Die über 200 Jahre alte Geschichte „Frankenstein“ scheint momentan die Inszenierungen weltweit zu dominieren. Doch wieso boomt sie gerade in heutigen Zeiten wieder so extrem? Was fasziniert die Regisseur:innen unserer Zeit so an Mary Shelley und ihrem Werk?
2023: Yorgos Lanthimos bringt mit Poor Things eine Neuinterpretation des Romans „Frankenstein“ von Mary Shelley in die Kinos. Der Film zeichnet sich vor allem durch seine Steampunk-Ästhetik aus und spielt in einer surrealen Fantasiewelt. Im Mittelpunkt steht die Figur Bella Baxter. Ihre Leiche wird von Dr. Godwin Baxter wiederbelebt und muss nun neu lernen, sich im Körper einer erwachsenen Frau in der Welt zurechtzufinden. Emma Stone in der Hauptrolle wurde für ihre Performance sogar mit dem Oscar für die beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet.
Die öffentliche Meinung zum Film geht weit auseinander. Manche sehen ihn als künstlerisches Meisterwerk, andere an erster Stelle als feministisches Werk. Das liegt überwiegend daran, dass Bella ohne das Wissen über gesellschaftliche Konventionen wie Scham aufwächst, geschweige denn Konzepte wie das Patriarchat kennt. Dadurch erlebt sie die Welt unbeschwert und kann sich ihr zu Beginn mit kindlicher Naivität nähern. Gegenstimmen sehen die Inszenierung Bellas kritischer. Für viele verkörpert die Figur vor allem weibliche Lust im Blickwinkel männlicher Fantasien. Ihre sexuellen Erfahrungen, unter anderem in einem Bordell, werden als reiner Selbstbestimmungsakt dargestellt, anstatt die tatsächliche emotionale Lage von Frauen in Betracht zu ziehen.
2025 dann die nächste Adaption des Klassikers: „Frankenstein“ von Guillermo del Toro erscheint in den Kinos. Der Film wird bei den Oscar-Verleihungen sogar drei Mal ausgezeichnet. In dieser Inszenierung geht es mehr um das Wissenschaftler-Monster-Verhältnis. Oder mehr noch: die Beziehung von Schöpfer und Schöpfung. Besonders Themen wie Verantwortung, Angst und Schuld beschäftigen hier die Hauptcharakter:innen.
Und nun vor Kurzem erschienen: der Film „The Bride!“ von Maggie Gyllenhaal – eine weitere Neuinterpretation des Romans, welche sowohl Horror-, Krimi- und Romanzen- als auch Thriller-Elemente vereint. Im Mittelpunkt der Inszenierung steht hier die wiederbelebte Frau namens Ida, gespielt von Jessie Buckley, und ihr Liebesverhältnis mit ihrem Schöpfer. Ähnlich wie Poor Things ist auch dieser Film in den Themen und Charakteraufstellungen stark feministisch gefärbt. Ida bricht ebenfalls aus den patriarchalen Strukturen der 1930er-Jahre aus und kämpft für Autonomie und Selbstbestimmung.
Auch das Schauspielhaus Bochum hat Gefallen an dem über 200 Jahre alten Klassiker gefunden und ihm ein neues künstlerisches Gewand verliehen. Im seit diesem Jahr aufgeführten Stück ist die Herangehensweise dabei eine etwas andere als in den zuvor genannten Filmen.
In der Inszenierung von Tom Schneider begleitet das Publikum nämlich Mary Shelley selbst. Dabei fließen viele autobiografische Fakten der Autorin und tatsächliche historische Ereignisse der Zeit in die Handlung ein.
Die Autorin bekam die ersten Ideen für ihre Geschichte im Jahr 1816. Das Jahr war im wahrsten Sinne des Wortes ein sehr düsteres für die Menschen jener Zeit. Im April 1815 kam es nämlich zum Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien. Der Austritt von Asche und Schwefelgas verdunkelte den gesamten Erdball, wodurch das Jahr auch ,,Jahr ohne Sommer“ genannt wurde. In genau diesem Sommer verbrachte (die damals noch unverheiratete) 18-jährige Mary Godwin mit ihrem Geliebten Percy Shelley und dem Poeten Lord Byron ihre Zeit am Genfer See. Dort kam es eines schicksalhaften Abends dazu, dass Lord Byron und Mary Shelley sich gegenseitig zu einem Schreibwettbewerb herausforderten. Die Aufgabe, inspiriert von der allgemeinen düsteren Atmosphäre: Wer kann die bessere Geistergeschichte verfassen? Die wesentliche Inspiration für die Handlung von Frankenstein bekam die Autorin von neuen Praktiken der Wissenschaft ihrer Zeit. Es gab öffentliche Vorführungen von Tieren und Menschen, die mit hoher Elektrizität berührt wurden, was zu Zuckungen und teilweise lebensecht aussehenden Muskelbewegungen führte. Die Unsterblichkeit von Menschen schien auf einmal nicht mehr undenkbar. Die Idee von Frankenstein und seiner Kreatur war geboren. Der Wissenschaftler Victor Frankenstein erweckt seine zusammengebaute Kreatur durch Elektrizität zum Leben.
Das Schauspielhaus schreibt über Mary Shelley selbst: „Hier […] erobert sich eine junge weibliche Stimme künstlerischen Raum.“ Und genau das finde ich am Stück, das zwangsläufig durch den Fokus auf die Autorin als machtvolle Frau ihrer Zeit feministisch diskutiert werden kann, sehr erfrischend und wertvoll. Mary Shelley selbst wird im Rampenlicht für ihr Werk zelebriert. Nicht das Monster ist das primäre Zentrum der Handlung, sondern die Frau, die hinter der Idee steht. Sie selbst veröffentlichte die ersten Auflagen des Buches noch anonym, da sich Werke von Frauen zu dieser Zeit schlechter verkauften und mit Stereotypen versehen waren. Eine Frau, die über wissenschaftlich inspirierte Fantasmen schrieb, hätten damals wahrscheinlich nur wenige ernst genommen. Doch heute, 200 Jahre später, begeistert ihre Geschichte immer noch Menschen auf der ganzen Welt.
,,Monster“ waren als Figuren schon immer beliebt. Seien es Vampire, Werwölfe oder auch einzelne Figuren wie Graf Dracula. Das Monster von Frankenstein unterscheidet sich jedoch in einem wesentlichen Punkt von den anderen. Es wurde bewusst von einem Menschen erschaffen, indem ein toter menschlicher Körper zum Leben erweckt wird. Der Mensch wird gottgleich und überwindet die Grenzen der Sterblichkeit allein durch seinen Verstand mithilfe der Wissenschaft. Der Mensch wird unsterblich, eine Vorstellung, die Menschen zu Zeiten Mary Shelleys, wie auch heute fasziniert.
In Zeiten von KI gibt es Personen wie Elon Musk, der davon träumt, das menschliche Gehirn auf einen Chip zu überspielen, sodass das Bewusstsein auch nach dem Sterben des Körpers überlebt. Ein Mann, der sich gleich dem Wissenschaftler Frankenstein mit den aktuellen Umständen und Möglichkeiten der Zeit über die Grenzen der menschlichen Sterblichkeit hinaussetzt. Doch auch Themen wie Selbstbestimmung, mit denen sich die Kreatur auseinandersetzt, beschäftigen aktuelle Gesellschaften. Sei es in anhaltenden Diskussionen über die Wehrpflicht in Deutschland oder in aktuellen Debatten über die Rechte von trans Personen in den USA, dem Land, in dem die meisten genannten Filme produziert wurden.
Mittlerweile haben bereits über die Hälfte der Bundesstaaten geschlechtsangleichende Behandlungen für trans Jugendliche verboten, ein Akt der Verletzung der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, der vom Supreme Court selbst als rechtens erklärt wurde. Oder auch Frauenrechtsdebatten wie die um Abtreibungsrechte in den USA, die bei den Wahlen 2024 eine wesentliche Rolle gespielt haben. Sie sind ebenfalls im Kern Debatten darüber, wie weit eigene Selbstbestimmung reicht bzw. reichen „darf“ und wer genau das bestimmt. Diese Frage kann für manche bis ans Existenzminimum und die eigene Menschenwürde gehen.
Ein momentan wieder viel besprochenes Beispiel dafür ist die Lage von Frauen in Afghanistan. Dort dürfen Frauen außerhalb ihres Hauses nicht einmal laut sprechen. Diese Frauen haben nicht das Privileg, aus Konventionen ausbrechen zu können, so wie es Figuren wie Ida oder Bella in ihren erdachten Welten können. Die Charaktere scheinen nun plötzlich nicht mehr so skurril und überzogen, sondern fungieren als Projektionsfläche für Sehnsüchte nach Freiheit und Autonomie in einer Welt, in der der absolute Gegenentwurf tagtäglich gelebt wird.
Diese Umstände nun in einem Werk zu verarbeiten, das von einer Frau vor 200 Jahren geschrieben wurde, die ebenfalls mit den sexistischen Umständen ihrer Zeit zu kämpfen hatte, erscheint fast wie eine universelle weibliche Verbundenheit, die aus den geteilten Erfahrungen erwächst. Der neuzeitliche Begriff ,,Sisterhood“ über zeitgeschichtliche und örtliche Grenzen hinaus bringt dieses Gefühl auf den Punkt. Shelley verfasste ihr Buch ebenfalls in einer düsteren Zeit, sowohl den Umständen der Natur entsprechend als auch im Hinblick auf die Position weiblicher Autorinnenstimmen in der Literatur. Und doch ist ihr Werk eines der erfolgreichsten jemals!
Dies birgt Hoffnungen für alle Frauen, die nach ihr kamen, und erklärt mit Sicherheit den Großteil der Kraft, die ihrem Werk ,,Frankenstein“ in heutigen Zeiten erneut verliehen wurde.
PS: Wer Interesse an der Vorstellung im Schauspielhaus bekommen hat, kann sich für die Termine im Juni und Juli Karten holen. Wie immer ist der Eintritt für Studierende der RUB kostenlos!
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