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Die wahre Geschichte rund um den Gucci-Erben Maurizio und seine Frau Patrizia Reggiani schrie förmlich nach einer Verfilmung, denn die Familientragödie liest sich selbst schon wie ein klassischer Hollywood-Film. Mit Ridley Scott hat sich nun einer der alten Meister an den Stoff gewagt und sich mit der Adaption des 2001 erschienenen Sachbuches „GUCCI: Mode, Mord und Business“ von Sara Gay Forden eindringlicher mit der Oberflächlichkeit der Modewelt befasst als so manch jemandem lieb war. Dass die echten Gucci-Erben sich nun in einem offenen Brief lauthals über ihre verletzte Ehre beschwerten, zeigt, dass der Film wohl einen wunden Punkt getroffen hat.
Ridley Scott erzählt auf ausschweifende und dennoch kurzweilige Weise die Geschichte des luxuriösen Modehauses zwischen den Siebziger- und Neunzigerjahren. Adam Driver und Lady Gaga spielen herausragend das Ehepaar, das sich darum bemühte, das geschäftliche Erbe von Großvater Guccio Gucci zu kontrollieren. Doch auch andere Familienmitglieder hatten jahrzehntelang ihre Finger im Spiel, weshalb sich ein innerfamiliärer Machtkampf ausbreitete, der an Filme von Scorsese oder Coppola denken lässt. Mythen ranken sich um die Gründung des Modeimperiums, die von einer Tradition erzählen, die bis ins Mittelalter reichen soll, doch es wird aufgeklärt, dass die Marke in diesem Jahr erst ihren 100. Geburtstag feiern durfte. Die anmutige Erscheinung der Guccis soll mit einem Adel verwechselt werden, der nie existierte, sondern lediglich auf dem Geschick und Talent von Guccio Gucci beruht. Während das Aufkeimen der jungen Liebe, mit der die Einheirat der bürgerlichen Reggiani in das Geschäft verbunden war, sowie auch ihr Zusammenbruch gezeigt werden, wird deutlich, wie obskur es ist, dass die Erben dieser Dynastie mit so wenig Talent über so viel Geld und Macht verfügen dürfen. Das romantische Bild des gemeinschaftlich geführten italienischen Familienunternehmens ist angesichts des auch in der Toskana längst eingefallenen globalen Kapitalismus vollkommen aus der Zeit gefallen. Die geschäftliche und kreative Unfähigkeit der Familienmitglieder, die sich mit einer Schar von Berater:innen umgeben muss, wird teils hämisch zur Schau gestellt.
Dennoch zeigt der Film etwas Mitleid mit den unbeholfenen Guccis, die allesamt nach und nach aus ihrem eigenen Unternehmen geschleust werden, um durch Geschäftsmänner ersetzt zu werden, die zwar nichts von ihrem Stil haben, aber ihr Handwerk verstehen. Wenn Maurizio mit seinen ausländischen Partnern am Tisch sitzt, die das zarte Fleisch der toskanischen Rinder genießen, zerbricht seine sonst so stabile Fassade und sein offener Hass gegenüber den Vertretern des neuen Reichtums zeigt sich. Scott gelingt es die edle Oberfläche von Gucci in entsprechend extravaganten Bildern zu zeigen und ihre Schönheit zu würdigen. Eine Huldigung bleibt jedoch aus, wenn der Blick hinter die Kulissen durch die kalten Kalkulationen des Profits den Glanz der Luxusmarke beschmutzen. Es herrscht Uneinigkeit darüber, was Gucci verkörpern soll: Luxus oder Gewöhnlichkeit? High Society oder Bürgertum? Innovation oder Profit? Man sollte sich nicht von den aufgesetzten Akzenten abschrecken lassen, die Super Mario-Assoziationen verursachen und sich im Zweifel lieber mit der synchronisierten Version begnügen. Denn hier ist ein tiefgründiger Film über die Welt der Oberflächlichkeit geglückt.
:Henry Klur
Eine Ehe geht auseinander. Zunächst entschließt sich das Paar ganz fair zueinander zu sein, im Interesse ihres gemeinsamen Sohnes, doch kurz darauf befinden sie sich in einer juristischen Schlammschlacht. In der Kurzzusammenfassung wirkt der Film nicht wie viel Neues, doch er fesselt, berührt und wirkt in seiner Ausführung permanent auf den Punkt gebracht. Mit seinen zwei Stunden und 16 Minuten Laufzeit ist es kein kurzer Film, doch fühlt sich dabei keineswegs langatmig an. Dies liegt vor allem am großartigen Drehbuch. Alle gezeigten kleinen Momente, wirken sie auch noch so banal, laufen zusammen und entrollen sich im späteren Schlagabtausch der Anwält*innen. Selbst zutrauliche Szenen, die fast schon schön und wie leichte Wieder-Annährungsmomente des Ex-Paares wirken, werden später im Gerichtssaal ins Negative gedreht. Ganz nach dem Motto: „First show, then tell“. Dennoch ist Marriage Story kein Film über eine große Gerichtsverhandlung. Marriage Story verdeutlicht wie zwei Menschen, die sich eigentlich gegenseitig noch eine Menge bedeuten, in einem Spiel von Scheidungsanwält*innen immer mehr den gegenseitigen Respekt voreinander verlieren.
Dabei zeigt der Film ganz deutlich wie heutige Scheidungsprozesse in Amerika funktionieren, vermutlich auch dadurch, dass Drehbuchautor und Regisseur Noah Baumbach selbst eine Celebrity-Scheidung durchmachen musste, genauso wie wohl viele mit ihm befreundete (Ex-)Paare, sodass er das ein oder andere autobiographische Detail einbauen konnte. Die Anwält*innen sind dabei großartig besetzt: Laura Dern als professionelle L.A.-Scheidungsanwältin die sich freundschaftlich und siegeshungrig gibt, Alan Alda als „erste Person die etwas Menschlichkeit zeigt“ oder Ray Liotta als kühler, berechnender Alphatier-Anwalt, der einfach nur mit einem weiteren gut ausgegangenen Prozess prahlen möchte. Sie alle glänzen schauspielerisch, genauso wie die beiden Hauptdarsteller*innen. Die beiden Protagonist*innen sind der Theater-Regisseur Charlie Barber (gespielt von Adam Driver) und seine persönliche Lieblingsschauspielerin und Ehefrau Nicole (Scarlett Johansson). Die beiden haben außerdem einen gemeinsamen Sohn, Henry (Azhy Robertson). Da die beiden sowohl in ihrem beruflichen als auch privaten Leben gut zusammen funktioniert haben, möchten beide eine unproblematische Trennung. Denn nur die romantische Liebe sei nicht mehr da. Alles ohne Anwälte und in Interesse des gemeinsamen Sohnes. Das funktioniert allerdings nicht so ganz und in manchen Szenen fühlt man sich als Zuschauer*in wirklich wie ein Scheidungskind, das zwischen diesen Eltern sitzt und sich still denkt: „Bitte hört auf“. Dies wird auch durch die in den Konfrontationen gewählte Kameraperspektive erreicht, die das Paar wie aus der Perspektive eines auf dem Boden sitzenden Kindes zeigt.
Der Film drückt dabei nicht permanent auf die Tränendrüse, sondern leuchtet die Trennung von beiden Seiten aus und schafft es immer wieder etwas Leichtigkeit und Witz in die Geschichte zu bringen, mit dem Fazit: „Am Ende muss man sich arrangieren.“ Der Soundtrack von Randy Newman rundet das Ganze zu einem bewegenden zwischenmenschlichen Kunstwerk ab und wird sogar noch um zwei wundervoll textlich passende Gesangseinlagen (aus dem Stephen Sondheim Musical „Company“) von Driver und Johansson ergänzt. Vielleicht wäre es nicht schlecht, diesen Film im Zuge von Eheberatung als Anspieltipp zu empfehlen. Vom 21. November an lief der Film in ausgewählten deutschen Kinos, bevor er beginnend am 6. Dezember für Netflix-Kund*innen bereitstand.
:Christian Feras Kaddoura
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