bsz: Für die dritte Juniwoche rufen bundesweit Gruppen dazu auf, das normale Geschehen an den Schulen und Hochschulen zu unterbrechen. Im Aufruf sprecht ihr von Demonstrationen, Blockaden und Besetzungen, aber auch alternative Vorlesungen und Diskussionsveranstaltungen sind geplant. Wer steckt eigentlich hinter diesem ambitionierten Programm?
Benjamin: Das Bündnis ist bunt gemischt. Der größte Teil der Aktiven besteht aus SchülerInnen und StudentInnen, aber auch einige ProfessorInnen und LehrerInnen sind dabei. An vielen Unis gibt es schon seit den Protesten gegen die Einführung von Studiengebühren Gruppen, die jetzt mit neuen Leuten wieder verstärkt aktiv werden. Die SchülerInnen haben schon vergangenes Jahr aufsehenerregende Demos für bessere Bildung organisiert. Daran knüpfen wir an. Zur Zeit entstehen aber in vielen Städten auch ganz neue Gruppen. Wir wollen alle mit ins Boot holen, die von den katastrophalen Missständen im Bildungssystem betroffen sind. Auszubildende und ErzieherInnen leiden unter der aktuellen Bildungspolitik genauso wie SchülerInnen, Studierende, LehrerInnen und ProfessorInnen. Im Bildungsstreik geht es darum, endlich gemeinsam die Stimme zu erheben und zusammen Lösungen zu entwickeln, die auch gesamtgesellschaftlich Sinn machen.
bsz: Euer Bündnis verfolgt hohe Ziele – ihr fordert unter anderem die vollständige öffentliche Finanzierung des Bildungssystems ohne Einflussnahme der Wirtschaft und die Abschaffung aller Bildungsgebühren. Denkt ihr, dass ihr diese Ziele mit diesem Streik erreichen könnt?
Benjamin: Durch die weltweite Finanzkrise ist mehr als deutlich geworden, dass die Steuerung durch Marktprozesse und Privatinteressen mit großen Risiken verbunden ist. Immer mehr Menschen verstehen, dass wir abseits der eingefahrenen Ideen und Gewohnheiten Lösungen finden müssen. Doch das ist nur möglich, wenn wir unabhängig von wirtschaftlichen Einzelinteressen und ohne den Druck von Bildungsgebühren lernen und denken können. Das in der Öffentlichkeit zu vermitteln, wird sicher nicht einfach. Aber es ist sicherlich einfacher als noch vor dieser Krise. Wichtig wird jedoch sein, auch nach dem Streik am Ball zu bleiben und das Thema immer wieder in die Öffentlichkeit zu rücken. Die Streikwoche ist also ein Auftakt, nicht das Ende.
bsz: Was habt ihr bisher für die Streikwoche im Juni geplant?
Benjamin: Das Bündnis setzt grundsätzlich auf die Kreativität der Aktiven und Gruppen vor Ort. Gemeinsam haben wir aber zwei bundesweit einheitliche Termine festgelegt: Am Mittwoch, den 17. Juni, wird es dezentrale Demonstrationen in ganz Deutschland geben. In praktisch jeder Stadt werden SchülerInnen und Studierende gemeinsam auf die Straße gehen, um sich für eine Verbesserung der vielen Missstände im deutschen Bildungssystem einzusetzen. Vorbild der Aktion ist der Schulstreik vom November vergangenen Jahres. Da haben insgesamt 120.000 Schülerinnen und Schüler demonstriert. Der darauffolgende Donnerstag wird unter dem Motto „Tag des zivilen Ungehorsams“ stehen. Hier werden die einzelnen Gruppen in den Städten mit verschiedensten Aktionen zeigen, wie einfach es grundsätzlich ist, das Bildungssystem nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Die restlichen Tage der Streikwoche wollen wir hier im Bochumer Bildungsstreik-Bündnis mit eigenen Ideen füllen. Um das zu planen, treffen wir uns jetzt jeden Donnerstag um 17 Uhr im AStA.
bsz: Du sprichst von „zivilem Ungehorsam“. Was verstehst du darunter?
Benjamin: Das ist ein Prinzip, das nicht nur in der Bildungsstreikwoche funktioniert. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Anwesenheitslisten. Die strenge Kontrolle der Anwesenheit ist in vielen Studiengängen ja erst vor kurzem zusammen mit den neuen Bachelor- und Masterabschlüssen eingeführt worden. Für viele Studierende ist das ein großes Ärgernis: Anstatt selbstständig entscheiden zu können, ob man eine überfüllte Vorlesung besuchen will, wird man durch die Anwesenheitsliste dazu gezwungen, obwohl die Vorlesung überhaupt keinen Lernerfolg mit sich bringt. Die Zeit könnte man sinnvoller verwenden, indem man sich den Stoff zu Hause selbst beibringt. Wir fordern deswegen zusammen mit den Studierendenvertretungen, diese absurde und bürokratische Anwesenheitspflicht abzuschaffen. An einigen Unis sind Studierende aber schon längst selbst aktiv geworden, denn sie haben gemerkt: Man muss nur die Anwesenheitslisten „verschwinden“ lassen, und schon können die DozentInnen nicht mehr nachhalten, wer gefehlt hat und wer nicht. Solche Aktionen wollen wir mit dem Tag des zivilen Ungehorsams bekannter machen. Denn mit diesen eigentlich kleinen Akten des „zivilen Ungehorsams“ können alle das eigene Leben an der Uni ein wenig angenehmer gestalten. Gleichzeitig können wir ein Zeichen setzen, dass uns was an den herrschenden Strukturen nicht gefällt. Sich gegen Dinge zu wehren, die einem nicht gefallen, muss ja nicht bedeuten, dass man Gewalt anwendet oder Gefahr läuft, Ärger mit der Polizei zu bekommen. Es reicht häufig, Dinge, die man unsinnig findet, nicht einfach blind mitzumachen und stattdessen öffentlich in Frage zu stellen.
bsz: Vielen Dank für das Gespräch!
Â
0 comments