Warning: Constant WP_DEBUG_DISPLAY already defined in /var/www/html/wp-config.php on line 111 Krisengebiet | BSZ https://bszonline.de Deine Bochumer Stadt- & Studierendenzeitung Thu, 08 Sep 2022 08:17:20 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 https://bszonline.de/wp-content/uploads/2022/11/cropped-favicon-32x32.jpg Krisengebiet | BSZ https://bszonline.de 32 32 String Wars https://bszonline.de/2019/11/18/string-wars/ https://bszonline.de/2019/11/18/string-wars/#respond Mon, 18 Nov 2019 15:59:13 +0000 https://bszonline.de/2019/11/18/string-wars/ Glosse. Ich habe überlebt. Drei Stunden. Eine Halle. Fast nichts zu sehen und das, was man sieht: rosa. Und wuselig. Ich habe überlebt.

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Glosse. Ich habe überlebt. Drei Stunden. Eine Halle. Fast nichts zu sehen und das, was man sieht: rosa. Und wuselig. Ich habe überlebt.

Als ich mich freiwillig meldete, um mich in das Krisengebiet zu begeben, war mir noch nicht klar, welches Ausmaß der Zerstörung mich erwarten würde. Ich dachte, es würde eher sowas wie eine Shoppingtour im Kriegsgebiet werden. Also ging ich mit meiner tapferen Kameradin in den Einsatz. Mission Hunkemöller sollte beginnen. Nach einem kurzen Marsch, den ich gut verpackte, zogen wir für vier Euro am Schalter unser Ticket in den Wahnsinn. Rückwirkend kann ich sagen: Ich weiß nicht mehr warum ich mich freiwillig meldete. Jugendlicher Leichtsinn? Der geheime Wunsch, mit dem Leben abzuschließen? Ich weiß es nicht. Vielleicht beides. Die Invaliden, die uns auf dem Weg entgegenkamen, hätten mir eine Warnung sein sollen. Fehlhaltungen, fehlende Gliedmaßen, fast abgestorbene, blutunterlaufene Finger, weil die vielen randvollen Plastiktütchen die Durchblutung abschnüren. Doch was mich im Inneren der Kongresshalle erwarten sollte, war schlimmer als das. Irgendwo knallte es, kein Schuss, eher eine Tür, die sich für mich die kommenden Stunden nicht öffnen würde. Und dann sah ich es: das Schlachtfeld. Es dauerte einen Moment, bis ich mich orientiert hatte. Was ich sah, waren keine Maden, die sich vollfraßen. Es waren Menschen. Menschen, die über Wühltischen hingen und rumgrabbelten, als würde es die kommenden Jahre nie wieder Unterhosen zu kaufen geben. Junge Frauen, die sich um einen Schnürsenkel stritten, keiften, sich an den Haaren zogen. Ich irrte mich, es war kein Schnürsenkel. Es war ein String. Kinder, die zwischen den Trümmern spielten, oder versuchten, ihre Beute-Dessous zu sortieren. Zwischen hunderten leogeprintete roten Plüschkissen lag eine Frau mittleren Alters und weinte – sie hatte gerade ein Paket halterlose Strümpfe in ihrer Größe gefunden, aber die Packung war aufgerissen und leer. Sie hielt sie in den Armen und ihre Schreie wurden langsam leiser, als ich mich weiter durch die Kampfzone bewegte. Heute, eine Woche später, habe ich mich einigermaßen erholt. Jedoch zucke ich immer noch unwillkürlich zusammen, wenn ich irgendwo ein Hunkemöller-Schild sehe.

:Kendra Smielowski

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Die Lesenden in Platons Höhle https://bszonline.de/2017/05/15/die-lesenden-platons-hoehle/ https://bszonline.de/2017/05/15/die-lesenden-platons-hoehle/#respond Mon, 15 May 2017 16:14:20 +0000 https://bszonline.de/2017/05/15/die-lesenden-platons-hoehle/ Kommentar. Fotografie in Krisengebieten. Voyeurismus oder doch nötige Abbildung der Realität? Ich wage mich an eine erkenntnistheoretische Annäherung.

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Kommentar. Fotografie in Krisengebieten. Voyeurismus oder doch nötige Abbildung der Realität? Ich wage mich an eine erkenntnistheoretische Annäherung.

Besucht mensch die World Press Photo 2017 Ausstellung, sieht er vor allem eins sehr häufig: Schmerz, Tod und Leid. Darstellungen von roher Gewalt und Verzweiflung dominieren die Siegermotive. KritikerInnen werfen FotografInnen in Krisengebieten immer wieder vor, ihre Bilder seien distanzlos, voyeuristisch und vulgär, während die FotografInnen beteuern, mit ihren Werken nur die Realität abzubilden und diese sei nun mal geprägt von roher Gewalt und Entmenschlichung. 

Was ist eigentlich Realität?

Eng gekoppelt an diese Diskussion ist die Frage nach Realität. Existiert eine objektive Außenwelt, von der alle Wahrnehmungen herrühren, wie John Locke und andere EmpiristInnen postulieren? Oder lebt jeder in seiner eigenen Welt, 

konstruiert aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistung jedes einzelnen Individuums, wie die KollegInnen aus dem radikalen Konstruktivismus behaupten? 

Gäbe es eine eindeutige, objektive Außenwelt, wäre jedes Foto, obwohl es natürlich kuratiert und nur eine Momentaufnahme mit einem bestimmten Ausschnitt ist, eine Stichprobe aus der Gesamtheit der Realität. Je mehr dieser Bilder der/die BetrachterIn nun sieht, desto besser wird seine Annäherung an die wirkliche ‘echte‘ Realität. Oder anders gedacht: Würde man unendlich viele Fotos aus allen Zeiten und Perspektiven sehen, hätte man die ‘echte‘ Realität gesehen. In diesem Fall müsste natürlich alles dokumentiert werden, um die Realität nicht zu verfälschen. Sowohl abgetrennte Leichenteile auf verlassenen Straßen in zerstörten Geisterstädten als auch ballspielende lachende Kinder in der untergehenden Abendsonne von Aleppo, auf der Krim oder in einem anderen Krisengebiet während einer Feuerpause. 

Aber können wir diesem Anspruch genügen? Wenn wir niemals die Gesamtheit abbilden und so die Realität, sofern es diese überhaupt gibt, immer verfälschen durch die Auswahl der abgedruckten Bilder oder durch den Bildausschnitt. Dabei laufen wir als JournalistInnen Gefahr eine Realität für andere zu konstruieren. Ganz im Sinne des Höhlengleichnisses von Platon, sehen unsere LeserInnen immer nur ein Abbild, einen Schatten der Realität. Womöglich sogar nur einer einzigen Realität von vielen möglichen. Ist es dann noch gerechtfertigt Fotos von entstellten Körpern oder abgetrennten Köpfen zu zeigen? Fotos die so zur Objektifizierung dieser Schicksale beitragen?

Positivbeispiele 

Ich sage „ja!“ Ich sage, scheiß auf die erkenntnistheoretischen Diskussionen. Selbst, wenn durch Fotos eine Wirklichkeit in den Köpfen anderer konstruiert wird, zeigen sie was in Krisengebieten passiert. Mit intensiven Bildern kann in der Öffentlichkeit etwas ausgelöst werden, um politisch etwas zu bewegen – so wie etwa vor 50 Jahren das Bild des napalmversehrten Mädchens Phan Thị Kim Phúc im Vietnamkrieg. Und Krieg ist immer scheiße – für SoldatInnen, für ZivilistInnen, für Familien und für Kinder. Egal in welcher Realität.

 

:Andreas Schneider

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