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Kalendereinträge in verschiedenen Farben, To-Do Listen, ein neuer Laptop und sogar ein gewisses Gefühl von Motivation… Doch manchmal reicht das nicht. Manchmal zerläuft Dir Dein Leben zwischen den Fingern, jeder möchte etwas von Dir und Du kannst nicht mithalten. Textnachrichten auf dem Handy, näher rückende Deadlines, die Erfolgsgeschichten von anderen: ständige Erinnerungen ans eigene Scheitern. Du drückst sie weg, aber sie nisten sich ein, irgendwo in der Magengrube. Manchmal kannst Du die Ordner auf deinem Computer sortieren, aber mit deinen Gedanken will es Dir monatelang nicht gelingen. Manchmal sitzt Du vor einer Arbeit und Dir bricht der Schweiß aus, kein Wort fühlt sich richtig an oder vielleicht hast Du so lange nicht mehr am Schreibtisch gesessen, dass Du vergessen hast, wie viele Arbeiten, wie viele Klausuren Du noch schreiben musst; der Abschluss gefühlt Lichtjahre weit entfernt und bald rutschst Du aus der nächsten Prüfungsordnung…
Zu Semesterbeginn etwas über das Scheitern zu schreiben, erschien uns erst abschreckend. Aber vielleicht müssen wir Probleme im Studium (und nicht zu vergessen im Nebenjob und Privatleben) thematisieren, damit wir aufhören sie zu verstecken und verdrängen, was einer Aufarbeitung und einem erfolgreichen Studienabschluss erst recht im Wege steht. Zu präsent sind oft die Extremvorstellungen von der*m perfekt organisierten Student*in auf der einen und der*m Dauerstudent*in auf der anderen Seite, zu festgefahren die Erwartungen an Studiengänge. Aber egal ob Medizin, Management and Economics oder Medienwissenschaften; in jedem Fach kann man in einen Strudel aus Stress, Selbstzweifeln und Vergleichen untergehen. Niemand von uns wurde als Student*in geboren. Und die Schule ist meist die denkbar schlechteste Vorbereitung: Hausaufgaben haben sich optional angefühlt, der Weg war vergleichsweise vorgezeichnet und klar. Dazu kommt, dass heute mit 2,8 Millionen Menschen so viele Leute in Deutschland studieren wie nie zuvor und laut der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DW) stammen 48 Prozent von uns aus Nicht-Akademikerfamilien. Eine Umfrage der Deutsche Bildung AG ergab 2018, dass 55 Prozent der Studierenden nebenbei arbeiteten, wovon wiederum 48 Prozent angaben, lieber weniger bis gar nicht arbeiten zu wollen. Und laut der Barmer Krankenkasse ist jeder sechste Studierende psychisch erkrankt, wobei der studienbezogene Leistungsdruck oft als Auslöser oder Verstärker gesehen wird: Verschiedenste Umstände können die Bewältigung des Studiums erschweren. Eigene Probleme im Studium selbst zu reflektieren und auch im Freundes- und Bekanntenkreis öfter zu kommunizieren, soweit es sich gut anfühlt, kann dazu beitragen, eine toxische durch Angst und Scham genährte Atmosphäre abzubauen. Darüber hinaus bieten viele Hochschulen vielfältige psychologische Beratungsangebote an, die ergebnisoffen sind (auch ein Studienabbruch kann eine richtige Entscheidung sein). An der RUB kann über die Zentrale Studienberatung (ZSB) regelmäßige Einzel- und Gruppenberatung durch ausgebildete Psycholog*innen bezogen, an Workshops teilgenommen, sowie Selbsthilfegruppen beigetreten werden. Gruppentermine drehen sich meist um konkrete Themen und Problematiken wie Prüfungsangst, Aufschieben, Life-Study Balance, Studienzweifel, Selbstvertrauen oder Depressionen und Ängste. Dass laut Studierendenwerk NRW zwei Drittel der Studierenden Beratungsbedarf habe, mag ebenfalls erschreckend wirken, attestiert vielleicht aber auch eine zunehmende Sensibilisierung und Bereitschaft offen zu sagen: „Ich brauche jetzt mal Hilfe“.
:Marlen Farina
Mit Methode. Leere im Kopf und auf dem Papier? Auch unseren Redakterur*innen fällt es manchmal schwer, wöchentlich etwas auf‘s Blatt zu bringen – Doch mit erprobten Tricks,kann die Blockade gelöst werden.
Eines der wichtigsten Hilfsmittel, um den Stress im Studium zu verringern, ist ein strukturierter Zeitplan. So schaffst Du es, deinen Tag selbstbestimmt zu gestalten und in Schwung zu kommen. Du studierst nicht einfach so vor Dich hin und hetzt von einer Deadline zur anderen oder verpasst sogar wichtige Termine. Trage Dir zum Beispiel wichtiges in einen Kalender ein oder erstelle eine Exceltabelle mit einem Wochenplan, bei dem du dir feste Lernzeiten für deine Veranstaltungen einträgst. Auch eine einfache Checkliste kann Dir schon dabei helfen, die Kontrolle über deinen Studienverlauf zu behalten. Durch Struktur im Studienalltag verlierst Du nicht die Übersicht und kannst im Vorraus planen, was Du wann zu tun hast. Außerdem baust Du Dir so Gewohnheiten auf, die Dir dabei helfen, Dich zu fokussieren, mit dem Lernen anzufangen, weiterzumachen und verschiebst keine Dinge auf den Folgetag. Durch eine gute Planung hast Du auch eine Übersicht über die Dinge, die gerade mehr deine Aufmerksamkeit verlangen. Zusätzlich kannst Du Dir bei deiner Planung deine Arbeitszeit in Blöcke aufteilen. Anstatt stundenlang durchzupauken ist es auch wichtig, deinem Hirn zwischendurch mal Zeit zum Erholen zu gönnen, sodass Du Dich im Anschluss wieder mit neuer Konzentration auf ein neues Thema fokussieren kannst. Also plane Dir auch feste Pausenzeiten ein, sodass Du im Lernstress trotzdem noch Luft holen kannst.
Gut strukturierter Lernstoff lässt sich leichter behalten, als Dinge, die chaotisch mal von hier, mal von dort gelesen werden. Deshalb ist es wichtig, dass Du deine Lernmaterialen ordnest. Orientieren kannst Du Dich dabei beispielsweise an Einteilungen in deinen Vorlesungen oder Kapitelüberschriften in deinen Büchern. Wenn stumpfes Auswendiglernen nichts für Dich ist, kannst Du den Lernprozess auch spielerischer gestalten. Du kannst zum Beispiel aus deinen Unterlagen Lückentexte erstellen und Begriffe auslassen, die wichtig sind und Du Dir noch einprägen musst. Außerdem kannst Du ABC-Listen erstellen, bei denen Du unter einem Thema zu jedem Buchstaben des Alphabets ein Wort suchst. Erstelle eigene Zusammenfassungen zu deinen Lernmaterialien. Dabei prägt sich der Stoff alleine schon beim lesen und schreiben ein, zusätzlich strukturierst Du so deinen Stoff und musst entscheiden, welche Dinge wichtig sind und welche weggelassen werden können. Mache Markierungen in deinen Lerntexten, für wichtige Definitionen oder Fachbegriffe und Erläuterungen, aber auch Stellen, die Dir noch unklar oder unverständlich sind. Lese den Text jedoch mindestens einmal bevor Du dich ans Markieren machst: oftmals werden die wichtigen Passagen erst im Wissen und Kontext des Gesamttextes klar. Natürlich kannst Du es beim Lernen aber auch bei den altbekannten, aber effektiven, Karteikarten belassen.
:Philipp Kubu
]]>Die Armenischen Platanen, Walnussbäume, Trauerweiden, Fliedern und Aprikosenbäume wurden eigens aus dem Kaukasusland herbeitransportiert und sollen im Laufe des Jahres an Kulturstätten, Schulen und Friedhöfen, an denen Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter gedacht wird, in Bochum und bundesweit gepflanzt werden. Am 18. April wurden bereits 50 Bäume auf der Bochumer Schmechtingwiese unweit des Bergbaumuseums gepflanzt; acht weitere stehen im Tierpark. Damit werde Bochum zu einem internationalen Freundschaftsgarten. In der armenischen Hauptstadt Jerewan wurde auf Ordukhanyans Initiative hin bereits ein Pendant errichtet.
]]>„Wir haben bewusst 155 Bäume genommen und nicht einhundert“, erklärt Azat Ordukhanyan, Vorsitzender des Armenisch-akademischen Vereins 1860 e. V. (AAV) aus Bochum, „denn damit zeigen wir: Unsere Freundschaft ist älter und wichtiger als ihre Unterbrechung vor hundert Jahren.“
Die Armenischen Platanen, Walnussbäume, Trauerweiden, Fliedern und Aprikosenbäume wurden eigens aus dem Kaukasusland herbeitransportiert und sollen im Laufe des Jahres an Kulturstätten, Schulen und Friedhöfen, an denen Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter gedacht wird, in Bochum und bundesweit gepflanzt werden. Am 18. April wurden bereits 50 Bäume auf der Bochumer Schmechtingwiese unweit des Bergbaumuseums gepflanzt; acht weitere stehen im Tierpark. Damit werde Bochum zu einem internationalen Freundschaftsgarten. In der armenischen Hauptstadt Jerewan wurde auf Ordukhanyans Initiative hin bereits ein Pendant errichtet.
Geradezu poetisch fasst der Wahlbochumer den Gedanken hinter dem Ganzen zusammen: „Mit diesem Projekt erschaffen wir ein grünes, ein wachsendes Fundament für unsere Zukunft.“
Und die übrigen Bäume? „Als weitere Orte habe ich noch Stätten wie die Kirche St. Pantaleon in Köln auf der Liste. Dort liegt die armenische Prinzessin Theophanu begraben, die durch Heirat mit Kaiser Otto II. zur Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches wurde“, erklärt Ordukhanyan. Aus ihrer Heimat habe sie das Ideal der Einheit mitgebracht. In Armenien kämpften ChristInnen nicht gegen ChristInnen – anders als im zerstrittenen Europa des 10. Jahrhunderts. Weil nach Ottos II. Tod der Thronfolger, Otto III., noch ein Kind war, übernahm sie die Regentschaft und versuchte ihr Ideal eines geeinten Europas durchzusetzen. „Damit ist sie, die aus Armenien kam, die erste Europäerin – und eine Symbolfigur für unser Projekt“, sagt der AAV-Vorsitzende.
Die Schmechtingwiese mit den 50 armenischen Bäumen soll nach dem Willen der OrganisatorInnen dann auch bald einen neuen Namen tragen: Theophanu-Garten. „Das müssen wir aber erst noch bei der Stadt beantragen“, verrät Heide Rieck von den Bochumer Literaten, die sich ebenfalls im Baumprojekt engagiert.
Unter dem Titel „Armenischer Frühling“ finden seit diesem Monat kulturelle und politische Veranstaltungen zu diesem weitgehend unbekannten Land statt. Der Frühling im Namen bezieht sich aber nicht nur auf die Jahreszeit, sondern symbolisiert „einen Neubeginn der internationalen, besonders deutsch-armenischen Freundschaft“, so Rieck.
Politik/Geschichte, Berlin
Während der AAV in Bochum die Hand mit dem grünen Daumen zum zukunftsorientierten Freundschaftsangebot ausstreckt, beschäftigen sich PolitikerInnen und HistorikerInnen in Berlin und auf internationalen Parketten mit der Frage nach Schuld und Verantwortung. Während des 1. Weltkriegs, 1915 und 1916, wurden im Osmanischen Reich zwischen 300.000 und 1,5 Mio. Menschen armenischer Abstammung auf Anweisung der Regierung vertrieben und ermordet. Hinzu kommen Hunderttausende assyrische, aramäische und pontos-griechische Opfer. Es ist damit der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. Das Osmanische Reich und die heutige Türkei (als dessen Rechtsnachfolgerin) leugnen den Genozid bis heute. Wer heute in der Türkei über den Genozid spricht, kann sich strafbar machen.
In Armenien wird am 24. April der Genozid-Gedenktag begangen. Das Datum bezieht sich auf die Deportierung armenischer Intellektueller aus Konstantinopel (heute Istanbul), die stellvertretend für das gesamte Verbrechen steht und sich 2015 zum hundertsten Mal jährte. Staatsoberhäupter aus der ganzen Welt waren nach Jerewan eingeladen, um den Trauerfeierlichkeiten beizuwohnen. Bundespräsident Joachim Gauck blieb in Deutschland. Immerhin hielt er beim „Ökumenischen Gottesdienst im Berliner Dom anlässlich der Erinnerung an den Völkermord an Armeniern, Aramäern und Pontos-Griechen“ eine Rede, in welcher er selbst das Wort „Völkermord“ in den Mund nahm. Die Debatten im Bundestag mieden den Begriff im Zusammenhang mit dem Osmanischen Reich. ExpertInnen sagen, das liege daran, dass man es sich nicht mit der türkischen Regierung verscherzen wolle. Die Türkei ist für die BRD ein wichtigerer Handelspartner als ihr kleineres und ärmeres Nachbarland.
Auch wurde im Vorfeld viel über eine Mitschuld Deutschlands diskutiert: Das Deutsche und das Osmanische Reich waren im 1. Weltkrieg Verbündete. HistorikerInnen wie Hans-Lukas-Kieser sprechen von „qualifizierter Mitverantwortung“, der Journalist Jürgen Gottschlich sogar von „Beihilfe zum Völkermord.“
In seiner Rede sprach Gauck diesen Diskurs an, warnte aber: „Achten wir aber darauf, dass sich diese Debatte nicht auf Differenzen über einen Begriff reduziert. Es geht vor allem darum – und sei es nach 100 Jahren – die planvolle Vernichtung eines Volkes in ihrer ganzen schrecklichen Wirklichkeit zu erkennen, zu beklagen und zu betrauern.“
Während sich das gesamte Leben unserer Eltern und noch mehr das unserer Großeltern häufig – von der Grundschule bis zur Rente – in ein und derselben Stadt oder zumindest der gleichen Region abspielte, gehören Umzüge in einen ganz anderen Teil des Landes und Auslandsaufenthalte heute zum Leben vieler Menschen. Ob Studienplatz oder Jobangebot – fast jedeR kennt einen Menschen in seinem/ihrem Umfeld, der einen kompletten Neuanfang woanders auf der Welt gewagt hat. Lernen damit umzugehen müssen dann allerdings nicht nur Familien und Paare, auch Freundschaften brauchen neue Strategien, um an der Distanz nicht zu zerbrechen.
„Wenn Freundschaften zu Fernfreundschaften werden, erkennt man eigentlich erst, wer die echten Freunde sind“, erzählt Lili, die wegen zahlreicher Hin- und Herzieherei sowie einem Jahr im Ausland mittlerweile ein echter Profi auf diesem Gebiet ist. „Dann trennt sich die Spreu vom Weizen.“ Denn bei Freundschaften über weite Strecken muss jedeR dazu bereit sein, wirklich etwas zu investieren, während im normalen Alltag Freundschaft oft auch einfach über regelmäßige Treffen ohne großen Aufwand funktioniert. Ein gemeinsamer Kaffee nach der Vorlesung lässt sich einfacher unterbringen als einen Termin zu finden, zu dem beide wirklich ungestört telefonieren oder skypen können. Und natürlich müssen alle auch erst einmal einen (Kommunikations-)Weg finden, mit der neuen Situation umzugehen. Während viele Gespräche zwischen „normalen“ FreundInnen oft auf Alltagsgeschichten und Banalem beruhen, wirken Erzählungen, etwa über eine unfreundliche Kassiererin, einen langen Bürotag oder ein gutes Essen, plötzlich unbefriedigend. Denn durch die neue Seltenheit und damit einhergehend auch wachsende Bedeutung einer Unterhaltung baut sich ein gewisser Druck auf, eben auch Gesprächsthemen mit größerer Bedeutung zu finden.
Und genau dieser neue Anspruch ist es, der Fernfreundschaften so schwer werden lässt. Wenn man sich nicht mehr bei dem/der FreundIn meldet, um zu erzählen, dass man sich über einen doofen Brief vom Bafög-Amt ärgert oder dass man die Einkaufstüten in der Bahn vergessen hat, sondern darauf wartet, etwas wirklich Tiefsinniges oder Spannendes berichten zu können, dann gehen schnell Wochen und Monate ins Land, bis man sich überhaupt wieder spricht. „Obwohl es ja grade auch diese Leichtigkeit und Normalität ist, die zu einer Freundschaft gehört“, erzählt Lili, und rät: „nicht aufhören, den anderen am normalen Leben teilhaben zu lassen. Auch mal eine SMS schicken, nur um zu erzählen, dass man verpennt hat oder auf einer Party schlechte Musik läuft“.
Doch auch Gefühle, die bis dato in einer Freundschaft überhaupt keine Rolle spielten, können plötzlich zu Konflikten führen. Eifersucht etwa. Denn natürlich muss jedeR von beiden auch wieder Leute finden, mit denen er oder sie eben einen Kaffee nach der Vorlesung trinkt, zusammen feiern geht oder einfach auf der Couch Serien schaut. Und der-/diejenige, der/die nun nicht mehr an diesen alltäglichen Treffen teilhaben kann, weil er zu weit entfernt ist, muss das akzeptieren und darf sich nicht ausgetauscht fühlen, sondern sollte seinerseits/ihrerseits ebenfalls neue Alltagskontakte knüpfen.
Auch kann es helfen, gemeinsame Treffen etwa an Orten stattfinden zu lassen, die nicht zum Alltag mit den neuen FreundInnen gehören. Sich zum Beispiel in einer anderen Stadt treffen, die für beide nicht alltäglich ist, oder einfach mal in eine Kneipe gehen, wo man nicht ständig auch mit seinen Uni-Kumpels abhängt. Einige Freundschaften werden dennoch scheitern. Denn ein echtes Rezept, um das zu verhindern, gibt es leider nicht. Ein realistischer Ausblick aber, dass nicht alles so bleiben wird wie es war und die Erkenntnis, dass Fernfreundschaften, auch wenn es noch so banal scheint, auf ständigen Austausch angewiesen sind, kann echte Freundschaft auch über noch so viele Kilometer hinweg am Leben halten!
]]>Wir begegnen dem 32-jährigen Protagonisten Kaan zum ersten Mal auf dem Tennisplatz. Das Match beginnt, Kaan hat den ersten Aufschlag und vergeigt es gewaltig. Der Ball landet zweimal hintereinander im Aus: Doppelfehler! Und schlimmer noch: doppelter Doppelfehler. Denn das Tennismatch findet nur in Kaans Kopf statt, während er real als Aufnahmeleiter für eine TV-Serie am Set sitzt und durch seine Tagträumerei den Dreh ebenfalls vergeigt. Tags darauf ist er arbeitslos, seine Freundin Sonja hat ihn schon vor Wochen verlassen und er lässt sich gehen. Unverhofft poltert sein verschollener bester Freund Torben bald darauf an die Wohnungstür und ist plötzlich und ohne weitere Erklärung wieder da. Die beiden haben sich jahrelang nicht mehr gesehen und knüpfen eine Woche lang direkt da wieder an, wo sie aufgehört haben: Sie betrinken sich, werfen sich geistreiche Zitate an den Kopf und betreiben eine Zwei-Mann-Textwerkstatt, deren Erzeugnisse sie als Höhepunkt der Nächte in der Nachbarschaft verteilen: Gedichte in private Briefkästen, ein paar Romanfetzen für die Windschutzscheiben parkender Fahrzeuge, Dada-Schnipsel für das Gericht und den Kindergarten – niemand soll zu kurz kommen, niemand wird verschont. Die Freunde scheinen wieder glücklich vereint.
Kaan blüht wieder auf und entkommt in der Wiedervereinigung mit seinem Freund für kurze Zeit der Schwere seiner inneren Zerrissenheit. Torben fängt an, die Videosammlung seines Freundes neu zu ordnen und die Möbel in dessen Wohnzimmer neu zusammenzubauen. Doch dann stellt sich heraus: Torben hat Leukämie und ist zum Sterben zurückgekehrt. Er hat niemanden mehr außer Kaan. Sein Vater ist ein Arschloch und seine Mutter tot; Torben hat seine Freundin Lina vor Jahren verlassen, um eine Odyssee durch Europa zu starten. Sein Ziel: Das alte Leben hinter sich zu lassen und sich neu zu erfinden. Nun ist er zurück und beschwört seinen Freund, dessen inneren Dämonen nicht zu gestatten, sein Leben und seine Beziehung zu Sonja zu zerstören. Gleichzeitig hat er einen schweren letzten Zwischenstopp vor sich: Zufällig trifft er Lina vor dem Beate-Uhse-Shop, in dem er zwischenzeitlich arbeitet, um wieder in die deutsche Krankenversicherung zu kommen. Auch mit Lina vollzieht er ein Abschiedsritual wie vorher mit Kaan. Eine Woche bleibt er, dann trennt er sich für immer von ihr, um ihr das Ende zu ersparen: Endstation Krankenhaus. Nur Kaan darf ihn auf dieser letzten Station seiner Reise begleiten.
Im Krankenhaus ruft Torben eine Patientengruppe ins Leben, die sich lieber im blühenden Garten des Krankenhauses gegen den Tod auflehnt, statt die üblichen Therapien bettlägrig über sich ergehen zu lassen. Zusammen versuchen die Freunde, dem Tod zu trotzen. Am Ende des langen und schmerzvollen Kampfes siegt wie immer die Biologie über den Geist. Doch für Kaan ist dies erst der Beginn seiner Reise (zu sich selbst).
Rückblenden führen im Verlauf der Handlung immer wieder zurück in eine Jugend, in der Gewalt und Ausgrenzung an der Tagesordnung sind. Der „türkische“ Junge, der eigentlich ein deutscher ist, aber selbst nicht bestimmen kann, wer er sein will oder sein soll, weil „alle in einem sehen, was sie wollen“, schließt Freundschaft mit dem deutschen Jungen, der nicht weiß, wo er hin soll, weil sein Vater ihn für Abschaum hält und schlägt. Torben beschützt Kaan physisch, wo er kann, und umgekehrt beschützt Kaan durch seine Phantasiewelten Torben vor der Leere, die durch Ablehnung entsteht. Vor den Tätern können sie trotzdem nicht entkommen. Nazis verfolgen Kaan bis ins Studentenalter und schlagen ihn brutal zusammen, weil er „Kanake“ ist. Schonungslos wird die Spirale der Gewalt beschrieben: Irgendwann schlägt das Opfer zurück und verletzt selbst einen anderen, der ihn als „Kanaken“ bezeichnet.
Seyhan erzählt die Geschichte einfühlsam und lakonisch zugleich. Der Autor verharrt nicht in Klischees. Eine Stärke des Textes ist die eigenwillige, manchmal ungewohnt kantige Zeichnung der Figuren. Der Protagonist ist nie „nur“ Türke in Deutschland, von der Geliebten Verlassener, um seinen Vater und den besten Freund Trauernder. Seyhan verbindet in seinem Debütroman Themen des Zusammenlebens in einer multikulturellen Gesellschaft mit Fragen nach dem Ort des Individuums in einer (gewalttätigen) Leistungsgesellschaft und der Hilflosigkeit angesichts des Todes. Die Figuren werden dabei nicht zu Projektionsflächen, die von der Heftigkeit und Breite der Themen erdrückt werden. Sie bleiben „echt“ und laden zum Mitleiden, aber auch zum Mitschmunzeln ein. Denn wie hart das Leben ihnen auch zusetzt – sie bewahren sich stets ihren eigenen Humor. Bis zum Schluss und darüber hinaus.
Levend Seyhan: „Torben stirbt im Wohnzimmer“
186 Seiten, Größenwahn Verlag
2013, 21,90 Euro