Der Inselkunde zweiter Teil

Nachdem die bsz in der letzten Woche mit den Themen „Wohnen, Essen und Reisen“ die Grundsteine in Sachen Inselkunde „Grossbritannien“ gelegt wurden, folgt sogleich der zweite Teil. Der Besucher soll schließlich nicht nur überleben, ein gewisses Maß an sozialen Kontakten und gesellschaftlichem Wissen ist von Vorteil. Dazu nun die Punkte Mode, Nationalbewusstsein und Religion.

Punkt 4: Mode.

Dieses augenscheinliche Thema begegnet dem aufmerksamen Reisenden schon am Flughafengate in Deutschland. Engländer kleiden sich teilweise anders als Deutsche. Konträr zu schon sprichwörtlich anderen klimatischen Gegebenheiten scheinen manche Briten eine stumme Protesthaltung gegenüber dem Wetter zu pflegen und geben vor, auf Sizilien statt den britischen Inseln zu leben. Sandalen, bloße Beine und T-shirts bei zwölf Grad Celsius sind keine Besonderheit. Nur noch gesteigert an den Wochenenden, wenn sämtliche sekundäre Geschlechtsmerkmale zur Schau gestellt werden, ob diese nun sehenswert sind oder nicht. Kritiker würden einigen Damen Fettleibigkeit unterstellen, noch betont durch Miniröckchen kombiniert mit goldenen Leggins (Vergleiche mit Kalbsleberwurstrollen entspringen der blühenden Phantasie der Redakteurin, sind jedoch nicht gänzlich von der Hand zu weisen) und den zu tief ausgeschnittenen Seidentops. Der Fachbegriff des „Muffintops“ sei an dieser Stelle eingeführt: Er bezeichnet einen Vergleich von Damenoberteilen und dem amerikanischen Gebäck, wobei das Papierchen dem wenig vorhandenen Stoff symbolisiert und das überquellende Gebaeck dem Fleisch der Trägerin gleichkommt. Wahrlich bewundernswert sind jedoch die Fertigkeiten der Damen, sich täglich auf hohen Pfennigabsätzen zu bewegen, denn diese werden allzeit in Beruf und Freizeit getragen. Über die durch und durch elegante Berufskleidung, gutdeutsch „Businessoutfit“, kombiniert der wetterfeste Engländer gern seine leuchtend farbige Allwetterjacke.

Punkt 5: Nationalbewusstsein.

Anders als die zurückhaltende Einstellung der Deutschen gegenüber ihrem Staat praktizieren vor allem die Engländer ihren Nationalstolz mit zunehmender Offenheit. Dieser Ausdruck des Gemeinschaftsgefühls mag der Wirtschaft des Landes förderlich sein, geht jedoch mit einem Unwissen über Leistungen anderer Länder einher: Britischer OPNV ist besser als Deutscher, auch wenn es fuer eine Stadt der Groesse Essens nur drei Straßenbahnlinien und keine U-Bahn gibt. Verdutzte Gesichter begegnen einem, definiert man die Herkunft der Firmen Vauxhall (Opel), Spar oder Miele als nicht englisch. Britische Ärzte sollen die Besten sein, auch wenn NutzerInnen der gesetzlichen Krankenkasse teilweise Monate oder Jahre auf Operationen warten müssen. Das britische Pfund hat den 1,4fachen Wert des Euros, weswegen die britische Wirtschaft natürlich die stärkste Europas ist (Das BIP des Jahres 2005 verzeichnet Deutschland auf einem weltweit dritten Platz gefolgt von Großbritannien, vergleicht man das BIP pro Kopf 2005 liegen allein neun europäische Staaten vor den Briten, Deutschland ist nicht darunter).

Punkt 6: Religion.

Durch den Kolonialismus leben viele MigrantInnen und deren Nachfahren mit einer erfreulichen Selbstverständlichkeit auf den britischen Inseln. Unter ihnen waren im Jahr 2005 etwa 1.6 Millionen Muslime, welche sich aktuellen Umfragen zufolge stärker mit Großbritannien verbunden fühlen als die Gesamtbevölkerung. Trotzdem entwickeln Medien und einige Teile der Bevölkerung eine große Vorsicht gegenüber Muslimen. Sie zu kritisieren oder gar zu beleidigen wird von der Öffentlichkeit sofort harsch verurteilt. Dies geht einher mit einer großen Angst vor terroristischen Anschlägen, besonders durch Einsätze britischer Truppen im Irak und Afghanistan, sowie der Unterstützung der amerikanischen Kriegspolitik. Teilweise nimmt diese Vorsicht abstruse Formen an: So wurde in Regierungskreisen überlegt, den gesetzlichen Feiertag des christlichen Weihnachtsfestes in „Winter Festival“ umzubenennen, um Muslime nicht zu beleidigen. Ebenfalls umbenannt wurde das Musical einer englischen Schule: Die Rektorin befürchtete, die Geschichte der „Drei kleinen Schweinchen“ könnte Unmut unter muslimischen SchülerInnen und Eltern hervorrufen. Die Schweinchen (engl. piggies) wurden also durch Hündchen (puppies) ersetzt. Der Imam des Stadtviertels betonte, dass es zwar verboten sei Schweinefleisch zu essen, es aber durchaus erlaubt sei über sie zu singen.

jkae

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