Warning: Constant WP_DEBUG_DISPLAY already defined in /var/www/html/wp-config.php on line 111
Der Weg zur Therapie ist kein leichter, besonders dann, wenn man in einem Umfeld auf- wächst, dass mentale „Probleme“ nicht anerkennt. Viele People of Colour (PoC) brauchen Jahre, um sich ihren psychischen Problemen zu stellen und diese anzuerkennen. Wagt man den Schritt und begibt sich in Therapie, merkt man schnell: die Therapie allein verspricht selbst- verständlich keine Lösung. Der richtige Therapeut oder die richtige Therapeutin macht es aus!
Warum Verständnis besonders für PoC eine große Rolle spielt Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Probleme. Die Hautfarbe oder der kulturelle Background einer Therapeutin oder eines Therapeuten sprechen natürlich nicht für die Professionalität oder für den Wissenstand. Allerdings, um Marilyn Monroe zu zitieren „My God, doesn´t it help?“. Das Schlagwort ist hier Verständnis.
Sensible Themen, wie Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen sind valide therapiebedürftige Gründe, denen sich leider nicht jede:r annehmen kann und leider auch nicht will. Viele Therapeut:innen sehen Rassismus nicht als Bestandteil ihrer Therapie. Möglicherweise liegt es auch daran, dass PoC bereits im Psychologiestudium übersehen werden. Denn obwohl wir in Deutschland ein immer größer werdendes Rassismus- und Diskriminierungsproblem haben, wird in der psychotherapeutischen Ausbildung bisweilen kein Zugang zu Rassismus kritischen Theorien gewährt.
Schlimmer als die Verweigerung der Behandlung von Therapie im Zusammenhang mit Rassismus, Diskriminierung und dem/der Therapeuten:in fremden sozialen Normen und Werten ist die Behandlung mit mangelndem Wissen und mit mangelnder Bereitschaft zum Verständnis. Leider erfahren viele PoC Verharmlosung und Bagatellisierung. Abgesehen von der Überwindung, die es kostet, über solche Erfahrungen zu sprechen, die Menschen in ihrem Selbstwertgefühl angreifen, verunsichert die Verharmlosung extrem. Besonders häufig sind Schwarze Menschen von solch einer Verharmlosung durch Therapeut:innen betroffen. Viele Betroffene berichten auf Social-Media-Plattformen, dass sie mit Aussagen, wie „steigern Sie sich nicht da rein“ und anderen rassistischen Mikroaggressionen innerhalb der Therapiepraxis konfrontiert wurden und werden. Viele beginnen an Geschehnissen und ihren Erfahrungen zu zweifeln, oftmals führt dies zu einer Retraumatisierung.
Dasselbe gilt auch für soziale Normen, Strukturen und Werte, die nicht PoC Therapeut:innen fremd sind. Der Rat „Abstand von der Familie nehmen“ oder sich „nicht von anderen etwas sagen lassen“ ist nicht hilfreich, wenn man in einer Kultur aufwächst, in der Familie und Res- pekt einen ganz anderen Stellenwert hat. Das Gefühl von Fremdheit, das jeden BIPoC ein Le- ben lang verfolgt, verfestigt sich oft in der Therapie, die eigentlich ein Safe Space sein sollte.
Selbstverständlich wird es auch weiße Therapeut:innen geben, die versuchen, PoC zu verstehen und die Erfahrungen in den richtigen Kontext zu setzen. Als nicht-PoC muss jedoch das Interesse, PoC, Rassismus, Diskriminierung, andere Kulturen und ihre Werte zu verstehen, vom Therapeuten oder von der Therapeutin selbst kommen. Voraussetzung dafür ist das In- teresse, sich weiterzubilden und die Anerkennung der Konsequenzen und den Einfluss, den Diskriminierung, Rassismus und kulturelle Strukturen auf Betroffene haben.
Als PoC richtig beraten werden:
Jeder Mensch, der sich für eine Therapie entscheidet weiß, dass es relativ schwer ist den passenden Therapeuten oder die passende Therapeutin zu finden. Besonders dann, wenn man nach PoC-Therapeut:innen sucht.Nachfolgend findet ihr einige Tipps, die Euch Eure Suche nach der richtigen Therapie vereinfachen können.
Die richtige Suche:
Der erste Schritt sind sogenannte Therapeut:innenverzeichnisse. In solchen Verzeichnissen könnt Ihr ganz einfach über eine Googlesuche Therapeut:innen in Eurer Umgebung finden, die bilingual, PoC, spezialisiert auf Rassismus und/oder Diskriminierung sind. Alle diese „Besonderheiten“ können Therapeut:innen selber angeben.
Die nachfolgenden Seiten eignen sich besonders gut für eine konkrete Suche:
https://www.therapie.de/therapeutensuche/
https://www.psychotherapiesuche.de/pid/search
https://www.antidiskriminierung.org/beratungsstelle-finden
Die Telefonseelsorge verfügt ebenfalls über Listen mit PoC Therapeut:innen. Dort könnt ihr telefonisch um Rat und Informationen bitten.
Beratungsstellen:
Möglicherweise ist es für den einen oder anderen leichter, sich zunächst an eine Beratungsstelle zu wenden. Dafür eignet sich besonders gut der VBRG (Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt e.V). Über deren Website könnt Ihr Beratungsstellen in eurem Bundesland finden. Die Angebote sind alle kostenlos, mehrsprachig und vertraulich. Betroffene finden dort Unterstützung hinsichtlich emotionaler Verarbeitung, aber auch finanzielle Unterstützung (Therapie ist leider teuer) und Hilfe zum weiteren Vorgehen (juristische Möglichkeiten, ärztliche Angebote, Begleitung zur Polizei etc.)
Dazu die Website: https://verband-brg.de/beratung/
Bochumer:innen können sich gerne an die PLANB Ruhr e.V wenden. Schwerpunkt dieser Beratungsstelle ist Interkulturelle Kinder- und Jugendhilfe. Auch diese Beratungsstelle ist mehrsprachig. https://www.planb-ruhr.de/index.php/offene-angebote
In Dortmund findet Ihr die vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft geförderte Opferberatung „BackUp-Beratung für Opfer rechtsextremer und rassitischer Gewalt“. Bei BackUp gibt es nicht nur Beratung, sondern regelmäßig auch Lehrveranstaltungen, wie Podiumsdiskussionen. Ebenfalls eine mehrsprachige Beratung, die kostenlos ist. https://backup-nrw.org/unterstuetzen/
Außerdem könnt Ihr Euch bei Blackinmedicine.de schlau machen. Das ist ein Netzwerk Schwarzer Mediziner:innen, die für eine bessere Gesundheitsversorgung kämpfen. Regelmäßig könnt Ihr an Veranstaltungen teilnehmen oder auch online die Aufklärungsarbeit genießen.
Selbsthilfe:
Vielen Betroffenen fällt es schwer, zur Therapie zu gehen, weil sie sich noch nicht bereit fühlen - und das ist vollkommen in Ordnung! Ihr solltet immer versuchen, professionelle Hilfe zu suchen, wenn Ihr diese benötigt. Wer sich jedoch noch nicht bereit dafür fühlt und etwas mehr mit der Thematik beschäftigen möchte, kann das gerne über die nachfolgende Liter atur- und Podcast-Empfehlungen:
• Rassismuskritik und Widerstandsformen von Meral El & K arim Fereidooni
• Schwarze Weiblich*keiten Denise Bergold-Caldwell
• Afropod - Kompromisslos Schwarz
• Solidarität - Was können wir tun; #50 - Rassismus in der Psychotherapie (Spotify/deezer)
]]>Laut DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) sind etwa 27,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. So müsste ungefähr jeder vierte erwachsene Mensch eine Therapie machen, was jedoch für viele nicht möglich ist. Dies hat verschiedene Gründe: Besonders ausschlaggebend scheint zu sein, dass es große Unterschiede in der Anzahl von kassenärztlichen Psychotherapeuten auf dem Land im Vergleich zur Stadt gibt. Laut der kassenärztlichen Übersicht zur fachärztlichen Versorgung in Nordrhein(westfalen) ist die Neueröffnung von Praxen in Planungsbezirken von Städten meistens gesperrt, während in den ländlichen Bereichen oftmals Plätze noch offen sind – Bei einem Versorgungsgrad von über 110% gilt ein Planungsbezirk als überversorgt und Ärzte dürfen keine neue Praxen eröffnen, sondern nur übernehmen. Das heißt, es gibt laut kassenärztlicher Verbände zu viele Praxen in Städten und zu wenige auf dem Land.
Es müsste also zumindest in einer Stadt die Möglichkeit für alle geben, dass diese, wenn sie eine erwachsene Person sind, ohne Weiteres eine Psychotherapie machen könnten und selbst im ländlichen Bereich gibt es offiziell keine Unterversorgung, was Praxen angeht – zumindest im psychotherapeutischen Bereich. Wie kommt es also dazu, dass auch in Städten Patient*innen oftmals monatelange Wartezeiten auf sich nehmen müssen, um einen Therapieplatz zu bekommen (laut der Bundespsychotherapeutenkammer dauerte es 2011 alleine in Bochum bis zu 13 Wochen)?
Laut einer Psychotherapeutin, die im Folgenden anonym bleiben möchte, läge das vor allem daran, dass von den kassenärztlichen Verbänden bei der Bedarfsplanung falsch gerechnet werden würde. Es würde nicht miteinbezogen, dass eine Therapie viel Zeit einfordere und eine Diagnose noch viel mehr Zeit bräuchte. Die aktuelle Rechnung der gesetzlichen Krankenversicherungen liegt bei 60 Minuten pro Patient*in. Davon sind 50 Minuten für die Sitzung eingeplant und 10 Minuten für die Vor- und Nachbereitung. Die Realität für die jeweiligen Therapeut*innen sähe dabei aber anders aus, da diese länger für die Vor- und Nachbereitung ihrer Sitzungen bräuchten. Auch fordern Kassen nach vier Sitzungen eine Diagnose, die meistens aber länger bräuchte, da die Therapeut*innen ihre Patient*innen nach der vierten Sitzung nur viermal jeweils für 50 Minuten gesehen haben. Eine wirkliche Diagnose bräuchte dabei wesentlich mehr Zeit, um die Patient*innen kennenzulernen.
Hinter einer Diagnose verstecken sich heutzutage immer noch Auswirkungen auf den Beruf, wie das Private, vor allem durch gesellschaftliche Vorurteile trauen sich daher oftmals viele Patient*innen nicht eine Therapie zu machen oder sie zahlen eine private Therapie, die mit ca. 90 Euro pro Sitzung aber sehr teuer ist.
Es lassen sich also große Unterschiede zwischen der Anzahl der Menschen, die eine Therapie benötigen, und der Anzahl der freien Therapieplätze aufzeigen. Eine Therapie zu machen, scheint anders zu sein als ein normaler Arztbesuch, wird aber immer noch wie ein solcher von kassenärztlichen Verbänden gerechnet. Dass sich etwas an dem System ändern muss, ist dabei offensichtlich, um eine Gleichstellung psychisch Erkrankter und physisch Erkrankter zu schaffen und eine grundlegend gute Versorgung aller erkrankten Personen zu ermöglichen. Die langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz stellen für viele psychisch Erkrankte eine enorme Herausforderung dar.
:Gerit Höller
]]>Patient*innen, die unter PTBS leiden, durchleben oftmals blitzartige, sehr intensive Erinnerungen, so genannte Flashbacks. Diese versetzen sie in den Zustand einer besonders prägenden, oftmals belastenden Situation, eines Traumas, zurück. Die Erinnerung kann so intensiv sein, dass Betroffene und Psycholog*innen von einem erneuten Erleben der Situation sprechen. Zwar bedürfen posttraumatische Belastungsstörungen einer intensiven psychologischen Behandlung, doch sind Therapieplätze nach wie vor rar. Ein Team Bochumer und Karolinska Forscher*innen hat daher eine Möglichkeit entwickelt, mittels dem Videospiel Tetris eine zum Teil deutliche Linderung der Flashbacksymptome zu erwirken. Das Team um Prof. Henrik Kessler und Dr. Aram Kehyayan von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im LWL-Universitätsklinikum berichteten gemeinsam mit der schwedischen Forscherin Prof. Emily Holmes bereits im Dezember in der Fachzeitschrift „Journal of
Consulting and Clinical Psychology“ über ihre Ergebnisse.
Holmes erkannte mit ihrem Team an der Karolinskaer Universität bereits vor zehn Jahren, dass das Spielen von Tetris durch Horrorfilme ausgelöste flashbackartige Erinnerungen direkt im Anschluss an den Film lindern kann. „Die PTBS lässt sich mit den verfügbaren Therapien gut behandeln“, sagt Henrik Kessler, Oberarzt und Traumatherapeut, „allerdings gibt es viel mehr Patientinnen und Patienten als Therapieplätze.“ Daher nahmen sich die Forscher*innen zum Ziel, die Erkenntnisse aus Schweden auf zum Teil viele Jahre zurückliegende Traumata anzuwenden.
An der Studie nahmen 20 Patient*innen mit komplexer PTBS teil, die für eine sechs- bis achtwöchige reguläre Therapie in einer stationären Einrichtung untergebracht waren. Die Proband*innen absolvierten neben den üblichen Einzel- und Gruppentherapien eine spezielle Intervention, während der sie eine ihrer belastenden Erinnerungen aufschrieben und den Zettel, ohne über seinen Inhalt zu sprechen, zerrissen. Anschließend spielten sie für 25 Minuten Tetris. Die Betroffenen gaben während ihrer regulären Therapie an, an verschiedenen Flashbacks zu leiden, gaben während der Tetrisübung jedoch stets nur ein belastendes Ereignis an. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Häufigkeit der während der Intervention fokussierten Flashbacks signifikant, nämlich um 64 Prozent zurück ging. Eine solche Entwicklung ließ sich für die nicht fokussierten Erinnerungen nicht erkennen, hier lag die Rückgangrate lediglich bei 11 Prozent.
Das Forscher*innenteam mutmaßt, dass Flashbacks und das Spielen von Tetris die gleichen Areale im Gehirn nutzen, nämlich Gebiete für räumlich-bildliche Verarbeitung. Da die Ressourcen begrenzt sind und die beiden Ereignisse konkurrieren, kommt es zu Interferenzen. Hierdurch werden, so die Vermutung der Wissenschaftler*innen, die Erinnerungsstrukturen der Flashbacks abgeschwächt wieder abgespeichert. Da die zurückliegende Studie nur auf eine begrenzte Proband*innenzahl zurückgreifen konnte, werden derzeit größere Untersuchungen angestrebt.
:Justinian L. Mantoan
]]>Angstpatient*innen innerhalb eines Tages von ihrer Furcht zu befreien – das ist die Idee hinter dem Behandlungskonzept der Forscherinnen und Forscher des Lehrstuhls für klinische Psychologie und Psychotherapie der RUB. Dr. André Wannemüller leitet das Behandlungsprogramm, dass die Angstpatient*innen von ihrer Flugangst kurieren soll. Diese Form von Großgruppenbehandlung wurde an der RUB schon häufiger eingesetzt, zum Beispiel zur Therapie von Höhenangst, Angst vor Blut, Spritzen und Verletzungen oder Spinnen. Jetzt wollen die Forscher*innen die Behandlungsmethode ausweiten und bei Betroffenen von Flugangst anwenden und so auf ihre Wirksamkeit prüfen. Es werden 100 bis 120 Betroffene gesucht, die im Februar 2019 an der achtstündigen Behandlung teilnehmen möchten. Der Tag setzt sich aus einem theoretischen Block und einer praktischen Anwendung zusammen. Im ersten erlernen die Betroffenen Hintergründe zur Angstentstehung und Bewältigungstechniken. Im zweiten Teil gibt es einen mehrstündigen Rundflug über Münster, bei dem das Erlernte Anwendung finden soll.
Die Behandlung ist für die Betroffenen kostenlos, da sie als Teil eines Forschungsprojekts durchgeführt wird.
Vor der Teilnahme an der Tagessitzung im Februar werden die Interessierten zu einer psychotherapeutischen Sprechstunde eingeladen, um die Ursachen für die Flugangst kennenzulernen, den genauen Tagesablauf durchzusprechen und eine klinisch relevante Flugangst zu diagnostizieren.
Die Behandlung basiert auf Exposition, das heißt die Betroffenen kommen in direkten Kontakt mit ihrer Angst und wenden die vorher gelernten Techniken an, um diese zu überwinden. „Dadurch können sie in ihrer Angstsituation neue, angstnehmende Erfahrungen machen“, erklärt Wannemüller.
:Kendra Smielowski
]]>Das Training selbst findet jeweils am 17. oder 24. Februar am Flughafen Münster-Osnabrück von 10 bis 18 Uhr statt. Weitere Informationen sowie das Anmeldeformular zur psychotherapeutischen Sprechstunde findet Ihr unter tinyurl.com/RUBflugangst.
Antidepressiva oder Medikamente gegen das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) wirken nur kurzfristig und mindern nur die Symptome der Erkrankung. Beim Absetzen der Tabletten kehren die Krankheitszeichen zurück.
Eine langfristige Behandlungsmethode sehen die beiden PsychologInnen Prof. Jürgen Margraf und Prof. Silvia Schneider nur in Psychotherapien. Als Grund für die häufige Vergabe von pharmazeutischen Produkten geben sie die mangelnde Verfügbarkeit von Therapieplätzen an. Außerdem würde als Erklärung für die Erkrankung oftmals ein biologisches Problem angegeben. Eine Störung im Neurotransmittersystem sei Ursache für die psychischen Leiden. Die beiden RUB-ProfessorInnen fordern einen schnelleren Therapiezugang für Betroffene und einen weniger fokussierten Blick auf biologische Ursachen.
Lest dazu auch den passenden Kommentar
:Kendra Smielowski
]]>
Psychopharmaka sind keine nachhaltige Therapiemöglichkeit für psychisch Erkrankte.Eine Erfahrung, die Betroffene schon seit Jahren in teilweise zahlreichen Selbstversuchen machen mussten. Eine ForscherInnengruppe an der RUB hat dies analysiert und nun empirisch belegen können.
Symptome werden behandelt, die Ursachen aber dadurch nicht behoben. Ein bekanntes Phänomen. Teilweise tut man sich das auch selbst an. Nase zu, Augen schwer, der ganze Schädel fühlt sich an, als wäre er mit Blei gefüllt, aber zur Arbeit oder in die Uni muss man trotzdem. Einmal schnell Wick DayMed geschmissen und los geht’s. Und abends flaut die Wirkung ab. Haben wir nicht manchmal das Gefühl, dass es uns morgens aber nicht so schlecht ging?
]]>
Psychopharmaka sind keine nachhaltige Therapiemöglichkeit für psychisch Erkrankte.Eine Erfahrung, die Betroffene schon seit Jahren in teilweise zahlreichen Selbstversuchen machen mussten. Eine ForscherInnengruppe an der RUB hat dies analysiert und nun empirisch belegen können.
Symptome werden behandelt, die Ursachen aber dadurch nicht behoben. Ein bekanntes Phänomen. Teilweise tut man sich das auch selbst an. Nase zu, Augen schwer, der ganze Schädel fühlt sich an, als wäre er mit Blei gefüllt, aber zur Arbeit oder in die Uni muss man trotzdem. Einmal schnell Wick DayMed geschmissen und los geht’s. Und abends flaut die Wirkung ab. Haben wir nicht manchmal das Gefühl, dass es uns morgens aber nicht so schlecht ging?
Dasselbe, wenn man wochenlang Mut und Motivation sammelt, um schließlich zum Arzt zu gehen und mit viel Drumrumreden zu erklären: „Herr Doktor, ich komme aus dem Grübeln nicht mehr raus.“ Erst wird man vertröstet („Lenken Sie sich ab, machen Sie was mit Freunden, suchen Sie sich ein neues Hobby“), dann wird der Rezeptblock gezückt.
Und dann geht’s einem besser. „Ich hab’s überstanden!“ Aber sobald das Antidepressivum abgesetzt wird, kehrt die Depression – Überraschung! – mit voller Härte zurück. Häufig sogar schlimmer als zuvor. Und wieder zum Arzt. Und wieder eine neue Pille. Und wieder der Gedanke: „Jetzt hab ich es aber überstanden!“ Wieder der Rückfall in die Lethargie. Vielleicht schafft man es ein drittes Mal zum Arzt. Vielleicht aber auch zum Badezimmer und den Rasierklingen. Oder zum Medikamentenschrank und den Schlaftabletten. Danach hat man aber einen Platz in der Klinik und bekommt eine Therapie.
Wieso man diesen Irrweg gehen muss, bis sich jemand dazu bereit erklärt, die Ursachen zu behandeln und nicht die Symptome, ist mir schleierhaft. Wenn ich mir das Bein breche, bekomme ich auch einen Gips und nicht die Erklärung „Reiß Dich mal zusammen“ und Morphium beim zweiten Gang zum Arzt.
:Kendra Smielowski
]]>Depressive Episoden, dauerhafte Verstimmung und zahlreiche Ängste – Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) hatte stets mit seiner Psyche zu kämpfen. Woher will man das heutzutage wissen, fragen sich nun womöglich einige von Euch. Tatsächlich gibt es verschiedenste Quellen, die uns ein ungefähres Bild von Goethes seelischem Zustand im Laufe seines Lebens zeichnen. Er schrieb nicht nur viele persönliche Briefe, sondern folgte auch dem damaligen Trend: In der Epoche der Empfindsamkeit war es wichtiger denn je, Gefühle, Gedanken und Ideen sprachlich festzuhalten. Als begabter Dichter schaffte Goethe dies mit einer überragenden Eloquenz: 80.000 bis 90.000 verschiedene Wörter nutzte er für die Beschreibung seiner Empfindungen, während heutzutage selbst der Wortschatz gehobener Zeitungen nur maximal 2.000 Wörter beträgt.
Bereits mit 14 Jahren erlebte der junge Johann seine erste depressive Episode (siehe Infobox). Er verlor das Interesse an allem, was ihm zuvor Spaß gemacht hatte, zog sich zurück, aß beinahe nichts mehr und spielte sogar mit dem Gedanken, sich etwas anzutun.
"Ich empfand nun keine Zufriedenheit, als im Wiederkäuen meines Elends und in der tausendfachen imaginären Vervielfältigung desselben. Meine ganze Erfindungsgabe, meine Poesie und Rhetorik hatten sich auf diesen kranken Fleck geworfen, und drohten, gerade durch diese Lebensgewalt, Leib und Seele in eine unheilbare Krankheit zu verwickeln. In diesem traurigen Zustande kam mir nichts mehr wünschenswert, nichts begehrenswert mehr vor.“
So beschreibt er später in seiner Autobiografie „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“ diese mehrere Monate währenden Phasen, die sich in seinem späteren Leben noch einige Male wiederholen sollten – getriggert etwa von einem frustrierenden Jurastudium oder unerwiderten Liebesgefühlen. Wie er allerdings im Jahre 1766 seiner Schwester per Brief gestand, litt er sehr häufig, auch ohne konkrete Auslöser, unter depressiver Verstimmung:
"Oft werde ich zum Melancholiker. Ich weiß nicht woher es kommt. Dann sehe ich jeden mit starrer Miene wie eine Eule an […] und dann überfällt eine Dunkelheit meine Seele, eine Dunkelheit, so undurchdringlich wie der Oktobernebel.“
Zusätzlich zu seiner depressiven Symptomatik hatte Goethe auch mit einer ausgeprägten Angststörung (siehe Infobox) zu kämpfen. Er fürchtete sich massiv vor Höhen, traute sich ab Einbruch der Dunkelheit nicht mehr an verlassene Orte und mied sowohl Lärm als auch Verschmutzungen so gut es nur ging – oder reagierte auf solche phobischen Reize mit übertriebener Angst und Panikanfällen.
Doch Herr Goethe wollte sich nicht von seiner Psyche unterkriegen lassen. Ganz bewusst sagte er seinen Phobien den Kampf an, indem er sich absichtlich in die angstauslösenden Situationen begab. Er stellte sich beim Zapfenstreich direkt neben die Trommler, besuchte Entbindungsstationen, deren hygienische Standards damals sicherlich zu wünschen übrig ließen, und unternahm regelmäßig nächtliche Spaziergänge auf Friedhöfen. Damit tat er nichts anderes, was ihm PsychotherapeutInnen heutzutage verschreiben würden. Es könnte beinahe aus einem verhaltenstherapeutischen Lehrbuch zur Expositionsbehandlung von Angststörungen stammen, wie Goethe seine Höhenangst überwand: Er reiste nach Straßburg, bestieg dort den 142 Meter hohen Turm des Münsters, näherte sich Stück für Stück dem Geländer an und setzte sich so seiner Panik aus – dabei merkte er, wie diese mit jeder Sekunde und jeder Wiederholung immer mehr nachließ. Nach und nach bekam er seine Phobien dadurch tatsächlich in den Griff, wie die folgende Passage aus „Dichtung und Wahrheit“ zeigt:
"Dergleichen Angst und Qual wiederholte ich so oft, bis der Eindruck mir ganz gleichgültig ward. […] Ich habe es auch wirklich darin soweit gebracht, daß nichts dergleichen mich jemals wieder aus der Fassung setzen konnte.“

Therapie auf dem damals höchsten Bauwerk der Menschheit: Am Geländer des 142 Meter hohen Turmes stellte sich Goethe seiner Höhenangst. Foto: Jonathan Marz, Wikimedia Commons (CC-SA 3.0)
Seinen negativen Verstimmungen trotzte Goethe mit zahlreichen Strategien, die heute in der Depressionsbehandlung ganz selbstverständlich eingesetzt werden. Er merkte bereits früh, wie sehr ihn eine an seinen natürlichen Tagesrhythmus angepasste Alltagsroutine stabilisiert. Daher legte er sich feste Zeiten zurecht, zu denen er arbeitete, Mahlzeiten aß oder mit seinen Mitmenschen verkehrte. Zudem unternahm er bewusst ausgiebige Spaziergänge, die ihm einen klareren Kopf verschafften.
Eine seiner wichtigsten Stützen stellten jedoch seine engsten Vertrauten dar. Er kommunizierte regelmäßig mit mehreren Bezugspersonen und arbeitete mit ihnen seine inneren Konflikte auf. Beinahe therapeutisch muten die zahlreichen schriftlichen Korrespondenzen an, die er der Nachwelt hinterlassen hat. Seine langjährige Brieffreundin, Auguste zu Stolberg, die mehrere hundert Kilometer entfernt wohnte, könnte man aus heutiger Sicht als eine Art Fern-Psychologin bezeichnen. Sie fungierte für Goethe als neutrale Verbündete und half ihm beträchtlich, aktuelle und vergangene Probleme aufzuarbeiten – daher ist es nicht verwunderlich, dass der Dichter zeitweise mehrere Briefe pro Tag an sie verfasste.
Indem Goethe mit seinen Bezugspersonen offen über seinen seelischen Zustand sprach, ordnete er seine Emotionen zunächst, um sie überhaupt verbalisieren zu können. Er stellte bereits in seiner Jugend fest, dass es ihm half, seine Empfindungen in Worte zu fassen und ihnen einen künstlerischen Rahmen zu geben. Immer wieder von seinem Umfeld ermutigt, begann er also zu schreiben – und nutzte die kreative Tätigkeit nicht selten dazu, seine depressiven Krisen zu bewältigen. So entstand mit 24 Jahren etwa sein weltbekannter Roman „Die Leiden des jungen Werthers“, in dem er seine unerfüllte Liebe zu Charlotte Buff, seine damit verbundenen negativen Gefühle und Selbsttötungsphantasien verarbeitete. Laut eigener Aussage erlebte er sich, nachdem er das Werk innerhalb von vier Wochen komplett niederschrieb, als sei er dem Tod entronnen und wie neu geboren.
Das Schreiben ermöglichte es Goethe nicht nur, seinen Empfindungen gedanklich und poetisch eine Gestalt zu geben, sondern vermittelte ihm darüber hinaus das Gefühl, sich mit einer sinnstiftenden Tätigkeit zu befassen. Kombiniert mit einem stabilen Tagesrhythmus und ausreichend sozialer Aktivität sah der Dichter hierin das beste Mittel, um Depressionen vorzubeugen. Tatsächlich scheint es, als hätte er seinen persönlichen Weg gefunden, um das Beste aus seinen psychischen Konflikten zu machen. In einem seiner letzten Gespräche mit einem engen Vertrauen gesteht er dennoch, dass dies alles andere als einfach war:
"Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen; auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, daß ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt.“
Dennoch hat Herr Goethe im Laufe seines Lebens eine Menge Bewundernswertes vollbracht – und das ganz ohne Antidepressiva.
Eine depressive Episode ist eine mindestens zwei Wochen anhaltende Kombination von gedrückter Stimmung, Interessenverlust und vermindertem Antrieb. Zusätzlich können Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Suizidgedanken sowie Gefühle der Schuld oder Wertlosigkeit auftreten.
Angststörung ist ein Oberbegriff für psychische Störungen, bei denen entweder eine übertriebene Angst vor einem konkreten Objekt bzw. einer Situation besteht (Phobie) oder bei denen Betroffene unter diffusen Ängsten beziehungsweise Panikattacken leiden.
]]>