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2023: Yorgos Lanthimos bringt mit Poor Things eine Neuinterpretation des Romans „Frankenstein“ von Mary Shelley in die Kinos. Der Film zeichnet sich vor allem durch seine Steampunk-Ästhetik aus und spielt in einer surrealen Fantasiewelt. Im Mittelpunkt steht die Figur Bella Baxter. Ihre Leiche wird von Dr. Godwin Baxter wiederbelebt und muss nun neu lernen, sich im Körper einer erwachsenen Frau in der Welt zurechtzufinden. Emma Stone in der Hauptrolle wurde für ihre Performance sogar mit dem Oscar für die beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet.
Die öffentliche Meinung zum Film geht weit auseinander. Manche sehen ihn als künstlerisches Meisterwerk, andere an erster Stelle als feministisches Werk. Das liegt überwiegend daran, dass Bella ohne das Wissen über gesellschaftliche Konventionen wie Scham aufwächst, geschweige denn Konzepte wie das Patriarchat kennt. Dadurch erlebt sie die Welt unbeschwert und kann sich ihr zu Beginn mit kindlicher Naivität nähern. Gegenstimmen sehen die Inszenierung Bellas kritischer. Für viele verkörpert die Figur vor allem weibliche Lust im Blickwinkel männlicher Fantasien. Ihre sexuellen Erfahrungen, unter anderem in einem Bordell, werden als reiner Selbstbestimmungsakt dargestellt, anstatt die tatsächliche emotionale Lage von Frauen in Betracht zu ziehen.
2025 dann die nächste Adaption des Klassikers: „Frankenstein“ von Guillermo del Toro erscheint in den Kinos. Der Film wird bei den Oscar-Verleihungen sogar drei Mal ausgezeichnet. In dieser Inszenierung geht es mehr um das Wissenschaftler-Monster-Verhältnis. Oder mehr noch: die Beziehung von Schöpfer und Schöpfung. Besonders Themen wie Verantwortung, Angst und Schuld beschäftigen hier die Hauptcharakter:innen.
Und nun vor Kurzem erschienen: der Film „The Bride!“ von Maggie Gyllenhaal - eine weitere Neuinterpretation des Romans, welche sowohl Horror-, Krimi- und Romanzen- als auch Thriller-Elemente vereint. Im Mittelpunkt der Inszenierung steht hier die wiederbelebte Frau namens Ida, gespielt von Jessie Buckley, und ihr Liebesverhältnis mit ihrem Schöpfer. Ähnlich wie Poor Things ist auch dieser Film in den Themen und Charakteraufstellungen stark feministisch gefärbt. Ida bricht ebenfalls aus den patriarchalen Strukturen der 1930er-Jahre aus und kämpft für Autonomie und Selbstbestimmung.
Auch das Schauspielhaus Bochum hat Gefallen an dem über 200 Jahre alten Klassiker gefunden und ihm ein neues künstlerisches Gewand verliehen. Im seit diesem Jahr aufgeführten Stück ist die Herangehensweise dabei eine etwas andere als in den zuvor genannten Filmen.
In der Inszenierung von Tom Schneider begleitet das Publikum nämlich Mary Shelley selbst. Dabei fließen viele autobiografische Fakten der Autorin und tatsächliche historische Ereignisse der Zeit in die Handlung ein.
Die Autorin bekam die ersten Ideen für ihre Geschichte im Jahr 1816. Das Jahr war im wahrsten Sinne des Wortes ein sehr düsteres für die Menschen jener Zeit. Im April 1815 kam es nämlich zum Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien. Der Austritt von Asche und Schwefelgas verdunkelte den gesamten Erdball, wodurch das Jahr auch ,,Jahr ohne Sommer“ genannt wurde. In genau diesem Sommer verbrachte (die damals noch unverheiratete) 18-jährige Mary Godwin mit ihrem Geliebten Percy Shelley und dem Poeten Lord Byron ihre Zeit am Genfer See. Dort kam es eines schicksalhaften Abends dazu, dass Lord Byron und Mary Shelley sich gegenseitig zu einem Schreibwettbewerb herausforderten. Die Aufgabe, inspiriert von der allgemeinen düsteren Atmosphäre: Wer kann die bessere Geistergeschichte verfassen? Die wesentliche Inspiration für die Handlung von Frankenstein bekam die Autorin von neuen Praktiken der Wissenschaft ihrer Zeit. Es gab öffentliche Vorführungen von Tieren und Menschen, die mit hoher Elektrizität berührt wurden, was zu Zuckungen und teilweise lebensecht aussehenden Muskelbewegungen führte. Die Unsterblichkeit von Menschen schien auf einmal nicht mehr undenkbar. Die Idee von Frankenstein und seiner Kreatur war geboren. Der Wissenschaftler Victor Frankenstein erweckt seine zusammengebaute Kreatur durch Elektrizität zum Leben.
Das Schauspielhaus schreibt über Mary Shelley selbst: „Hier […] erobert sich eine junge weibliche Stimme künstlerischen Raum.“ Und genau das finde ich am Stück, das zwangsläufig durch den Fokus auf die Autorin als machtvolle Frau ihrer Zeit feministisch diskutiert werden kann, sehr erfrischend und wertvoll. Mary Shelley selbst wird im Rampenlicht für ihr Werk zelebriert. Nicht das Monster ist das primäre Zentrum der Handlung, sondern die Frau, die hinter der Idee steht. Sie selbst veröffentlichte die ersten Auflagen des Buches noch anonym, da sich Werke von Frauen zu dieser Zeit schlechter verkauften und mit Stereotypen versehen waren. Eine Frau, die über wissenschaftlich inspirierte Fantasmen schrieb, hätten damals wahrscheinlich nur wenige ernst genommen. Doch heute, 200 Jahre später, begeistert ihre Geschichte immer noch Menschen auf der ganzen Welt.
,,Monster“ waren als Figuren schon immer beliebt. Seien es Vampire, Werwölfe oder auch einzelne Figuren wie Graf Dracula. Das Monster von Frankenstein unterscheidet sich jedoch in einem wesentlichen Punkt von den anderen. Es wurde bewusst von einem Menschen erschaffen, indem ein toter menschlicher Körper zum Leben erweckt wird. Der Mensch wird gottgleich und überwindet die Grenzen der Sterblichkeit allein durch seinen Verstand mithilfe der Wissenschaft. Der Mensch wird unsterblich, eine Vorstellung, die Menschen zu Zeiten Mary Shelleys, wie auch heute fasziniert.
In Zeiten von KI gibt es Personen wie Elon Musk, der davon träumt, das menschliche Gehirn auf einen Chip zu überspielen, sodass das Bewusstsein auch nach dem Sterben des Körpers überlebt. Ein Mann, der sich gleich dem Wissenschaftler Frankenstein mit den aktuellen Umständen und Möglichkeiten der Zeit über die Grenzen der menschlichen Sterblichkeit hinaussetzt. Doch auch Themen wie Selbstbestimmung, mit denen sich die Kreatur auseinandersetzt, beschäftigen aktuelle Gesellschaften. Sei es in anhaltenden Diskussionen über die Wehrpflicht in Deutschland oder in aktuellen Debatten über die Rechte von trans Personen in den USA, dem Land, in dem die meisten genannten Filme produziert wurden.
Mittlerweile haben bereits über die Hälfte der Bundesstaaten geschlechtsangleichende Behandlungen für trans Jugendliche verboten, ein Akt der Verletzung der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, der vom Supreme Court selbst als rechtens erklärt wurde. Oder auch Frauenrechtsdebatten wie die um Abtreibungsrechte in den USA, die bei den Wahlen 2024 eine wesentliche Rolle gespielt haben. Sie sind ebenfalls im Kern Debatten darüber, wie weit eigene Selbstbestimmung reicht bzw. reichen „darf“ und wer genau das bestimmt. Diese Frage kann für manche bis ans Existenzminimum und die eigene Menschenwürde gehen.
Ein momentan wieder viel besprochenes Beispiel dafür ist die Lage von Frauen in Afghanistan. Dort dürfen Frauen außerhalb ihres Hauses nicht einmal laut sprechen. Diese Frauen haben nicht das Privileg, aus Konventionen ausbrechen zu können, so wie es Figuren wie Ida oder Bella in ihren erdachten Welten können. Die Charaktere scheinen nun plötzlich nicht mehr so skurril und überzogen, sondern fungieren als Projektionsfläche für Sehnsüchte nach Freiheit und Autonomie in einer Welt, in der der absolute Gegenentwurf tagtäglich gelebt wird.
Diese Umstände nun in einem Werk zu verarbeiten, das von einer Frau vor 200 Jahren geschrieben wurde, die ebenfalls mit den sexistischen Umständen ihrer Zeit zu kämpfen hatte, erscheint fast wie eine universelle weibliche Verbundenheit, die aus den geteilten Erfahrungen erwächst. Der neuzeitliche Begriff ,,Sisterhood“ über zeitgeschichtliche und örtliche Grenzen hinaus bringt dieses Gefühl auf den Punkt. Shelley verfasste ihr Buch ebenfalls in einer düsteren Zeit, sowohl den Umständen der Natur entsprechend als auch im Hinblick auf die Position weiblicher Autorinnenstimmen in der Literatur. Und doch ist ihr Werk eines der erfolgreichsten jemals!
Dies birgt Hoffnungen für alle Frauen, die nach ihr kamen, und erklärt mit Sicherheit den Großteil der Kraft, die ihrem Werk ,,Frankenstein“ in heutigen Zeiten erneut verliehen wurde.
PS: Wer Interesse an der Vorstellung im Schauspielhaus bekommen hat, kann sich für die Termine im Juni und Juli Karten holen. Wie immer ist der Eintritt für Studierende der RUB kostenlos!
]]>Zunächst stehen zwei Frauen mit Mikros an beiden Enden der Bühne und thematisieren die ständige Angst, in der Frauen leben, indem der Songtext des Liedes „So wie ich“ von Lotte laut und gleichzeitig gesprochen wird. Das Mittel des gleichzeitigen Sprechens zweier Darsteller:innen wird danach wiederholt genutzt; es erzeugt Kraft und Eindruck, und wird begleitet von choreographischen Einlagen auf der Bühne. Es wird über ein Paar gesprochen, das in der Mitte auf zwei Stühlen sitzt und verschiedene Bewegungen mit dem Körper ausführt, die Beziehungsdynamiken wie Streit, Abweisung, Trotz, Übergriffe und Wechselbäder der Gefühle veranschaulichen. Machtausübung und toxische Beziehung – verpackt in Tanz. Diese Zweierchoreographien der Körper im Wechselspiel zueinander sind präzise und faszinierend aufeinander abgestimmt und finden danach auf der ganzen Bühne simultan mit allen Darsteller:innen statt, die jeweils gepaart auf zwei Stühlen sitzen. Zunächst werden in der Performance erst einmal nur Geschlechterungerechtigkeiten und -stereotype thematisiert, indem die Gruppe im Pulk über die Bühne rennt, immer der Person hinterher, die gerade den Hut hat, ihn sich aufsetzt und als Metapher für das Dasein als Mann nutzt: „Wer den Hut hat, darf schlechte Witze machen, verdient mehr, macht weniger im Haushalt“, lauten so einige der Ausrufe, die getätigt werden, sobald jemand Neues den Hut errungen und ihn sich aufgesetzt hat. In englischen Reimen spricht ein Chor in einer anderen Szene durch die Verwendung der geschlechtertypischen Farben blau und pink von den unterschiedlichen Erwartungen, die an Mädchen und Jungs gerichtet werden, dass beispielsweise Jungs nicht weinen sollen, aber dafür bestimmen dürfen.
Besonders ernst und eindrücklich ist dann die Szene, in der jede:r Darsteller:in vom Rand gelaufen kommt und an unterschiedliche Stellen einen roten Schuh auf die Bühne setzt, begleitet von einer Aussage oder einem Fakt über Femizide oder Gewalt an Frauen. So auch, dass Mexiko dass gefährlichste Land für Frauen ist, weil es dort im Schnitt 11 Femizide pro Tag gibt. Es wird auf den Fakt aufmerksam gemacht, dass die gefährlichsten Männer im Leben einer Frau die in ihrem engsten und vertrautesten Umfeld sind, dass sie selbst Zuhause nicht sicher ist, dass ihr Partner die wahrscheinlichste Gefahr ist, und dass wir alle statistisch gesehen in unserem Umfeld einen Täter kennen. Dass wir unvorstellbar lange schweigen müssten, würden wir eine Schweigeminute für jede Gewalt, jeden Übergriff und jeden Mord an Frauen abhalten. Die Darsteller:innen ziehen sich Warnwesten an und singen und performen im Chor die feministische Protestperformance „Un violador en tu camino“ aus Chile, die zuvor auch hinten auf einer Leinwand gezeigt wurde. Vom trampelnden Gleichschritt der Füße begleitet, zeigt die Gruppe unter anderem immer wieder auf das Publikum und schreit ihm entgegen: „Der Vergewaltiger bist du!“
Das Ende konfrontiert abrupt mit einem positiven Ausblick: Artikel 1 der Menschenrechte wird zusammen mit dem Publikum gesungen. Einer der Darsteller steht in der Mitte der Bühne im Scheinwerferlicht und spricht von einer utopischen, besseren Welt, die man sich vorstellen soll: Eine Welt, in der Vergewaltigung oder Gewalt undenkbar wäre. Dann wird glücklich und unbeschwert zu beschwingender Musik getanzt. Wird das ernste Thema weggetanzt? Verdrängt und vergessen? Oder soll ihm etwas Positives entgegengesetzt werden? Einerseits ist das ein Zeichen von Stärke und Protest, andererseits befremdlich und fragwürdig. So oder so bleibt das Thema der Inszenierung wichtig und ernsthaft, und wenn die Wahrheit und Realität bedrückend ist, kann ein Problem im echten Leben auch nicht mit Leichtigkeit enden – die Gewalt und Ungerechtigkeit bleibt. Der positive Ausblick am Ende wirkt plakativ und gewollt; trotzdem überzeugen die kreativen Choreographien und Mittel, die die verheerenden Missstände einleuchtend und mitreißend vermitteln sowie die Fakten, die dem Publikum nicht vorenthalten werden.
:Maja Hoffmann
]]>Gleich zu Beginn tarnen sich die Darsteller:innen im Vorraum als Mitarbeitende des Schauspielhauses. Einer von ihnen läuft wild schreiend herum, verpönt das Theater als heuchlerisch und gewaltverherrlichend, eine andere Darstellerin prügelt sich obenrum nackt mit ihrem Kollegen, der am Boden festgehalten wird. Eine der Besucherinnen wird gefragt, ob sie Netanjahu töten würde, wenn keiner es mitbekommen und sie nicht bestraft werden würde und sie antwortet mit „Ja“. Ein paar Besucher:innen werden auserwählt und in den Saal begleitet, bevor der allgemeine Einlass stattfindet. Mit einer Kamera wird alles gefilmt und auf Bildschirme auf der Bühne und im Vorraum übertragen, so auch das den Einlass begleitende Aufzählen von Künstler:innen, Schriftsteller:innen, Schauspieler:innen, Musiker:innen, Instrumenten, Gerichten, Filmen, politischen Organisationen, sogar Sexstellungen. Alles Mögliche wird von einem der Schauspieler vorgelesen und mit einem knappen „Ja“ oder „Nein“ kommentiert. Im Saal angekommen, sitzen die zuvor ausgewählten Besucher:innen auf Gymnastikbällen im Planetenlook auf der Bühne verteilt. Eine Zeit lang werden sie erst einmal befragt und dabei live gefilmt und auf den Bildschirm gestreamt. Sie beantworten, welche Politiker:innen ihnen Angst und welche Hoffnung machen.
Als es mit der Inszenierung des Kollektivs dann richtig losgeht, entfaltet sich eine Aneinanderreihung von experimentellen Szenen, die sich nicht nur mit Gandhi, seinen Prinzipien und Schwachstellen kritisch auseinandersetzen, sondern auch Kollektivität als Mittel nutzen, um Frieden in seinen realistischen Möglichkeiten und Krieg in seiner Allgegenwärtigkeit zu offenbaren. Wie lässt sich Frieden denken in einer Welt der Gewalt? Wege müssen erprobt und ertastet werden, um Frieden als Gefühl und Handlung zu definieren. Was durchscheint in dieser Inszenierung, ist, dass der Glaube an ein größeres Ganzes wichtig ist, ein Gefühl von gemeinsamer Stärke, die vorrangig gefühlt wird, bevor sie im Kopf Einzug findet. Frieden wird zunächst einmal gefühlt und über ein Handeln aus (Mit-)Gefühl in die Welt getragen, bevor theoretische und strukturelle Komponenten eine Bedeutung haben.
Im imitierten Gandhitempel werden barfuß Gespräche geführt, wird sich umgezogen und zur Waffe gegriffen, um zum spirituellen Kämpfer zu werden. Die Problematik hinter Gandhis Philosophie eines gewaltlosen Widerstands wird thematisiert, ein Interview mit ihm simuliert, in dem deutlich wird, dass auch er kein perfekter Mensch war, sondern unter anderem. durch seine Worte über Juden, die sich gewaltlos untergeben sollten und seiner Definition Hitlers als Freund fragwürdig. In der Choreografie der spirituellen Kämpfer*innen steckt die Vermutung, dass Frieden etwas ist, das errungen und erkämpft werden muss, weil Krieg zum Monopol der Realität und zur einzigen Währung geworden zu sein scheint. Zuschauende werden zum Nachdenken angeregt darüber, in welchen Kategorien Frieden operieren kann. Ein transparenter Spiegel auf der Bühne zeigt eine zweite, hintere Ebene und zugleich das Publikum. Frieden und Diskurs müssen auf Augenhöhe stattfinden, der Mensch muss seine Stimme hören, ohne die Lautstärke des Anderen zu übertönen, genau wie in einem Chor – so die Metapher, die für einheitliche Kraft verwendet wird. Dass Friedensbemühungen nicht unterwürfig und leise sein müssen, sondern manchmal rebellisch und wild sind, klingt im Tempel im Bericht eines Lebensgefühls an: „Da war ich mit den anderen Kindern im Sommer in diesem christlichen Camp, ohne jeglichen Punk,“ klagt eine der Besucherinnen.
Die entscheidende, die Inszenierung charakterisierende Frage wird gestellt, laut, fordernd, einschüchternd und mutig: „Können wir lernen, den Frieden zu lieben, so wie wir gelernt haben, den Krieg zu lieben?“ Die Perversion und Grenzerfahrung des Krieges wird entlarvt: Dass Menschen, die den Krieg erlebt haben, nicht darüber reden wollen, denn wie sollen sie erklären, dass der Krieg ihnen Dinge offenbarte und Seiten des Menschseins erfahrbar machte, die ohne Lebensgefahr nicht einmal ansatzweise greifbar wären? Wie ist die Gewalt zu überwinden, die den Menschen schon immer fasziniert, ob er will oder nicht? Welchen Wert hat Frieden, wenn Krieg zum Menschsein dazugehört, zu einer Welt, die ruhelos, größenwahnsinnig und ungerecht ist? Am Ende singen die Darsteller:innen lange, wiederholend, einprägsam und nachhallend dennoch den Friedenswunsch: „Mögen alle Wesen frei und friedlich leben,“ das Publikum, animiert dazu, ein Teil des großen Ganzen zu sein, stimmt mit ein und darf dieses Friedensgefühl mittragen. Die Widersprüchlichkeit des Menschen, die Dilemmata, die in den Bestrebungen nach Frieden stecken, das Ying und Yang des Guten und Bösen, all das wird ersichtlich als Unmöglichkeit, den Frieden als Normalzustand zu denken, und doch als Hoffnung und Utopie, ihn als wichtigeren Teil im Gegensatz zu erkennen, zu verteidigen und anzustreben. Nur im Dunkeln, wenn die Zuschauenden nichts sehen und im Saal nur dem Hören ausgesetzt sind, entfaltet sich die Möglichkeit von Fantasie und Vorstellungskraft, die es für Frieden braucht: Im Dunkeln sind wir gezwungen, hinzuhören, einer Geschichte zu lauschen, einer Fragestellung, die unsere Bereitschaft zur Gewaltlosigkeit, zur Empathie, Nächstenliebe und Menschlichkeit erfragt: Würdest du das Kind des Feindes, der deinen Vater tötete, mit Liebe willkommen heißen? Ein berührender Aufruf zum Hinterfragen von Fronten, Feinddenken, Abgrenzung und Hass. Leitlinien werden sanft gezogen, wie Versuche in den Saal und auf die Bühne geworfen, Fragen und fehlende Antworten koexistieren in dieser Inszenierung ohne sich zu widersprechen - so wie es in der echten Welt vielleicht auch sein sollte. Widersprüchliches muss sich nicht bekriegen, sondern kann nebeneinander und voneinander lernen, sich austarieren, den Weg des geringsten Leids suchen?
:Maja Hoffmann
]]>Was kann „Borda“ bedeuten?
Der Titel „Borda“ ist in seiner mehrsprachig geprägten Bedeutung polyvalent - Das englische Wort für „Grenze“ leuchtet ein, doch bedeutet „bordar“ im Portugiesischen auch „sticken“. Das Zusammensticken unterschiedlicher Materialien zeigt durch eine Patchworkmetaphorik auf, wie Unterschiedliches als Mosaik zusammenkommen kann, wie Grenzen verwischt, zusammengeführt und als buntes und diverses großes Ganzes koexistieren können. In dieser Bildlichkeit steckt wie in der Inszenierung auch ein Schwellenzustand zwischen Trennung und Verbindung, der sich mutig und laut zu eigen gemacht wird, der zelebriert wird als Raum, in dem Einigkeit möglich wird. Lia Rodrigues überschreibt und überdenkt den Begriff der Grenze - sie ist nicht mehr definiert als ausschließendes Hindernis, sondern als Herausforderung, als Übergang in etwas Neues, als Ort, an dem unterschiedliche Zustände aufeinandertreffen und sich vermischen. Das dem Titel inhärente Verb „sticken“ konstituiert sich in der Inszenierung als aktive Körperarbeit, um mit verschiedenen Farben ein größeres Bild zu schaffen, und „bordar“ kann auch als „umranden“ übersetzt werden - eine Umgrenzung einer produktiven, florierenden und lebendigen Umgebung wird geschaffen, um neue Maßstäbe zu definieren, ohne gleichzeitig einzugrenzen oder abzugrenzen.
Die Inszenierung ist eine Reise und eine Transformation, die über Grenzen hinwegschreitet, Räume erschafft und Raum einnimmt, von leise und zaghaft zu laut und frei wandeln sich die Körper, die ersichtlich werden als Ressource menschlicher Veränderungskraft. Das utopische Potential von kollektiver Befreiung, von künstlerischem Ausdruck, von Vorstellungskraft und dem Mut, zu träumen, zu wagen und zu gestalten wird in dieser Inszenierung mitreißend greifbar. Visionen und Ansätze eines besseren Zusammenlebens und gesellschaftlichen Wandels werden künstlerisch erprobt und das Anders- und Woanderssein selbst werden zum Material und Stoff, konkret verdinglicht durch Plastik und Textilien, für das Zusammenweben und Zusammendenken von vermeintlichen Widersprüchen oder Gegensätzen.
Was passiert und wie könnte man es interpretieren?
Nur langsam und zaghaft offenbaren sich Bewegungen, Gesichter und Identitäten hinter Verschleierungen und Hüllen, die wie Ballast, Barrieren und Verdeckungen wirken. Nicht sichtbar sind menschliche Körper hinter bloßen Materialien und Textilien, der Mensch scheint verdinglicht, entmenschlicht und verborgen. Erst muss er sich aus den Schalen befreien und kommuniziert dabei mit Gleichgesinnten nur subtil, leise, erschwert, undeutlich, fremd und zurückhaltend. Die Kommunikation entzieht sich der Norm und dem Verständnis des Zuschauenden - Und doch wirkt sie untereinander verständlich, gewohnt und etabliert. Das im Aussehen, im Verhalten und in der Sprache fremd, eigenartig und unverständlich Wirkende wird zur Veranschaulichung einer Lebensrealität von Menschen, die dem „Othering“ ausgesetzt sind. Doch wie auch Austausch, Inklusion und Veränderungen im Allgemeinen meist beschwerlich, kompliziert und langsam stattfinden, vollzieht sich die Transformation und Metamorphose der Körper, ihrer Darstellung und Verhaltensweisen im Spannungsfeld zwischen einem Vorher und Nachher, das tastend und dennoch mutig, laut und befreiend erkundet und angeeignet wird. Die Textilien und Materialien dienen beispielsweise bei der Plastikplane in der Inszenierung auch als Versteck, als Unterschlupf, unter dem schützend weiter Sicherheit und Zurückhaltung gesucht wird. Die erste Phase der Inszenierung ist farblich weiß, zeitlupenartig, leise, vorsichtig, als müsse jeder Körper auf Eierschalen laufen und seinen Platz und seine Stimme nur vorsichtig nutzen. Doch ein Umbruch folgt, in dem mit den weißen, verschleiernden Textilien gerungen und gekämpft wird, es wird sich auseinandergesetzt mit Anhängseln des Selbst. Das Weiß, das wie neutral, unbemalt und anonym konnotiert wirkt, wird getauscht gegen bunte Kleidung in allen Farben, Facetten und Stoffen, die Vielfalt, Gestaltung und Selbstoffenbarung und -konstituierung verheißt. In einem Strom, der optisch an einen Fluss erinnert, werden die zuvor zwischenmenschlich vorherrschenden und bestimmenden Materialien nur noch hinterhergezogen, laut und grob bewegt, sich zu eigen gemacht; statt die Körper zu bestimmen, bestimmen nun die Körper über sie. Das hektische Treiben, das den Bruch von leise zu laut und von passiv zu aktiv kennzeichnet, wirkt wie eine Parallele zu aktivistischem Wille, etwas verändern zu wollen, und im Kollektiv präsent zu werden und zu handeln. Alte Verdeckungen der Identität oder Zuschreibungen wollen abgelegt werden, und neue, bunte Kleidung wird anprobiert als Akt der Selbstoffenbarung und -inszenierung, Selbstfindung und Verwandlung. Das gemeinsame Tanzen zeigt, wie Körper zusammen frei, ungezwungen, lebendig, energetisch, präsent und mitreißend sind - Der Tanz selbst stellt also eine Art der Grenzüberschreitung da, da er diese selbstbewusste, aktive Form des Selbstausdrucks wählt und den Körper als Träger von Kunst und Befreiung ohne Scham nutzt.
Der Körper als Grenze
Der Körper selbst wird so zur Grenze - er kann sich unsichtbar und klein halten, unter Schichten und Anpassung verdecken, stumm und farblos bleiben, oder laut werden, sich ermächtigen, Hüllen und Zuschreibungen abstreifen, sich erlauben, sich in seiner Identität zu erkunden und auszuprobieren. Der Körper selbst ist als biologisches und organisches Konstrukt einer ständigen Veränderung ausgesetzt, er altert, er ist verletzlich, endlich, kann ermüden, sich kraftlos untergeben und aufgeben. Seine Grenzen verschieben sich ständig mit zunehmendem Alter, sie variieren je nach körperlichem Zustand und Befindlichkeiten. Wenn die körperlichen Grenzen plötzlich schmerzlich erfahrbar und real werden, kann der Kopf jedoch ungebunden vom Körper wach, reflektiert, optimistisch und willensstark bleiben. „Die Gedanken sind frei“ - hierbei wird die Kraft der Imagination als körperungebunden deutlich, das Gehirn als Teil des Körpers und doch als Konstrukt mit eigenen Grenzregelungen und Möglichkeiten, Grenzen zu überschreiten und zu „überdenken“.
Die Kraft der Imagination
Nur die Imagination hat insofern also die Kraft, realistische Grenzen zu sprengen. Sie kann utopische Körperbilder und -handlungen entwerfen, sie kann aufzeigen, wie Körper sich im optimalen, kraftvollen und selbstbewussten Zustand ermächtigen. Imagination ermöglicht also Utopie, und dass Körper nicht nur Körper sind, sondern Vertreter von übergeordneten Problemen, die metaphorisch greifbar werden - in „Borda“ durch körperbezogene Verhaltensweisen wie das ungewöhnliche, flüsternde Sprechen, das Abhängigkeitsverhältnis zu Textilien die verschleiern, und vor allem durch das Tanzen im Kollektiv, das im Alltag nicht unbedingt so explizit zeigt, wie Körper zusammen eine Einheit bilden können, eine Kraft, eine Ermächtigung. Imagination ist durch Kunst wie den Tanz ein Mittel, um Tatsächliches auf die Metaebene zu heben, ohne Grenzen zu unterliegen - denn Kunst kann Grenzen überschreiten, um auf Probleme innerhalb dieser Grenzen und realen Umstände aufmerksam zu machen. Durch Imagination kann die Aufmerksamkeit auf solche Probleme gelenkt werden, und Wege aus Begrenzungen werden sichtbar und denkbar. Grenzen werden erfahrbar als überwindbar. Inspiration und Vorstellungskraft für neue Impulse und Ideen werden etabliert und offenbaren die Imagination als unerschöpfliche Quelle - wie Einstein schon sagte, ist die Fantasie unbegrenzt. Imagination hat im Gegensatz zur Realität keine Grenzen und wenn man sie in die reale Welt einlässt, kann eine Zwischenzone entstehen, in der sich Grenzen verschieben oder neu denken/ wegdenken lassen. Wenn Imagination ermöglicht, dass Alternativen und Veränderungen denkbar sind, dann birgt Imagination das Potential, tatsächliche Veränderungen anzustoßen. Bilder entstehen in der Imagination, auf der Bühne, in der Metapher - die sich wie in Träumen jenseits der Realität und des Machbaren bewegen können. Bilder brauchen keine Grenzen, ihnen werden nur Grenzen gesetzt. Sichtbares hat keine Grenzen, wenn der Blick stetig weiterschweift und der Körper weiterläuft und sich ihm neue Perspektiven offenbaren. Nur im Denken, in Überzeugungen und Gesetzen schreiben sich Grenzen fest - menschengemacht und daher bloße Illusionen, die durch Imagination desillusioniert, gelöst und als solche entlarvt und aufgedeckt werden können - wenn der Mut hierfür existiert, der Wille und die Vorstellungskraft, die gefördert werden muss. Genau das geschieht durch Kunst selbst, der die Möglichkeit zur unbegrenzten Fantasie und Utopie innewohnt.
Die Philosophie des Tanzes
Synästhetisch wird für den Zuschauenden erfahrbar, dass Lia Rodrigues von poetischem Wille ausgehend an die transformative Kraft von Tanz glaubt, dem eine politische und menschliche Offenbarung innewohnen kann. Für Rodrigues gehört Tanz zur Bildung eines Menschen dazu - vielleicht, weil er dazu befähigt, körperliche Grenzen auszuloten, und diese Erfahrung auf andere Grenzen zu übertragen, die ebenso in Zustände der Bewegung und des spielerischen Ausdrucks transformiert werden können. Kunst und soziale Prozesse können so zusammenarbeiten, eine Synergie bilden und sich gegenseitig inspirieren.
Wie entsteht Veränderung ?
Grenzen formen Identitäten, Chancen, Selbstbilder, Weltbilder, Ungerechtigkeiten und Überzeugungen. Sie müssen verwischt und aufgelöst werden, um in einen Diskurs mit der Gegenseite zu treten; Dialog trotz unterschiedlicher Sprachen und Prämissen muss möglich werden, um gemeinsame Räume statt verhärtete Fronten zu schaffen. Wo sich zwei Zonen an der Grenze berühren, kann etwas Neues entstehen, kann die Grenze fluid und hinfällig werden, hinterfragt werden, beseitigt werden. Die Grenze als menschengemachtes Konstrukt ist nicht in Stein gemeißelt und kann der stetigen Veränderung menschlicher Überzeugungen oder Regeln folgen. In der Inszenierung wird durch die Gebundenheit an Materialien, den gemeinsamen Tanz und das Austarieren der Machtverhältnisse deutlich, dass alles miteinander verbunden und voneinander abhängig ist, dass sich alles gegenseitig beeinflusst und alles somit Verantwortung und Mündigkeit besitzt. In unserer wechselwirkenden Macht liegt eine Verantwortung zum Streben nach Veränderung und dem Guten, liegt der Schlüssel zu gerechtem Zusammenleben.
Im Choreografieren und dem „Sticken“, das namensgebend für die Inszenierung ist, sieht Rodrigues die Parallele, dass kreativ, detailliert und zeitaufwändig etwas erschaffen wird, und dass Einzelnes von Grund auf neu zusammengeführt werden muss - Aspekte finden transformierend und verschmelzend als etwas Neues zusammen, so wie es auch auf ein progressives Verständnis von Grenzüberwindungen zutrifft. Im Erschaffen von neuen Formen aus unterschiedlichen Komponenten liegt für Rodrigues die Grunderkenntnis, dass der Mensch sich selbst und seine Umgebung formen, gestalten und verändern kann. Das Überschreiten von Grenzen und aktive Verändern findet zunächst intrinsisch in jedem selbst statt, indem stets Bestrebungen verfolgt werden, voranzukommen, nie statisch, festgefahren und engstirnig zu sein, sondern offen für das Leben und Ideen als sich wandelnde, veränderliche Strukturen. Nur in der Veränderung kann man sich selbst und die Welt immer wieder neu entdecken und erfinden und neue, wichtige Wege begehen und etablieren. „Imagination und Träume bleiben essentielle Kraftstoffe für das Vorankommen und das Aktivieren neuer Arten, in der Welt zu existieren,“ resümiert Lia Rodrigues im Interview mit der Kulturjournalistin Beatrice Lapadat.
:Maja Hoffmann
Während ich so dastehe, frage ich mich, wie es wohl sein wird, gleich vor rund 50 Menschen auf der Bühne zu stehen – in genau diesem Outfit. Doch viel Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, bleibt mir nicht. Schließlich schiebe ich den schweren Vorhang beiseite und trete ins Scheinwerferlicht, das sich unmittelbar auf meinen gesamten Körper legt. Ich blinzle kurz, mein Blick sucht das Publikum. Der Auftritt beginnt.
Doch um zu verstehen, wie ich überhaupt hierhergekommen bin, muss ich die Geschichte von Anfang an erzählen: Alles begann im Wintersemester an der RUB, genauer gesagt im Musischen Zentrum. Der große abgedunkelte Raum, in dem ich mich auf meinen Auftritt vorbereitet habe, ist mir seit Oktober vertraut. Er diente uns als Proberaum – unserer Seminargruppe, der ich mich im Rahmen des Optionalbereichs dem Kurs „Imagination im Schauspiel“ angeschlossen hatte.
An diesem Ort habe ich in den vergangenen drei Monaten Erfahrungen sammeln dürfen, mit denen ich zuvor kaum Berührungspunkte gehabt hatte. Jeden Mittwoch, von 10 bis 14 Uhr, versammelten wir uns hier, um uns zunächst mit den Theorien der bekanntesten Schauspielmethoden auseinanderzusetzen. Wir präsentierten, analysierten und setzten das Erlernte anschließend in der Praxis um. Im zweiten Teil des Seminars wagten wir uns schließlich daran, als Gruppe ein eigenes Stück zu entwickeln.
Das Besondere? Welche Schauspieltechnik wir nutzen wollten, blieb uns Studierenden jedoch selbst überlassen. Wir durften ausprobieren, improvisieren, kombinieren und so unsere ganz eigene Methode finden. Ehrlich gesagt war es für mich anfangs nicht immer leicht. Ich probierte vieles aus, mal fühlte sich eine Technik besser an, mal eine andere. Es hat eine Weile gedauert, bis ich eine Mischung gefunden hatte, die sich für mich stimmig anfühlte.
Für unsere Aufführung entschied ich mich schließlich, die exzentrische Figur der Wednesday Addams zu verkörpern, die aus der „Addams Family“ bekannt ist. Besonders ihr „handliches“ Haustier, das berühmte „eiskalte Händchen“, wurde zu einem wichtigen Teil meines Kostüms. Das schwarze Gothic-Kleid, das mein Outfit vervollständigte, borgte mir eine Kommilitonin aus dem Seminar, die es einmal zu Halloween getragen hatte.
Doch auch wenn optisch alles stimmte – sich in die Rolle der Wednesday einzufinden, war für mich zunächst eine Herausforderung. Mein Bezug zur Figur stammte hauptsächlich aus der populären Netflix-Serie, die eine sehr subtile Darstellung der eher introvertierten Figur zeigt. Im Theater jedoch gelten andere Gesetze. Hier reicht es nicht, mit feinen Gesichtszuckungen Emotionen zu vermitteln, weil es keine Kamera in Nahaufnahmen einfangen kann. Auf der Bühne muss man die Figur so nach außen transportieren, dass auch die Zuschauer:innen in der letzten Reihe jede Gefühlsregung wahrnehmen können. Das bedeutet schlichtweg: Man muss oft übertreiben. Realistisch ist die Darstellung dabei nicht immer – vielmehr geht es darum, die charakterlichen Eigenheiten einer Figur greifbar zu machen, indem man sie verstärkt.
Nach und nach gelang es mir jedoch immer besser, diesen Zugang zu finden. Besonders geholfen hat mir dabei die Musik. Um in die aggressive, düstere Stimmung meiner Figur zu kommen, hörte ich vor den Proben oft laut Rockmusik.
Und nun ist der Moment also gekommen. Es ist der 29. Januar. Ich stehe hinter dem Vorhang, spüre die Aufregung und warte auf meinen Einsatz. Dann betrete ich die Bühne – und werde zu jemand anderem. Naja, vielleicht nicht direkt. Es dauert immer einen Moment, bis man sich an die Situation gewöhnt hat. Doch ich schaue nicht zu den Zuschauenden hinunter, die uns freundlich anstarren. Stattdessen fokussiere ich mich auf meine Mitspielenden und die einstudierten Abläufe. So kann ich ganz in der Rolle bleiben, ohne mich selbst zu hinterfragen.
Die Zeit vergeht rasend. Zu meiner Erleichterung funktioniert alles so, wie wir es geplant hatten. Über allem steht für mich der Spaß an der Sache, der auf jeden Fall immer da ist. Die drei Monate, die wir als Seminargruppe auf diese Aufführung hingearbeitet haben, haben uns eng zusammengeschweißt. Aus einer neuen Gruppe wurde eine Gemeinschaft, vor der man seine Hemmungen hat fallen lassen. Ich bin unglaublich froh, dass ich mich damals recht spontan für diesen Kurs im Optionalbereich entschieden habe.
Neben der finalen Aufführung gehörte auch eine Präsentation über eine Schauspieltheorie zum Leistungsnachweis. Doch wer mit Freude dabei ist, wird dieses Seminar nicht mit klassischem Uni-Stress verbinden. Vielmehr habe ich es als kreative Auszeit vom Uni-Alltag erlebt, die mich als Person auch mutiger gemacht hat. Man lernt, sein Schamgefühl abzulegen.
Ein besonderer Dank gilt auch unserer Dozentin Karin Freymeyer, die uns auf dieser Reise begleitet hat. Für alle, die jetzt neugierig geworden sind: Auch im kommenden Semester bietet Karin Freymeyer wieder ein Schauspielseminar im Optionalbereich an. Unter dem Titel „Körpertechniken“ geht es diesmal darum, Schauspielmethoden gezielt durch den Einsatz des eigenen Körpers zu entwickeln.
Eine Anmeldung ist bereits möglich. Vorerfahrungen sind nicht erforderlich – also traut Euch! Wer Lust hat, neue Menschen kennenzulernen und den Uni-Alltag für ein paar Stunden hinter sich zu lassen, wird in diesem Seminar garantiert auf seine Kosten kommen.
:Levinia Holtz
]]>Die Theaterleiterin Kim erklärt kurz, wie die einzelnen Theater-Sessions ablaufen werden und sammelt Ideen und Schlagwörter. Dann gilt es Freiwillige zu finden, die sich auf der Bühne austoben möchten. Und es dauerte nicht lange, bis sich die ersten meldeten und zur Bühne kamen, von Lampenfieber keine Spur. Auch komplette Neulinge trauten sich später auf die Bühne. Während der Performances war das Publikum immer voll mit dabei, lachte herzlich und gab tosenden Applaus. Kim bezog das Publikum auch immer wieder mit ein, holte sich Ideen und stellte Fragen. Es war also ein herzhaftes hin und her zwischen Publikum und Bühne.
Die Vorgaben, die Leiterin Kim immer wieder mal reinwarf, waren dabei einfach zu verstehen und sorgten für Lacher. Wenn es zum Beispiel darum ging, einen Lobgesang zur Therapieknete abwechselnd Wort für Wort zusammenzureimen oder aus dem Stehgreif ein Stück aus einem frei erfundenen Drehbuch aufzuführen. Eines stand dabei immer im Vordergrund: Spaß haben. Auch wenn es mal etwas stockte, sorgte Kim dafür, dass neue Impulse in das Geschehen kamen. So konnte es nahtlos weitergehen. Zum Ende gab es dann noch ein sogenanntes Freeze, bei dem der ganze Abend nochmal Revue passieren durfte. Wer auf die Bühne wollte, konnte hier einfach die Zeit einfrieren, abklatschen und einen Teil der Performances nochmals zum Besten geben.
Die Stimmung im Kulturcafé war gut gelaunt und ausgelassen. Dass das Programm zum Improvisations-Theater schien bei allen wirklich gut anzukommen. Langweilige Momente gab es kaum bis gar nicht und alle Anwesenden, sowohl auf der Bühne als auch im Publikum, schienen Spaß zu haben. Ich selbst fand es auch ziemlich unterhaltsam, fand es stellenweise aber etwas zu laut aus dem Publikum, als der Alkoholpegel hoch ging. Auch die Sitzmöglichkeiten waren fast vollständig ausgeschöpft, das könnte man vielleicht beim nächsten Mal besser im Auge haben. An dem überwiegend positiven Gesamteindruck ändert das aber nichts. Ein weiterer Abend im Kulturcafé mit Impro-Theater ist noch für den 22. November von 18 bis 21 Uhr geplant. Kim und Kimpro findet Ihr auf Instagram unter: https://www.instagram.com/kimpro_bo/
:Artur Airich
]]>Wer am vergangenen Samstagabend durch die Dortmunder Nordstadt spaziert ist und dem Geräusch lauter elektronischer Musik in Richtung Hafen folgend, durfte etwas Erstaunliches bewundern. Im Zuge des Kulturfestivals Beyond Opera 22 zog eine „performative Soundkarawane“ vom Blückerpark in Richtung Kanal. Finaler Stopp am „Umschlagplatz“ – Der Name dieses Events? Nordstadtoper. Wer sich ein wenig in Dortmund auskennt, wird bei der Kombination von „Nordstadt“ und „Oper“ vielleicht staunen. Der stark migrantisch geprägte Stadtbezirk Innenstadt-Nord – in den Medien oft als „Ghetto“ und voll mit vermeintlichen No-Go-Areas geframed – steht nicht unbedingt mit solch anerkannter Hochkultur wie der Oper in Verbindung. Aufmerksamkeit bekommt man dort meist nur in Form von Taser-Pilotprojekten bei der Polizei und gutbürgerlicher Angst vor allem was anders ist. Doch seit einigen Jahren befindet sich der Stadtteil in einer konfliktreichen Entwicklung zwischen selbstverwalteten Projekten und Gentrifizierung. Eins ist jedoch immer noch klar, nördlich des Hauptbahnhofs ist es anders als im Rest der Stadt. Dieses „anders“ gehört zu dem, was die Nordstadtoper in ihrer Konzeption einfangen will. Um 19 Uhr sollte es losgehen, schon vorher sammelten sich viele Menschen im Blücherpark. Dort konnte man bereits tänzerische Bewegung auf einem Spielplatz zu meditativen Parolen von Sicherheit, Geborgenheit und Liebe betrachten. Jemand steht an einer Telefonzelle, singt Oper in den Hörer. Bereits auf dem Weg zum Park fallen die gesperrten Straßen und fragende Anwohner:innen auf. Irgendwas liegt in der Luft, so viel ist klar. Eine Hochzeitsgesellschaft wird – wahrscheinlich unfreiwillig – kurz Teil der Inszenierung, als sie feierlich hupend versuchte, noch zwischen Soundkarawane und Straßenabsperrungen hindurch zu schlüpfen. Dann aus nicht allzu weiter Ferne die Klänge von Bass und Kickdrums, während ein LKW mit einer Bühne vorfährt. Dieses Fahrzeug bildete das Herzstück der Karawane, die nun mit einigen Schlenkern durch die Straßen der Nordstadt lief. Immer wieder kamen zu den repetitiven Beats andere Impulse hinzu: Am Eingang einer Schule spielte ein Jazzensemble, vor einer Bar erklungen Streichinstrumente, Balletttanz im Hof einer Kirche, ein Gitarrist auf einem Balkon, Schlagzeuger in einem Treppenhaus … Mal mehr Zeit, mal weniger Zeit, um innezuhalten und die neue Kombination aus elektronischem und akustischem Klang auf sich wirken zu lassen. Eine große Masse Menschen hatte sich dem Zug angeschlossen, zwischen den Schaulustigen spontanen und extra Angereisten immer wieder eine kostümierte Person und dann eine zweite und eine dritte, die sich durch die Menge schlängelt. Oft fällt erst im allerletzten Moment auf, dass gerad eine weitere Performance beginnt. Immer wieder auch der Klang von Operngesang, der die fast profanen Klänge der Tanzmusik durchdringt. Klänge, die man auch an jedem anderen Wochenende auf den Straßen der Nordstadt vernimmt, vermischt mit Klängen, die sonst nur in exklusiven Veranstaltungen in Opern- und Konzerthäusern zu hören sind. Angekommen am Ziel erwartete die Karawane eine Bühne, darauf all die Musiker:innen die uns bereits unterwegs an ihren Stationen erwartet hatten. Noch ein letztes Mal spielten alle zusammen, als vorläufiger Klimax der Veranstaltung. Doch auch nach dem dankenden Abschlussgruß der Organisator:innen war es noch nicht vorbei mit der Nordstadtoper. Für alle, die noch nicht genug hatten, gab es noch Musik bis zur Mitte der Nacht – rollende Bässe und rhythmische Bewegungen, Impulse und Ekstase, die die Straßen und das Nachtleben der Städte prägen, während anderswo in den heiligen Stätten der Hochkultur mit Weißweinglas in der Hand applaudiert wird. Die Nordstadtoper das Bindeglied, ein zaghaftes, gegenseitiges Ausstrecken der Finger entgegen einer Kultur, die man vielleicht nicht versteht, wohl aber respektieren kann.
:Jan-Krischan Spohr
]]>Feiern im Bochumer Bermuda3Eck? Nichts Neues, altbekannt und immer gut! Feiern rund um das Bochumer Rathaus? Das war seit der Wiedereröffnung der Clubs nach den Lockerungen der Corona-Maßnahmen nur im „Goo“-Club möglich. Der kleine neue Indie-Club im Ratskeller, der das ehemalige Clubbing-Programm der „Trompete“ übernommen hat – „Königskinder & Rebellen“, „Love Will Tear Us Apart“, „90s Riot“ und weitere bekannte musikalische Erlebnisse sind nun im „Goo“ zu finden – wird wohl ab dem 26. August 2022 durch das Projekt „Rathaus Clubbing“ eine beeindruckende Konkurrenz bekommen. Die Veranstaltenden Bochum Marketing GmbH und das Kulturbüro der Stadt Bochum möchten die Innenfläche des Gebäudes am Willy-Brandt-Platz zum multifunktionalen Raum machen. Er soll zu Konzertplatz, Club oder auch Theaterbühne werden, ganz nach Bedürfnissen der Kunstschaffenden flexibel anpassbar. Ziel dieser „Kerninitiative der Bochum Strategie 2030“ ist es, insbesondere junge Studierende und Menschen aus der freien Szene anzusprechen und sie mit Live-Acts, elektronischer Musik und alternativen „Clubfeeling“ unter freiem Himmel zu versorgen, weitab von altbekanntem Bermuda3Eck und mit ganz eigenwilligem Flair, der sich nicht mit dem der Kneipen in Bochums Partystraßen vergleichen lässt. Das Projekt klingt vielversprechend; es lässt auf Freiluft-Festival-Feeling und bereichernde Kunst-Kultur-Angebote hoffen, welche das flexibel gestaltbare „Rathaus Clubbing“ einen ganz besonderen Stellenwert in der Partystadt Bochum verleihen könnten. Es bleibt trotzdem abzuwarten, wie sich „Rathaus Clubbing“ letztendlich in der Realität gestaltet. Zum Glück müssen wir nicht lange auf heißen Kohlen hocken. Bereits knapp acht Wochen nach dem beliebten Stadtfestival „Bochum Total“ Anfang Juli 2022 gibt der erste Act des „Rathaus Clubbing“ den Startschuss für das neue Projekt. Am 26. August von 18 bis 22 Uhr soll im Rahmen des 14. Bochumer Musiksommers von der Bochumer Marketing GmbH umsonst eine audiovisuelle-künstlerische Show geboten werden. Darüber hinaus soll der neue Kulturraum grundsätzlich vor allem Bochumer Künstler:innen, Kultureinrichtungen, Agenturen, Vereinen, Initiativen, Theatergruppen und DJs die Gelegenheit bieten, Veranstaltungsformate auf die Bühne, auf die Straße und vor das Publikum zu bringen. Zu diesem Zweck hat das Kulturbüro der Stadt und die Bochum Marketing GmbH einen öffentlichen Ideenwettbewerb ins Leben gerufen, auf den sich mit kreativen Veranstaltungskonzepten für den Innenhof und auch die Räumlichkeiten unseres Rathauses beworben werden kann. Des Weiteren werden bereits für drei konkrete Termine von September bis November künstlerische Darbietungen für Abendveranstaltungen gesucht. Es kann sich dafür noch bis zum 30. April von kunstschaffenden Bochumer:innen beworben werden, Ansprechpartner ist Oliver Osthoff von der Bochumer Marketing GmbH, die in der Huestraße 21 bis 23, 44787 Bochum (Mo.-Fr. von 10 Uhr bis 18 Uhr geöffnet) zu finden oder per Mail durch osthoff@bochum-marketing.de zu erreichen ist. Ihr kennt jemanden, der jemanden kennt oder seid zufällig selbst Künstler:in? Dann lasst Euch diese Chance nicht durch die Lappen gehen. Wir sehen uns im Sommer vorm Rathaus!
:Rebecca Voeste
]]>Das Kunstmuseum Bochum
Das Kunstmuseum ist aus der 1960 gegründeten Städtischen Kunstgalerie Bochum hervorgegangen, die sich vor allem durch die Sammlung historischer sowie zeitgenössischer europäischer Kunst auszeichnete. Kunstliebhaber:innen werden im Museum von Werken des Tschechischen Symbolismus und Kubismus, des Deutschen Expressionismus und zu einem großen Teil des Surrealismus begeistert. Auch regionale und aus Bochum stammende Künstler:innen sind vertreten. Ihr findet das Kunstmuseum Bochum in der Kortumstraße 147, 44787 Bochum, gegenüber des Stadtparks. Aufgrund der Coronapandemie ist der Eintritt zur Zeit frei!
Weitere Informationen zu Öffnungszeiten und Führungen könnt Ihr der Website des
Museums entnehmen: kunstmuseumbochum.de
Casablanca – Bochums Filmkunsttheater
Im Herzen des Bermudadreiecks sind gleich drei Kinos vorzufinden: Das Union-Kino, das Capitol und das Casablanca. Von diesen dreien sticht besonders das Casablanca durch seinen Retro-Charme und seine besonderen Aufführungen hervor, denn dort könnt Ihr Euch dem Filmgenuss in der Originalvertonung hingeben. Es werden interessante Sport- oder Kunstdokumentationen geboten sowie Nischenfilme, die es zwar nicht “auf die ganz große” Leinwand schaffen, aber dafür nicht weniger spannend oder tiefgreifender sind. Ein weiteres Highlight im schnuckeligen Casablanca ist das “Kino-Café”, eine Gemeinschaftsaktion des Casablanca Filmkunsttheaters, der WAZ Bochum und der Traditionsbäckerei und -konditorei Wickenburg, in dem vor den Filmen Kaffee und Kuchen serviert wird.
Unter folgendem Link findet Ihr die Website des Kinos: casablanca-bochum.de
Musisches Zentrum der Ruhr-Universität Bochum
Wenn Ihr selbst kulturell oder musikalisch aktiv werden wollt, lohnt sich ein Blick in das Musische Zentrum auf dem Campus unserer Uni. Dort könnt Ihr als Studierende an Kursen in den Bereichen Bildende Kunst, Künstlerische Gestaltung und visuelle Medien, Musik und Studienbühne teilnehmen. Außerdem findet Ihr in den Räumlichkeiten verschiedene Ausstellungen vor, könnt Theateraufführungen oder Lesungen und Konzerte besuchen. Das aktuelle Angebot könnt Ihr der Website des Musischen Zentrums entnehmen: mz.ruhr-uni-bochum.de
ROTTSTR 5 THEATER
Bei dieser Einrichtung handelt es sich um ein überregional bekanntes freies Theater in Bochum unweit des Bochumer Rotlichtviertels. Das Programm ist besonders: moderne Sprachtheater-Inszenierungen zeitgenössischer Literatur werden auf die kleine Bühne gebracht, sowie Filme reinszeniert, zuletzt der Klassiker Fight Club nach Chuck Palahniuk und Jim Uhls. Darüber hinaus stehen regelmäßig Lesungen und Konzerte auf dem Programm. Ihr seid interessiert? Dann werft einen Blick auf die Website des ROTTSTR 5 THEATERs: rottstr5-theater.de
:Rebecca Voeste
]]>:Die Redaktion