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„Work Hard, Play Hard“, lautet das Credo des Hochglanzmagazins für den desillusionierten Workaholic. Dem Rhythmus gemäß hätte eigentlich noch ein „Die hard“ folgen müssen, aber dann wären die Macher wohl Gefahr gelaufen, die Werbepartner aus den Häusern BMW und Hugo Boss zu verlieren, und so weit geht die Coolness eben nicht; bei aller Spielfreude bleibt man doch immer noch Ökonom, Lifestyle-Ökonom sozusagen: „Hier geht es um Wirtschaft jenseits von Umsatzzahlen und Gewinnprognosen. Es geht um das laute, schnelle Leben, das hinter dem Business tobt. Und um Typen, die in Unternehmen etwas unternehmen“, verspricht Redaktionsleiter Nikolaus Röttger im Vorwort der ersten Ausgabe. Die Themenpalette reicht von einem  Richard-Branson-Portrait über den großen Checker-Check: „Die Nacht sei mit dir. 24 Stunden durcharbeiten“ bis zu „Sexy Sekretärin, die Versuchung im Vorzimmer“. Das soll natürlich provozieren, immerhin ist man ja jetzt Punk. Dass sich jedoch das Angebot kaum von den Marktdinosauriern wie „Manager“ oder eben „Playboy“ unterscheidet, wird mit einer neurasthenischen Geste unter den Tisch gekehrt. Plötzlich scheint alles möglich – Punk sei dank.

Haste mal 1000 Euro?

Aber sie wollen ja nur spielen: „Natürlich ist das ganze ein Spiel mit dem Punk-Begriff. Punk hatte viel mit Selbstvermarktung zu tun, etwa bei den Sex Pistols“, behauptet Röttger im Interview auf der Homepage des Magazins. Das sind natürlich auch so typische Bürospielchen, wo sich einer zum Deppen macht, und alle anderen das geil finden, weil sie ja sonst keine Themen haben. BWLerInnen, die ihre Jugend gegen die Karriere getauscht und ihr langweiliges Leben lang immer auf Sicherheit gesetzt haben, möchten heute an einem aufregenden Lifestyle-Entwurf partizipieren. Sie wollen sich nicht auf den Golfplätzen von halbsenilen Businness-Rentnern volllabern lassen, sondern auf der After-work-Party Kokain ziehen, Gangster-Rap hören, mit ihren PartnerInnen flexible Teams bilden und ansonsten ihren Gang-Bang-Phantasien nachgehen. Die meisten haben Ellis’ American Psycho gelesen, nun ist es an der Zeit, sich zu der eigenen Raubtier-Coolness zu bekennen. Dass dieser Plan mit der Assimilation des Punk-Begriffes allerdings nicht aufgehen kann, das hat ihnen niemand gesagt; sie selbst haben in den Neunzigern die letzten Geisteswissenschaftler aus ihren Büros verbannt. Und so werden fleißig die Business-Punk-Bezüge hergestellt. Ein Artikel wie „Never mind the crisis. Here’s the business punk.“ von Anja Rützel avanciert zum Parceforceritt über die Schlachtfelder der Trivialität. Klar sei das Punk „wenn Unternehmer ausbrechen und ausführen, wenn sie sich auflehnen und ablehnen, was der Rest für gute Tradition hält. Sie schaffen und zerstören, und während sie Millionen machen, tobt eine Bestie in ihnen.“ – Hui! – Dirty Anja hat ja voll die krasse Schreibe. Schumpeters „Schöpferische Zerstörung“ als Alice-Cooper-Videoclip. Leider reicht das nicht für die Punk-Kultur, die in den letzten dreißig Jahren ihre eigenen Qualitätsstandards gesetzt hat. Im Vergleich zu etablierten Szenefanzines wie „Plastic Bomb“ oder „Ox“ nimmt sich der anvisierte Sound von Business Punk wie der einer Schülerzeitung aus. Hier hätte ein bisschen Recherche dem Projekt nicht geschadet.  

Bruttosozialprodukt is burning

Jenseits jeglicher Streetcredibility werden in einem Atemzug Malcolm McLaren und Donald Trump genannt, „dessen sonderbar über den Kopf gebügelte Ondulierfrisur in jedem Fall Punk ist.“ – Aha. Das also soll die große Provokation sein? Dieses unmotivierte Heraufbeschwören der alten semiotischen Guerillakämpfe? Langweilig. Systemimmanent langweilig müsste es vollständiger Weise lauten, da die Macher von Business Punk immer nur mit ihrer eigenen (ökonomischen) Autopoesis an dem subkulturellen System Punk anzudocken versuchen. Synergetische Kopplungen bleiben ausgeschlossen. Und weiterführende Erklärungen nur gegen Honorar. Cash for Fantasie, na logo. Bleibt zu befürchten, dass Business Punk nach dem potentiell kommerziellen Desaster im Jahresrückblick unter die Rubrik Kunst fallen wird. Diese gegenwärtige Tendenz der Print-Bourgeoisie analysierte unlängst sogar Rainald Goetz in seinem jüngsten Buch „loslabern“ in Bezug zur Springerpresse. Die Zielgruppe erschließt sich „in der aufpeitschenden Zusammenstellung emotionaler Gegenkräfte […], die Raffinierung und Sophistikation des Ordinären“. Das gilt sicher nicht nur für Döpfners Output. Das Vorhaben „explizit bejahte Affirmation von Trash und übler Nachrede“ zur Kunstform zu erheben, kann durchaus funktionieren. Diese ganze Ghetto-Rap-Geschichte war doch wunderbar, weil eben immer auch bewusst peinlich. Ganz anders dagegen nimmt sich Business Punk aus: dieses freche Augenzwinkern, mit dem versucht wird, die reaktionärsten Stereotypen als Lifestyle-Offenbahrung zu verkaufen, nur indem man ein bisschen an der Wortbedeutungsebene rumschraubt, dieses freche Augenzwinkern hat sich im Punk immer schon ein Veilchen eingefangen. Oben ist eben nicht nur die Luft dünner, nein, es passiert auch sonst nichts. Also: hört auf zu betteln, ihr werdet niemals mitspielen dürfen.

 

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