Zwischen Klausuren, Abgaben, der Regelstudienzeit und dem BAföG-Amt bekommen wir das Gefühl, dass wir um jeden Preis funktionieren müssen. Leidet man unter Migräne, kann das Studium so schnell zu einer enormen Belastung werden. Gleichzeitig kann sie niemand wirklich nachweisen. Die unerträglichen Schmerzen sind nämlich unsichtbar – bis sie alles sichtbar überschatten.
Die Sonne scheint und spiegelt sich in den Fenstern, der Campus ist voller Leben. Ich bin gerade auf dem Weg in die Universitätsbibliothek, um vor dem nächsten Seminar noch an einer Präsentation zu arbeiten. Eigentlich wollte ich sie gestern fertigstellen, doch ich konnte mich einfach nicht konzentrieren. Der Blick auf den leuchtenden Bildschirm war wie eine Überstimulation für meinen Kopf. Das erste Warnzeichen, dass mich bald ein Migräneanfall erwartet.
Noch während ich laufe, bemerke ich einen Lichtfleck in meinem Sichtfeld. Eine Halluzination? Oder habe ich unbewusst zu lange die Reflexion der Sonne beobachtet? Doch schon kurz darauf wächst der Lichtfleck – ein Symptom einer temporären neurologischen Störung im Gehirn – und mit ihm die Gewissheit, dass ich noch ungefähr 20 Minuten Zeit habe, bevor ich stechende Kopfschmerzen kriege. Die werden mich für die nächsten vier Stunden ausknocken – wenn ich Glück habe. Habe ich Pech, hält dieser Zustand bis zum nächsten Tag an und wird von Übelkeit und Erbrechen begleitet.
Was ich hier beschreibe, ist der Anfang eines Migräneanfalls. Dabei wird zwischen Migräne mit und ohne Aura unterschieden. Diese „Aura“ variiert in ihren Symptomen und fasst eine breite an neurologischen Störungen und Ausfällen auf. Dazu zählen Seh- und Sprachstörungen, Licht- und Lärmempfindlichkeit sowie Taubheitsgefühle, die bis zur Lähmung einer Körperhälfte führen können.
Migräne durchläuft vier Phasen. Es beginnt mit der Prodromi-Phase, bei der Symptome wie zum Beispiel Reizbarkeit, Lichtempfindlichkeit oder Muskelsteifheit Tage vor dem eigentlichen Anfall auftreten. Darauf folgt die Aura-Phase mit Plus- und Minus-Symptomen, die bis zu einer Stunde vor der eigentlichen Migräne einsetzt und unter anderem motorische sowie visuelle Störungen auslöst. Plus und Minus beschreibt dabei, ob es sich um neurologische Ausfälle handelt oder ob eine zusätzliche Reizerscheinung – wie die Lichtflecken, die ich sehe – hinzukommt. Sind die Symptome abgeklungen, setzt die Kopfschmerzphase mit pochenden und pulsierenden Schmerzen ein, die sich von Stunden über Tage ziehen können. Zum Schluss erreicht man die Erholungsphase, die sich in Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten und dem Gefühl, man hätte Watte im Kopf, äußert.
Seit meinem 13. Lebensjahr leide ich an Migräne und gehöre damit zu den rund 18 Millionen anderen Deutschen, die laut der Schmerzklinik Kiel mit dieser Gehirnerkrankung und ihren Folgen zu kämpfen haben. Migräne ist laut der Weltgesundheitsorganisation eine der weltweit häufigsten neurologischen Erkrankungen und zählt zu den führenden Ursachen für Einschränkungen im Alltag bei jungen Erwachsenen. Besonders betroffen ist die Altersgruppe zwischen 15 und 49 Jahren – also genau die Lebensphase, in der Ausbildung, Studium und Berufseinstieg stattfinden.
Trotzdem wird Migräne oft unterschätzt oder als „starke Kopfschmerzen“ verharmlost. Dabei geht Migräne deutlich weiter als das: Trotz Warnzeichen lässt sich ihr Auftreten schwer bestimmen. Setzt sie ein, pulsiert sie so lange im Kopf, bis man seine ganzen Pläne für den Tag absagen muss. Arbeiten oder Lernen funktioniert dann erst einmal nicht mehr. Die Migräne gestaltet Alltag und Freizeit, man selbst muss sich an sie anpassen. Gerade in stressigen Lebensphasen wie zum Beispiel am Ende des Semesters, mit wenig Schlaf, viel Bildschirmzeit und einem Kopf voller Sorgen, kommt sie sehr ungelegen.
Im Studium bedeutet das: Referate absagen, Prüfungen verschieben, Seminardiskussionen verpassen. Während Kommiliton:innen sich spontan zum Lernen in der Bibliothek verabreden, muss man selbst erst einmal abwägen: Wie hell ist es dort? Wie laut? Werden Lärm und Licht wieder einen Anfall auslösen? Selbst scheinbar banale Entscheidungen können zur Risikoabwägung werden. Migräne zwingt einen zur ständigen Selbstbeobachtung. Das kostet Kraft, noch bevor der eigentliche Schmerz beginnt.
Das Nervensystem von Migränepatient:innen ist ständig in einem erregten Zustand; es ist auf Hochspannung und verarbeitet Reize schneller als gewöhnlich. Ein Migränegehirn hat man also von Geburt an, es ist vererbbar. Bei den meisten beginnt die Migräne mit dem Einstieg in die Pubertät, Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer.
Laut der Schmerzklinik Kiel – eine Klinik, die sich auf die Therapie von chronischen neurologischen Schmerzen spezialisiert hat – ist ein Migräneanfall unter anderem abhängig von bestimmten Umweltfaktoren. Dazu können Schlafmangel, Wetterumschwünge, hormonelle Veränderungen, verpasste Mahlzeiten und Überanstrengung gehören. Faktoren, die den meisten Studis unter uns nicht fremd sind.
Und doch fühlen sich viele – auch ich – schlecht, wenn sie gezwungen sind, eine Frist zu verschieben oder sich krankzumelden. Denn für Menschen, die nicht betroffen sind, ist Migräne schwer nachzuvollziehen. Auch Ärzt:innen finden keine Auffälligkeiten. Oft verstärkt wird das schlechte Gewissen dadurch, dass es einem ein paar Stunden später doch wieder gut geht.
Mit der Zeit lernt man, Strategien zu entwickeln: ausreichend Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten, genug Wasser, Pausen von Bildschirmen. Manche führen ein Kopfschmerztagebuch, um Trigger besser zu erkennen. Andere arbeiten mit Medikamenten wie den verschreibungspflichtigen Triptanen, die spezifisch für die Behandlung von Migräne entwickelt wurden, bis hin zu vorbeugenden Behandlungsformen. Letztere können beispielsweise Entspannungstechniken oder Ausdauersport sein, die dabei helfen, die Häufigkeit der Anfälle zu reduzieren.
Doch selbst mit guter Prävention bleibt Migräne unberechenbar. Sie lässt sich managen, aber nicht kontrollieren. Gerade deswegen hilft es, darüber offen mit Dozent:innen zu kommunizieren. In der Regel haben sie Verständnis für unsere Situation und unterstützen uns dabei, eine Lösung zu finden. Manchmal kann auch ein Nachtteilausgleich die richtige Antwort sein, auch wenn der Prozess vielleicht Überwindung kostet.
Migräne ist eine ernstzunehmende Erkrankung, für die sich niemand schlecht fühlen sollte.
Sie zwingt uns, Grenzen zu akzeptieren, die andere nicht sehen. Und vielleicht ist genau das die größte Herausforderung im Studium: nicht der Leistungsdruck, nicht die Prüfungen, sondern das ständige Abwägen zwischen Anspruch und Gesundheit.
Die Sonne auf dem Campus wird auch morgen wieder scheinen. Und ich werde wieder in die Bibliothek gehen. Mit dem Bewusstsein, dass Rücksicht auf sich selbst keine Schwäche ist – sondern eine Notwendigkeit.
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