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Seit 2020 und der Entstehung von BookTok scheint eine regelrechte Welle des Leseenthusiasmus junge Menschen weltweit ergriffen zu haben. Während literarische Klassiker plötzlich wieder aus ihren verstaubten Regalen gezogen werden, gewinnt ein anderes, altbekanntes Genre immer mehr an Popularität und surft sich in die Tops der Bestsellerlisten: Romantasy – eine Mischung aus Romance und Fantasy. Mal dark, mal dreamy und kitschig. Und obwohl die Ähnlichkeit der Stories mittlerweile kaum zu übersehen ist, sind TikTok und Instagram voller Fans. Ist diese Ähnlichkeit nun ein Makel oder etwa cleveres Marketing mit Drachenflügeln?

Dieser Kommentar kann Spuren von Sarkasmus enthalten.

Schauen wir uns eine typische Romantasy-Story an: Sie ist anders als die Anderen und – eine Überraschung, mit der niemand gerechnet hat –, sie ist die Auserwählte, obwohl sie bis Seite 500 fest behauptet, „nichts Besonderes“ zu sein. Manche nennen sie ein Pick-me Girl, doch sie weiß, sie ist nicht so eine. Sie ist nämlich eine wahre Konfliktmaschine mit scharfer Zunge und Girlboss-Attitude, die niemandem vertraut – abgesehen von dem moralisch verkorksten und absolut nicht vertrauenswürdigem Love Interest nach zwei Kapiteln. Mal ist sie eine heimliche Königin (die zufälligerweise als bitterarme Waise geboren wurde), mal eine perfekte Heilige, die so sehr strahlt, dass man schon einen Blendschutz braucht. Die Außenseiterin wird hier schnell zum Allstar.

Und wenn sie nicht gerade eine Welt rettet oder zerstört, von der sie zehn Minuten zuvor noch nie gehört hatte, arbeitet sie ihre Traumata auf einer supergefährlichen Abenteuerreise auf und macht dabei den Eindruck, als sei das alles ganz normal. Mal ehrlich, wer braucht schon Therapie, wenn es einen hübschen Prinzen gibt, mit dem man zufälligerweise irgendwo im Nirgendwo à la Forced Proximity eingesperrt wird. Ganz abgesehen von den häufig vorhanden dark-romance-Elementen, die sicherlich eine sehr positive Wirkung auf die angeschlagene mentale Gesundheit der Protagonistin haben. Aber wer bin ich schon, dass ich das beurteilen kann.

Tja, hätten die Protagonistinnen nicht alle einen absolut ungewöhnlichen Namen, bei dem hin und wieder das „I“ gegen ein „Y“ getauscht und das „K“ durch ein „X“ ersetzt wird, würden wir wohl alle denken, ich rede gerade von der gleichen fiktiven Person. Alles frei nach dem Prinzip: „Schreib ruhig ab, but don’t make it obvious.“

In ihrem verzweifelten Streben danach, sich vom Rest abzuheben, misslingt den Autor:innen leider genau das. Denn je mehr solcher Bücher ich lese, desto öfter bekomme ich das Gefühl, hier hat jemand die Leertaste mit copy und paste verwechselt. Immer wieder dieselben Erzählmuster und dieselben Charakterentwicklungen: Feinde, die sich wider Erwarten ineinander verlieben (Enemies-to-Lovers), vom Schicksal vorbestimmte Partner:innen (Fated Mates) oder eine Liebe, die gegen jegliche Regeln verstößt (Forbidden Love). Natürlich nicht zu vergessen das gute Liebesdreieck (Love Triangle), was vielen bereits auch aus Trash-TV-Sendungen wie Are You The One (RTL) bekannt sein dürfte.

Und trotzdem – und hier kommt der überraschende Part – macht genau das alles einen riesigen Teil des Charmes aus. Genau diese Vertrautheit hat auch ihre Stärke. In einer Welt, die chaotisch, unsicher und manchmal ziemlich frustrierend sein kann, bieten diese Geschichten einen gesicherten Ort, an den man zurückkommen kann. Die repetitiven Tropes und Plots sind nicht einfach nur der Ausdruck von Einfallslosigkeit. Sie sind Bausteine einer literarischen Sprache, die schnell verständlich ist und Emotionen effektiv transportiert. Die Protagonistinnen erlauben uns, sofort in ihre Welt einzutauchen, weil man diese Archetypen schon kennt, liebt und vielleicht sogar heimlich ein bisschen bewundert. Diese Bücher sind oft kleine emotionale Trainingslager: Sie zeigen, wie Menschen (oder Elfen, Vampire und Hexen) mit Verlust, Angst, Loyalität und moralischen Dilemmata umgehen.

Sind wir mal ehrlich: Ich lese diese Stories wirklich gerne. Sie sind nicht „total blöd“, wie man am Anfang vielleicht denkt. Und ja – ich gebe zu, manchmal erwische ich mich dabei, wie ich gespannt darauf warte, wie genau diesmal das typische Enemies-to-Lovers-Spiel ausgeht oder welches dunkle Geheimnis die verbotene Liebe noch enthüllen wird.

Die Wiederholung von Tropes ist dabei nicht etwa faul, sondern eine Art moderne Märchenstruktur. Sie folgt einem bestimmten Schema – nichts Ungewöhnliches, sondern sehr typisch in der literarischen Welt. So werden beispielsweise auch Krimis als Schemaliteratur klassifiziert. Das Romantasy-Genre müsste jedoch näher untersucht werden, um es endgültig als Schemaliteratur bezeichnen zu können.

Schließlich ist Romantasy mehr als nur ein Genre: Es ist eine Einladung, sich in fantastische Welten zu verlieren, die einen für ein paar Stunden den Alltag vergessen lassen.

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