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Hetze gegen Fremde, Misstrauen gegenüber der Staatsmacht, ein vorgeschlagener Verhaltenskatalog für Frauen – das klingt erstmal nicht wie Deutschland im 21. Jahrhundert. Im Internet finden sich Schlagworte wie „Silvesterhorror von Köln“ oder „Sex-Mob von Köln“, die Bevölkerung ist empört – und zeigt mit dem Finger auf die (angeblich) Schuldigen. Sie sucht nach Sündenböcken, nach dem Opferlamm, das die Schuld auf sich nimmt, um sie der Masse zu ersparen.
Ist die gesellschaftliche Ordnung beeinträchtigt, so sucht sich die Masse unbewusst ein Opfer, das sich möglichst stark von der Norm unterscheidet. Es kommt zu Anschuldigungen und oft zu Gewalt gegen das Opfer – so entlädt sich die kollektive Furcht und der Sündenbock stellt die kollektive Ordnung wieder her. Das ist der Kern des Sündenbockmechanismus, beschrieben vom Kulturanthropologen René Girard. Dieser funktioniert auch gut im übertragenen Sinn: Statt den Sündenbock zu lynchen nutzen wir „das Mittel der Propaganda, um diese Person oder auch ein Volk künstlich zum Übeltäter zu stempeln, zum Verfolger zu erklären. Dann habe ich ein Recht, ihn mit aller Gewalt am Verfolgen zu hindern“, so Girard.
Köln hat sich solch einen Sündenbock geschossen: Im Klima der Krise (Kriege und Konflikte rund um den Globus, anhaltende Gefahr von Terror, Flüchtlingsströme) traf in der Silvesternacht eine Menschenmenge aufeinander. Alkohol floss, Euphorie stieg, Böller flogen – die Situation eskalierte und es kam zu Gewalttaten: Diebstähle, körperliche Angriffe, sexuelle Übergriffe in der Masse. Die Ordnung geriet aus den Fugen – oder wurde sie vielleicht organisiert gekippt?
Die Medien berichten, das Internet diskutiert – und es wird nach greifbaren TäterInnen, greifbaren Ursachen gefahndet: Flüchtlinge, Frauen, Polizei. Irgendwer ist sicher schuld. Schließlich neigt das Individuum dazu, anderen die Schuld zuzuschieben, um sich selber aus der Verantwortung zu entlassen – je „unnormaler“ der Sündenbock, je mehr er sich unterscheidet, desto besser funktioniert die Propaganda: Es ist immer das Andere, Fremde, Ausschließbare.
Ist es nicht befreiend? Indem wir Furcht und kollektive Frustration auf die Opfer übertragen, entlasten wir uns selber und können diejenigen verurteilen, die „verantwortlich“ für den „Schlamassel“ sind: die unfähige Polizei, die unbesonnenen Frauen, die anpassungsunwilligen Flüchtlingsströme. Sündenböcke gibt es schließlich genug, um sie auf dem virtuellen Opferaltar des Internets verbal zu schlachten.
Dann bis zum nächsten Opferritual!
:Stefanie Lux
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