Zahl der Tiere, die in Tierversuchen eingesetzt werden, drastisch zu reduzieren. Das zweite ist – wenn ich das offen sagen darf – die Aussage, dass man das nicht-invasiv bei Menschen machen kann, dass man das an Computer-Modellen machen kann – das sind Fake News. Ich würde gerne sehen, welches Computer-Modell das sein soll. Wenn Sie zum Beispiel an die Large Language Models denken, die wir im Moment ja sehr diskutieren, dann basieren die im Grunde auf allem, was jemals geschrieben worden ist. Und damit werden sie gefüttert und haben die Möglichkeit, scheinbar sehr große logische Textmengen in einer sehr strukturierten Form zu machen. Das heißt, sie müssen aufgebaut werden auf existierenden Daten. Das Gleiche gilt für jedes Computer-Modell. Wenn ich ein Computer-Modell machen könnte, das mir helfen würde, zu verstehen, was die neuronalen Grundlagen des Denkens sind, dann bräuchte ich dieses Computer-Modell ja gar nicht mehr, weil ich es ja selbst gebaut hätte. Das heißt, ich muss ja erst wissen, wie etwas aussieht und wie etwas funktioniert, damit ich ein Computer-Modell davon machen könnte. Ich wüsste nicht, welches nicht-invasive Experiment beim Menschen das machen sollte. Also Ärzte gegen Tierversuche argumentiert immer: ‘So sollte es sein‘, aber sie werden an dieser Stelle nie konkreter. Wenn sie konkreter würden, kann ich mich gerne inhaltlich damit auseinandersetzen.“

:bsz: Können Sie sich vorstellen, dass es bald Alternativen gibt, mit denen die RUB Themen wie das Denkverhalten von Vögeln erforschen kann?

Prof. Dr. Güntürkün: „Das kommt immer auf die Fragestellung an. Natürlich gibt es viele Dinge, bei denen man keinen Tierversuch braucht. Ich selbst arbeite viel mit Menschen und da bin ich dann natürlich zwangsläufig auch nicht invasiv. Viele Dinge lassen sich so machen, ohne dass man Tierexperimente braucht; es kommt auf die Fragestellung an. Bei manchen Fragestellungen geht es und bei anderen geht es eben nicht.“

:bsz: Was wünschen Sie sich von den Ärzten gegen Tierversuche?

Prof. Dr. Güntürkün: „Dass sie konkret werden. Dass sie nicht Dinge behaupten, die nicht funktionieren, sondern dass sie sagen, wie konkret es gehen könnte. Dann könnte man in den Dialog treten.“

Sowohl die RUB als auch die Ärzte gegen Tierversuche halten also weiter an ihren Argumenten fest – diese widersprechen sich zum Teil gänzlich. Die RUB betont die Notwendigkeit dieser Forschung und hält daran fest, dass diese Forschungen an Tauben durchgeführt werden müssten, da Alternativen nicht ausreichten. Die Ärzte gegen Tierversuche halten dagegen und bestehen darauf, dass solche Forschungen mithilfe von Alternativen durchgeführt werden könnten, wie zum Beispiel an Modellen von Mini-Gehirnen. Darüber hinaus sagen sie, dass die Ergebnisse dieser Forschung sich gar nicht auf den Menschen übertragen ließen. Die Diskussion darüber, ob Tierversuche sich auf den Menschen übertragen lassen, ist schon lange Teil der Wissenschaft und noch immer konnte keine konkrete Antwort gefunden werden.

Das Thema geht weit über die aktuelle Posse an der RUB hinaus: Auf der ganzen Welt streiten sich Institutionen über die Notwendigkeit und Effizienz von Tierversuchen. Auf der einen Seite steht fest, dass Impfstoffe gegen Polio, Therapieansätze gegen HIV und die Grundlagen für den mRNA-Impfstoff (der gegen Corona eingesetzt wurde) mithilfe von Tierversuchen entwickelt werden konnten. Auf der anderen Seite muss die Frage nach der Ethik von Tierversuchen gestellt werden und ob es gerechtfertigt ist, Tiere für Versuche zu nutzen und sie zu töten, um Fortschritte in der Humanmedizin zu machen.

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