Die Psychologische Studienberatung der Ruhr-Universität Bochum berät die Studierenden bei ihren Sorgen und bietet eine Reihe von Workshops an, die sich mit den Anliegen der Studis beschäftigen. Sie helfen ihnen unter anderem dabei, Gedankenspiralen zu entkommen. Wir waren für Euch bei einem Workshop dabei.
Mit der Aufnahme eines Studiums verbinden die meisten von uns einen neuen Lebensabschnitt, aufregende Erfahrungen und hohe Ambitionen für die eigene Zukunft. Für viele von uns bedeutet das Studium aber auch Stress und den Druck, perfekt zu sein – ausgezeichnete Noten, die Einhaltung der Regelstudienzeit und bloß keine vermasselten Prüfungen. Es wäre doch schrecklich, wenn nicht alles glatt laufen würde. Schließlich hat man nur dieses eine Leben und das soll so fehlerfrei wie möglich gelebt werden. Eine fast schon utopische Vorstellung, die oft mehr Probleme bringt, als dass sie diese löst. Wie alle Medaillen hat nämlich auch die des Perfektionismus zwei Seiten: Etwas zunächst noch Positives kann so schnell ins Gegenteil umschlagen.
Genau an diesem Punkt setzt der Workshop „Nicht perfekt ist gut genug“ an, der am 14. Januar im Gebäude GD an der Ruhr-Universität Bochum veranstaltet wurde. Organisiert hatten ihn die Koordinatorin aus den Gender Studies, Nafissa Rami, und die Diplom-Psychologin Ranja Kaiser. In einer Runde von zehn Teilnehmer:innen eröffnete Frau Kaiser den Workshop gegen 14 Uhr mit einer musikalischen Einleitung. Für die nächsten zwei Stunden brachte Ranja Kaiser diverse kleine Aufgaben sowie Inputs zu Ursachen und Auswirkungen ein. In einer vertraulichen Runde tauschten sich alle Teilnehmenden miteinander aus.
So haben wir zu Beginn gesammelt, welche guten und welche schlechten Aspekte wir mit Perfektionismus verbinden. Interessant ist dabei, dass zwar überwiegend negative, aber auch positive Eigenschaften genannt wurden. Frau Kaiser erklärt uns daraufhin, dass Perfektionismus häufig mit einem überhöhten Anspruch an die eigene Leistungsfähigkeit einhergeht und im ungünstigen Fall von einem mangelnden Selbstwertgefühl begleitet wird. Perfekte Ergebnisse sollen vermeintlich zu einer Erfüllung dieses Mangels führen. Die Betroffenen können sie aber durch die unrealistisch hohe Messlatte, die sie sich setzen, nie erreichen.
Um diesen Gedanken besser zu verstehen, gingen wir im weiteren Verlauf des Workshops seinem Ursprung nach und fanden in der Herkunftsfamilie einen möglichen Auslöser. Nicht unbedingt, weil unsere Familien uns bewusst unter Druck setzen, sondern weil manche Verhaltens- und Denkmuster – wie zum Beispiel der Erhalt von Anerkennung durch Leistung sowie familiäre und gesellschaftliche Erwartungen – generationenübergreifend in unseren Leben verankert sind. Gerade das Ausprobieren neuer Muster und die Rückberufung auf das Hier und Jetzt könne dabei helfen, daraus auszubrechen. Letzteres probierten wir aktiv aus, indem wir bei einer Übung all unsere Sinne aktivierten und versuchten, unsere Umgebung – Geräusche, Gerüche etc. – einfach nur wahrzunehmen.
Es sei wichtig, sich selbst und anderen gegenüber eine Fehlertoleranz zu entwickeln. Dabei könne helfen, sich das Worst Case-Szenario – gegebenfalls mit Hilfe professioneller Unterstützung – vorzustellen und Möglichkeiten zu überdenken. Manche Lebenswege würden sich erst ergeben, wenn man scheitert, so Kaiser.
In einem persönlichen Gespräch erzählte Ranja Kaiser uns, dass sie bereits seit vielen Jahren bei der Psychologischen Studienberatung der Ruhr-Uni arbeitet und dadurch die hohen Ansprüche der Studierenden aus nächster Nähe mitbekommt: „Häufig kommen Ratsuchende mit dem Anliegen: ‚Ich werde meinen Ansprüchen irgendwie nicht gerecht, ich bin nicht so erfolgreich, wie ich könnte‘. Besonders im Zusammenhang mit Prüfungen, Prüfungsvorbereitungen oder Prüfungsängsten fällt ein perfektionistischer Anspruch auf, der jedoch eher hinderlich ist, um Prüfungen erfolgreich zu meistern.“ Der Workshop soll die Studis unterstützen, einen gesunden Umgang mit diesem Druck zu finden und zu lernen, dass es zum Leben dazu gehört, Fehler zu machen.
Das ist allerdings nicht alles, erzählte uns Frau Kaiser: „Dieser Austausch in der Gruppe ermöglicht immer zu erkennen, dass man nicht allein mit diesem Problem ist. Wenn ich in einer Gruppe darüber sprechen kann, kann ich Ursachen auch sehr gut relativieren: Was habe ich wirklich für einen Anteil daran, wo kann ich an mir arbeiten und wo ist meine Besorgnis unangemessen und eher hinderlich?“
Workshops wie dieser bieten Raum, persönliche Erfahrungen auszutauschen und unterstützen uns, eigene Bedürfnisse zu erkennen und unsere Zeit wertzuschätzen.
„Ich hatte auch Prüfungsängste. Ich habe auch hier und dort eine perfektionistische Neigung und mache die gleichen Fehler oder habe sie gemacht“, so Kaiser. „Alle Mitarbeiter:innen und Dozierenden sind im Grunde Vorbilder. Vorbilder im Unperfektsein, im Fehlermachen, im Nicht-alles-schaffen-können, nicht-alles-wissen – und dem Wissen, dass das normal ist. Diese Erkenntnis kann viel Stress nehmen.“
Eine Übersicht zu kommenden Workshops und weiteren Terminen der Psychologischen Studienberatung und des AStA findet Ihr hier: https://studium.ruhr-uni-bochum.de/de/workshops-coachings-und-beratung.
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