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Die andere Hälfte scheint allerdings zu denken: ,,Fuck Denglisch! Ich bin schließlich Deutsch!!‘‘ Mittlerweile schreibt man nicht Nachrichten, sondern Messages per WhatsApp. Der Anrufbeantworter wurde zur Voicemail. Musik ist jetzt acoustic, electronic und live. Man arbeitet nicht mehr als Hausmeister*in oder Verkäfer*in, sondern Facility Manager oder Sales Advisor – an dieser Stelle Greetings aus der :bsz Redaktion! Und es ist nicht nur die gesprochene oder privat geschriebene Sprache, die so casually Deutsch und Englisch vermischt. Allein auf dieser Seite findet sich nicht nur diese Denglische Glosse, auch der obige Kommentar wird mit ,,the bigger is nicht always the better‘‘ eingeleitet. DÜRFEN WIR DAS?!? Wer beschützt denn noch the good old German? Wo ist das pure reine Deutsch oder Englisch hin …
Ähm, Moment! Was für ein reines Deutsch oder Englisch? Newsflash: Sprache lebt und verändert sich – und hat dies immer schon getan. Und was noch mehr hardcore ist: Alle häufig gesprochenen Sprachen sind eigentlich nur ein wilder Mix verschiedener Sprachen. Ich weiß: Shocking! Es gibt gar kein reines Deutsch, was man verteidigen kann? Gerade die heutigen europäischen Sprachen wurden vom Lateinischen, Gälischen und/oder Altgriechischen geprägt und haben sich über die Jahrhunderte hinweg gegenseitig beeinflusst. Mal ein Fun Fact als Beispiel: Die englischen Begriffe, die für Tiere stehen – pig – kommen aus dem Altenglischen, während die Begriffe für das essbare Fleisch – pork – aus dem Französischen kommen. Nach dem Norman Conquest gab es nämlich Klassenunterschiede zwischen den angel-sächsischen Bauern, die über die lebenden Tiere sprachen, und den normannischen Adligen, die über die Speisen sprachen. Und wann war das? 1066! Also: Dass Sprachen sich mischen und weiterentwickeln, ist wirklich nichts Neues.
Sorry not sorry. Sprache lebt. Sprache entwickelt sich. Sowohl gesprochene als auch geschriebene Sprache. Und vielleicht sollten die Einstellungen mancher Leute sich dazu ebenso weiterentwickeln – Mic Drop and Peace out!
:Charleena Schweda
]]>Organisiert wird die Tagung vom Sprachwissenschaftlichen Institut der RUB unter Leitung von Prof. Tibor Kiss. Es finden Vorträge von WissenschaftlerInnen aus Europa und Amerika statt. Studien aus der theoretischen Linguistik sowie experimentelle Arbeiten werden vorgestellt und diskutiert. Auch Studierende und DoktorandInnen aus anderen philologischen Fächern werden teilnehmen. Die Forschungsgruppe der RUB „Accounting for the Foundations of Mass“, gefördert durch die Alexander-von-Humboldt-Stiftung, beschäftigt sich bereits seit 2013 mit diesem Thema. Das Projekt ist eine Kooperation mit Prof. Francis Jeffrey Pelletier, University of Alberta. „Ein wesentliches Ergebnis ist das Bochum English Countability Lexicon (BECL), das Zählbarkeitsklassifikationen für über 10.000 Nomen anbietet“, berichtet Prof. Tibor Kiss, „so zeigt es auf, wie komplex der Phänomenbereich ist.“ BECL werde von vielen WissenschaftlerInnen genutzt.
Der Sprachwissenschaftler erklärt: „Zählbarkeit sieht auf den ersten Blick wie ein simples Phänomen aus (man zählt, was gezählt werden kann) und wird entsprechend auch gerne in Grammatiken als Grundlage für andere Regeln verwendet.“ Doch damit sei die Zählbarkeit nicht erklärt. Was in einer Sprache zählbar sei, muss es in einer anderen nicht sein. „In der theoretischen Linguistik glaubt man, der Zählbarkeit auf die Spur zu kommen, indem man Bedeutungsatome ansetzt, die unbestimmt sein können. *Mensch* ist dann zählbar, weil es *Menschenatome* gibt, also einzelne Menschen.“ Jedoch gebe es auch Substantive, die eigentlich nicht zählbar sind, obwohl sie Atome enthalten, aber wenn man sie so behandle als ob, dann bedeuten sie etwas anderes. „Besteck besteht aus Messer, Gabel, Löffel etc. Das Substantiv Besteck ist nicht zählbar, aber wenn man es als ein zählbares verwendet, dann bedeuten *drei Bestecke* eben nicht Löffel, Gabel und Messer, sondern drei Sets aus Löffel, Gabel und Messer.“ Das einfache Konzept sei ein komplexes Feld. Mit dieser Tagung soll die Forschung an der RUB nicht enden. Weitere Informationen gibt es unter count-and-mass.org/becl2018/.
:Maike Grabow
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Sprachwissenschaft ist überall. Als LinguistIn hat man seinen Forschungsgegenstand ständig um sich rum: die Sprache. Prof. Dr. Dr. h. c. Menge geht gezielt „auf seinem Bärenticket kreuz und quer durchs Ruhrgebiet“ auf die Suche und erzählt anschließend von seinen Beobachtungen. Die Dinge, von denen er erzählt, zeigen erstens, dass gesprochene Sprache unglaublich vielfältig ist, und zweitens, dass in allen von uns einE SprachwissenschaftlerIn steckt. Wie schon in seinen Vorlesungen an der Ruhr-Uni versteht es Menge auch in seinem Buch, seinen LeserInnen bzw. StudentInnen die Ohren zu öffnen. Beachtenswerte Eigentümlichkeiten und sprachliche Rätsel gibt es überall. Nur die Methode unterscheidet die Profi-LinguistInnen von den LaiInnen. Und die wird in „Mein lieber Kokoschinski“ mal eben im Vorbeigehen vorgestellt.
Was ist überhaupt das Ruhrgebiet? Ist es der Regionalverband Ruhr oder doch die Gegend, wo die Ruhrgebietsausgabe der „Bild“-Zeitung erscheint? Da die gängigen Definitionen dem Autor nicht gefallen – es will etwa „nicht gelingen, Wesel als Ruhrgebietsstadt zu sehen“ –, bleibt der Bochumer bei einer zwar unwissenschaftlichen, aber sympathischen Definition: Ruhrgebiet, das muss man selbst spüren und erleben.
Entsprechend vielfältig ist auch die Sprachlandschaft im Revier. Den einen „Ruhrdialekt“ gibt es nicht, die DuisburgerInnen sprechen anders als die DortmunderInnen. Da gibt es die wol/ne-Grenze, die grob entlang der B 235 verläuft. Doch Zeiten ändern sich: Wenn Menge in Langendreer den Menschen zuhört, so hört er die Alten „wol“ sagen und die Jungen „ne“. Nebenbei lernen wir, dass solche Wörtchen mit dem total klug klingenden Wort „Rückversicherungspartikel“ bezeichnet werden.
Ein stets populäres Teilgebiet der Linguistik ist die Onomastik, die populärer klingt, wenn man sie Namensforschung nennt. „Otto Rehhagels TuS Helene“ heißt ein Kapitel im Buch, in dem wir erfahren, dass das linguistische Erbe der Schwerindustrie in Sportvereinen, Kleingartenanlagen und Haltestellen weiterlebt. Menge, der in seiner wissenschaftlichen Laufbahn so viele starre Texte und langweilige Fußnoten verfassen musste, wirft über Bord, was die Wissenschaft so elitär und langweilig macht, und rüttelt mit Fußnoten wie „Weil sie so schön ist, hier die Tabelle der (Kreis)Liga (A des Kreises Essen-Nordwest) von Anfang März 2013“ an den Fundamenten des Elfenbeinturms. Und ja, so isses: TuS Helene ist kein Griechenverein, sondern nach einer alten Zeche benannt.
Was in Professor Menges Lehrveranstaltungen aufregend und motivierend rüberkam, ist des Buches Schwachstelle. Wenn der Dozent von Hölzken auf Stöcksken kommt und ein Grammatikseminar einen Exkurs über Phonologie oder eine Anekdote über chinesische Kommniukation erfährt, ist das auflockernd. Wenn aber im Buch der Stil wechselt, dann und wann ein Ich-Erzähler auftaucht oder Tabellen, Listen und Aufzählungen unmotiviert dastehen, wirkt das wenig professionell und kaum durchdacht.
Stört man sich nicht daran, kann man mit Herrn Menge in der S-Bahn durch Industrie- und Sprachlandschaften reisen. Dabei erfährt man, dass die Einflüsse des Polnischen auf die Ruhrgebietssprache gar nicht so groß sind, wie immer noch alle behaupten, obwohl der Autor schon in den 70er Jahren wissenschaftlich bewiesen hat, dass die Grundlage vom Pottdeutschen das Plattdeutsche ist (wobei die damalige Publikation weitaus weniger Publikum gefunden haben dürfte als „Mein lieber Kokoschinski!“); dass aber wohl die hiesigen Nachnamen oft polnischen Ursprungs sind, auch wenn sie so deutsch wie Matthöfer klingen. Man lernt ebenso, dass computergenerierte Haltestellenansagen doof sind; und vor allem, dass Sprache, egal wo und in welcher Form sie auftritt, was Schönes, Interessantes und zum Nachdenken Anregendes ist.
Heinz H. Menge liest hier und da aus seinem Buch und schweift auch da gerne mal während einer Abschweifung ab. Das nächste Mal ist er am 14. Dezember, ab 14.30 Uhr in der Buchhandlung Platzer, Paßstraße 32 in Essen-Steele zu sehen. Dabei gibt es auch was zu essen („Gibt Lecker!“), deshalb wird um Voranmeldung unter info@platzer-buch.de oder unter der Nummer 0201-511145 gebeten.

Heinz H. Menge:
„Mein lieber Kokoschinski! Der Ruhrdialekt – aus der farbigsten Sprachlandschaft Deutschlands“
Henselowsky Boschmann, 2013.
127 Seiten, gebunden, 9,90 Euro.