Vor genau 106 Jahren wurde eine der bedeutendsten Biochemikerinnen der Wissenschaft geboren. James Watson sagte 2018 über sie: „Ich würde sie als Loser bezeichnen (…) sie hat es verkackt.“ Die Person, über die der Forscher redet, ist Rosalind Franklin – die Frau, der er sein Lebenswerk verdankte. Watson bekam 1962 zusammen mit Francis Crick und Maurice Wilkins den Nobelpreis für Medizin. Doch was lange nicht bekannt war: Wesentliche Teile ihrer Forschungsergebnisse über die Struktur der DNA waren gestohlen – von einer Frau, die sie selbst nie als ebenbürtig wahrnahmen.
Biologieunterricht. Das Cover eines populären Biologiebuchs ziert ein Bild der zwei Wissenschaftler: Francis Crick rechts im Bild; aufrechte Haltung, sein linkes Bein leicht erhoben abgestellt, seine linke Hand auf dem Bein abgelegt. Seine Pose erinnert fast an die eines Imperators. Mit der rechten Hand hält er einen Zeigestock und zeigt mit dem Werkzeug auf ein Modell der DNA in Doppelhelix-Struktur, welches ihn sichtlich überragt. James Watson, links im Bild, schaut fasziniert auf das übergroße DNA-Modell. Beide scheinen ganz entzückt von dem, was sie dort vor sich haben. Und das zurecht. Denn dieses Modell legt offen, was bis zu dem Zeitpunkt der Wissenschaft noch verborgen war: Die DNA hat die Struktur einer Doppelhelix. Diese Erkenntnis legte den Grundstein für die Genetikforschung und viele Teilaspekte der Medizin. Das Bild verfehlte seine Wirkung nicht. Auch ich als damalige Schülerin hatte dieses Buch – und war nicht nur beeindruckt von den zwei Männern, sondern auch fasziniert von dem, was sie als Wissenschaftler erstmalig geschafft hatten.
Doch der Schein trügt. Auf dem Bild nicht zu sehen ist die Frau, die die Titelseite mehr verdient hätte: Rosalind Franklin, die Biochemikerin, ohne die Watsons und Cricks wissenschaftlicher Durchbruch nie hätte stattfinden können.
Dem Nobelpreis beraubt: Rosalind Franklin, das heimliche Genie hinter dem Watson-Crick-Modell
Rosalind Franklin wird am 25. Juli 1920 in eine einflussreiche Familie in London geboren. Der familiäre Wohlstand ist ihr großes Glück, da sie schon als an Naturwissenschaften interessiertes Kind von ihren Eltern gefördert wird. 1938 studiert sie an der Cambridge University Natural Science mit Spezialisierung auf Chemie und schließt ihr Studium 1945 mit einem Doktor der Chemie ab. 1950 erhält sie schließlich den entscheidenden Forschungsauftrag des Londoner King‘s College, welcher einen revolutionären Einfluss auf die Wissenschaft der damaligen Zeit haben wird. Mithilfe von Röntgenstrahlen forscht sie hier mit den besten Forschungsmöglichkeiten an der Strukturanalyse der DNA. Die Voraussetzungen für eine steile Karriere stehen gut für die Biochemikerin – wenn nicht zwei andere Männer knapp 1.000 Kilometer von Franklins Labor entfernt am selben Forschungsbereich forschen würden…
James Watson und Francis Crick versuchen ebenfalls hartnäckig, die versteckten Strukturen hinter der DNA zu entschlüsseln, deren Zusammensetzung und Aufbau die beiden Forscher vor ein großes Rätsel stellt. Und dann ist da noch Maurice Wilkins. Er wird sich als entscheidende Schlüsselfigur herausstellen, der den beiden zu ihrem Durchbruch verhilft.
Franklin soll mit Wilkins am King‘s College zusammenarbeiten – und das nicht als Assistentin, wie er zuerst fälschlicherweise annahm, sondern als gleichgestellte Forscherin. Auch sonst nimmt er die Biochemikerin nicht wirklich ernst. Er betitelt ihren Erfolg als Glück, besonders wenn die schlaue Frau ihn auf Fehler seinerseits in der gemeinsamen Forschung hinweist. Für Watson und Crick, die Wilkins auf einer Konferenz kennenlernen, stellt sich seine Zusammenarbeit mit der kompetenten Wissenschaftlerin jedoch als Glücksfall heraus.
Denn an sie gibt Wilkins Informationen ihrer Forschungsergebnisse weiter, mit denen sie ihre Modelle mehr und mehr erweitern können. Die Daten hat er sich hinter Franklins Rücken aus ihren Unterlagen entnommen. Am 2. Mai 1952 gelingt dann der große Durchbruch. Rosalind Franklin schafft es, eine saubere Röntgenaufnahme der DNA zu machen, welche die letzten Hinweise zur Entschlüsselung der DNA-Struktur gibt. Die DNA ist eine Doppelhelix – eine revolutionäre Entdeckung. Dem ist sich auch Maurice Wilkins bewusst und macht eine heimliche Kopie von dem entscheidenden „Foto 51“, der Aufnahme, die für die Männer, nicht aber für die Frau, die das Bild selbst gemacht hat, schließlich lebensverändernd sein wird.
Dann, 1962, passiert es: Der Nobelpreis für Medizin geht an James Watson, Francis Crick und Maurice Wilkins – für den Nachweis, dass die DNA-Struktur eine Doppelhelix ist. Franklin bleibt auch in Watsons Rede gänzlich unerwähnt:
„Der heutige Abend ist sicherlich der zweitschönste Moment in meinem Leben. Der erste war die Entdeckung der Struktur der DNA.“
Große Worte für einen Mann, der seinen Ruhm einer Frau verdankt, die er nie als gleichgesinnte Forscherin, sondern lediglich als Werkzeug für seine eigene Bereicherung betrachtet hatte.
Doch diese Ungerechtigkeit ist viel größer als nur das Einzelschicksal von Franklin. Der Nobelpreis zeichnet, wie Nobel selbst einst festlegte, „den Würdigsten“ aus. Die Auszeichnung legt fest, wer würdig genug ist, gesehen zu werden. Dies hängt zwangsläufig mit Prestige und gesellschaftlichen Verhältnissen zusammen. Sie definieren, wer in diese benannte Kategorie fallen darf. Rosalind Franklin wurde von Männern beraubt, die sie nie als würdig anerkannt haben. Das Tragische bei alldem ist zusätzlich, dass Franklin bereits vier Jahre vor der Verleihung des Nobelpreises starb. Sie konnte also nie für die Ungerechtigkeiten einstehen, die sich auch im Weiteren über ihr Gedenken verbreiten sollten – auch wenn sich dies zu der damaligen, von einflussreichen weißen Männern geprägten Zeit, schwierig gestaltet hätte.
Mechanismen gegen geschlechtsbezogene Benachteiligungen oder gar Gender Bias waren damals nämlich noch undenkbar, in einem Land, in dem Frauen noch nicht mal ein eigenes Bankkonto ohne die Erlaubnis ihres Mannes eröffnen konnten. Auch dürfen Nobelpreise auf nur maximal drei Personen aufgeteilt werden. Einer der Forscher hätte also leer ausgehen müssen. Das Komitee ist zudem bei der Vergabe des Preises völlig autonom und kann nicht verklagt werden. Die Entscheidungen sind also endgültig. Und selbst wenn es zu einer Klage gegen Willkins Datenraub gekommen wäre, hätte sich der Prozess als sehr schwierig gestaltet. Offiziell arbeitete der Forscher nämlich am selben Institut mit Franklin zusammen, weshalb die Weitergabe des Fotos zwar ohne ihre Zustimmung erfolgte, jedoch juristisch sehr wahrscheinlich nicht als Diebstahl geistigen Eigentums durchgegangen wäre. Die Forscher taten darüber hinaus einiges, um den Ruf und das Andenken Rosalinds klein zu halten und ihr Schaffen zu degradieren.
Die Dreistigkeit der Forscher treibt James Watson 1968 auf die Spitze. In seinem autobiografischen Werk „Die Doppelhelix“ gibt er nicht nur jeglichen Datenraub an Franklins Forschung offen zu (wodurch dieser erst öffentlich wurde), sondern nennt Franklin auch abfällig „Rosy“ und äußert sich abwertend über ihr Aussehen:
„Sie tat nichts, um ihre weiblichen Eigenschaften zu unterstreichen. Trotz ihrer scharfen Züge war sie nicht unattraktiv, und sie wäre sogar hinreißend gewesen, hätte sie auch nur das geringste Interesse an ihrer Kleidung gezeigt. Das tat sie nicht.“
Franklin schminkte sich nicht, trug einfache Kleidung und hatte sich für ihre intensive Forschung gegen eine Ehe entschieden. Dies alles entsprach James Watsons Idealbild einer Frau nicht – und damit war er leider in der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts nicht allein.
Watsons Werk ist damals wie heute eines der einflussreichsten wissenschaftlichen Werke, und nur wenige stören sich an den „Mitteln“, die der Forscher dafür einsetzte.
Eine Reflexion seines Handelns oder gar eine Anerkennung der Biochemikerin im Nachgang ist undenkbar. 2018 sagte er noch selbst über die Forscherin:
„Ich würde sie als Loser bezeichnen (…) sie hat es verkackt.“
Und doch ist der Ruf des Wissenschaftlers größtenteils unversehrt und Rosalind Franklins Name immer noch vielen unbekannt. Diese Ungerechtigkeiten sind kein Phänomen der Vergangenheit, sondern ziehen sich bis in die Gegenwart. Es ist wichtig, vergangene Ereignisse zu hinterfragen und den stillen Heldinnen ihrer Zeit ihre Würde und Anerkennung zuzusprechen – auch oder genau dann, wenn sie diese zu ihren Lebzeiten nicht zugesprochen bekommen haben. Denn dafür ist es nie zu spät.
PS: Als Quelle habe ich überwiegend das Buch „Beklaute Frauen“ von Leonie Schöller genutzt. Das ist ein sehr interessantes Buch für alle, die weitere unsichtbare Heldinnen der Geschichte kennenlernen wollen.
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