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2023: Yorgos Lanthimos bringt mit Poor Things eine Neuinterpretation des Romans „Frankenstein“ von Mary Shelley in die Kinos. Der Film zeichnet sich vor allem durch seine Steampunk-Ästhetik aus und spielt in einer surrealen Fantasiewelt. Im Mittelpunkt steht die Figur Bella Baxter. Ihre Leiche wird von Dr. Godwin Baxter wiederbelebt und muss nun neu lernen, sich im Körper einer erwachsenen Frau in der Welt zurechtzufinden. Emma Stone in der Hauptrolle wurde für ihre Performance sogar mit dem Oscar für die beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet.
Die öffentliche Meinung zum Film geht weit auseinander. Manche sehen ihn als künstlerisches Meisterwerk, andere an erster Stelle als feministisches Werk. Das liegt überwiegend daran, dass Bella ohne das Wissen über gesellschaftliche Konventionen wie Scham aufwächst, geschweige denn Konzepte wie das Patriarchat kennt. Dadurch erlebt sie die Welt unbeschwert und kann sich ihr zu Beginn mit kindlicher Naivität nähern. Gegenstimmen sehen die Inszenierung Bellas kritischer. Für viele verkörpert die Figur vor allem weibliche Lust im Blickwinkel männlicher Fantasien. Ihre sexuellen Erfahrungen, unter anderem in einem Bordell, werden als reiner Selbstbestimmungsakt dargestellt, anstatt die tatsächliche emotionale Lage von Frauen in Betracht zu ziehen.
2025 dann die nächste Adaption des Klassikers: „Frankenstein“ von Guillermo del Toro erscheint in den Kinos. Der Film wird bei den Oscar-Verleihungen sogar drei Mal ausgezeichnet. In dieser Inszenierung geht es mehr um das Wissenschaftler-Monster-Verhältnis. Oder mehr noch: die Beziehung von Schöpfer und Schöpfung. Besonders Themen wie Verantwortung, Angst und Schuld beschäftigen hier die Hauptcharakter:innen.
Und nun vor Kurzem erschienen: der Film „The Bride!“ von Maggie Gyllenhaal - eine weitere Neuinterpretation des Romans, welche sowohl Horror-, Krimi- und Romanzen- als auch Thriller-Elemente vereint. Im Mittelpunkt der Inszenierung steht hier die wiederbelebte Frau namens Ida, gespielt von Jessie Buckley, und ihr Liebesverhältnis mit ihrem Schöpfer. Ähnlich wie Poor Things ist auch dieser Film in den Themen und Charakteraufstellungen stark feministisch gefärbt. Ida bricht ebenfalls aus den patriarchalen Strukturen der 1930er-Jahre aus und kämpft für Autonomie und Selbstbestimmung.
Auch das Schauspielhaus Bochum hat Gefallen an dem über 200 Jahre alten Klassiker gefunden und ihm ein neues künstlerisches Gewand verliehen. Im seit diesem Jahr aufgeführten Stück ist die Herangehensweise dabei eine etwas andere als in den zuvor genannten Filmen.
In der Inszenierung von Tom Schneider begleitet das Publikum nämlich Mary Shelley selbst. Dabei fließen viele autobiografische Fakten der Autorin und tatsächliche historische Ereignisse der Zeit in die Handlung ein.
Die Autorin bekam die ersten Ideen für ihre Geschichte im Jahr 1816. Das Jahr war im wahrsten Sinne des Wortes ein sehr düsteres für die Menschen jener Zeit. Im April 1815 kam es nämlich zum Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien. Der Austritt von Asche und Schwefelgas verdunkelte den gesamten Erdball, wodurch das Jahr auch ,,Jahr ohne Sommer“ genannt wurde. In genau diesem Sommer verbrachte (die damals noch unverheiratete) 18-jährige Mary Godwin mit ihrem Geliebten Percy Shelley und dem Poeten Lord Byron ihre Zeit am Genfer See. Dort kam es eines schicksalhaften Abends dazu, dass Lord Byron und Mary Shelley sich gegenseitig zu einem Schreibwettbewerb herausforderten. Die Aufgabe, inspiriert von der allgemeinen düsteren Atmosphäre: Wer kann die bessere Geistergeschichte verfassen? Die wesentliche Inspiration für die Handlung von Frankenstein bekam die Autorin von neuen Praktiken der Wissenschaft ihrer Zeit. Es gab öffentliche Vorführungen von Tieren und Menschen, die mit hoher Elektrizität berührt wurden, was zu Zuckungen und teilweise lebensecht aussehenden Muskelbewegungen führte. Die Unsterblichkeit von Menschen schien auf einmal nicht mehr undenkbar. Die Idee von Frankenstein und seiner Kreatur war geboren. Der Wissenschaftler Victor Frankenstein erweckt seine zusammengebaute Kreatur durch Elektrizität zum Leben.
Das Schauspielhaus schreibt über Mary Shelley selbst: „Hier […] erobert sich eine junge weibliche Stimme künstlerischen Raum.“ Und genau das finde ich am Stück, das zwangsläufig durch den Fokus auf die Autorin als machtvolle Frau ihrer Zeit feministisch diskutiert werden kann, sehr erfrischend und wertvoll. Mary Shelley selbst wird im Rampenlicht für ihr Werk zelebriert. Nicht das Monster ist das primäre Zentrum der Handlung, sondern die Frau, die hinter der Idee steht. Sie selbst veröffentlichte die ersten Auflagen des Buches noch anonym, da sich Werke von Frauen zu dieser Zeit schlechter verkauften und mit Stereotypen versehen waren. Eine Frau, die über wissenschaftlich inspirierte Fantasmen schrieb, hätten damals wahrscheinlich nur wenige ernst genommen. Doch heute, 200 Jahre später, begeistert ihre Geschichte immer noch Menschen auf der ganzen Welt.
,,Monster“ waren als Figuren schon immer beliebt. Seien es Vampire, Werwölfe oder auch einzelne Figuren wie Graf Dracula. Das Monster von Frankenstein unterscheidet sich jedoch in einem wesentlichen Punkt von den anderen. Es wurde bewusst von einem Menschen erschaffen, indem ein toter menschlicher Körper zum Leben erweckt wird. Der Mensch wird gottgleich und überwindet die Grenzen der Sterblichkeit allein durch seinen Verstand mithilfe der Wissenschaft. Der Mensch wird unsterblich, eine Vorstellung, die Menschen zu Zeiten Mary Shelleys, wie auch heute fasziniert.
In Zeiten von KI gibt es Personen wie Elon Musk, der davon träumt, das menschliche Gehirn auf einen Chip zu überspielen, sodass das Bewusstsein auch nach dem Sterben des Körpers überlebt. Ein Mann, der sich gleich dem Wissenschaftler Frankenstein mit den aktuellen Umständen und Möglichkeiten der Zeit über die Grenzen der menschlichen Sterblichkeit hinaussetzt. Doch auch Themen wie Selbstbestimmung, mit denen sich die Kreatur auseinandersetzt, beschäftigen aktuelle Gesellschaften. Sei es in anhaltenden Diskussionen über die Wehrpflicht in Deutschland oder in aktuellen Debatten über die Rechte von trans Personen in den USA, dem Land, in dem die meisten genannten Filme produziert wurden.
Mittlerweile haben bereits über die Hälfte der Bundesstaaten geschlechtsangleichende Behandlungen für trans Jugendliche verboten, ein Akt der Verletzung der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, der vom Supreme Court selbst als rechtens erklärt wurde. Oder auch Frauenrechtsdebatten wie die um Abtreibungsrechte in den USA, die bei den Wahlen 2024 eine wesentliche Rolle gespielt haben. Sie sind ebenfalls im Kern Debatten darüber, wie weit eigene Selbstbestimmung reicht bzw. reichen „darf“ und wer genau das bestimmt. Diese Frage kann für manche bis ans Existenzminimum und die eigene Menschenwürde gehen.
Ein momentan wieder viel besprochenes Beispiel dafür ist die Lage von Frauen in Afghanistan. Dort dürfen Frauen außerhalb ihres Hauses nicht einmal laut sprechen. Diese Frauen haben nicht das Privileg, aus Konventionen ausbrechen zu können, so wie es Figuren wie Ida oder Bella in ihren erdachten Welten können. Die Charaktere scheinen nun plötzlich nicht mehr so skurril und überzogen, sondern fungieren als Projektionsfläche für Sehnsüchte nach Freiheit und Autonomie in einer Welt, in der der absolute Gegenentwurf tagtäglich gelebt wird.
Diese Umstände nun in einem Werk zu verarbeiten, das von einer Frau vor 200 Jahren geschrieben wurde, die ebenfalls mit den sexistischen Umständen ihrer Zeit zu kämpfen hatte, erscheint fast wie eine universelle weibliche Verbundenheit, die aus den geteilten Erfahrungen erwächst. Der neuzeitliche Begriff ,,Sisterhood“ über zeitgeschichtliche und örtliche Grenzen hinaus bringt dieses Gefühl auf den Punkt. Shelley verfasste ihr Buch ebenfalls in einer düsteren Zeit, sowohl den Umständen der Natur entsprechend als auch im Hinblick auf die Position weiblicher Autorinnenstimmen in der Literatur. Und doch ist ihr Werk eines der erfolgreichsten jemals!
Dies birgt Hoffnungen für alle Frauen, die nach ihr kamen, und erklärt mit Sicherheit den Großteil der Kraft, die ihrem Werk ,,Frankenstein“ in heutigen Zeiten erneut verliehen wurde.
PS: Wer Interesse an der Vorstellung im Schauspielhaus bekommen hat, kann sich für die Termine im Juni und Juli Karten holen. Wie immer ist der Eintritt für Studierende der RUB kostenlos!
]]>Dieser Kommentar kann Spuren von Sarkasmus enthalten.
Schauen wir uns eine typische Romantasy-Story an: Sie ist anders als die Anderen und – eine Überraschung, mit der niemand gerechnet hat –, sie ist die Auserwählte, obwohl sie bis Seite 500 fest behauptet, „nichts Besonderes“ zu sein. Manche nennen sie ein Pick-me Girl, doch sie weiß, sie ist nicht so eine. Sie ist nämlich eine wahre Konfliktmaschine mit scharfer Zunge und Girlboss-Attitude, die niemandem vertraut – abgesehen von dem moralisch verkorksten und absolut nicht vertrauenswürdigem Love Interest nach zwei Kapiteln. Mal ist sie eine heimliche Königin (die zufälligerweise als bitterarme Waise geboren wurde), mal eine perfekte Heilige, die so sehr strahlt, dass man schon einen Blendschutz braucht. Die Außenseiterin wird hier schnell zum Allstar.
Und wenn sie nicht gerade eine Welt rettet oder zerstört, von der sie zehn Minuten zuvor noch nie gehört hatte, arbeitet sie ihre Traumata auf einer supergefährlichen Abenteuerreise auf und macht dabei den Eindruck, als sei das alles ganz normal. Mal ehrlich, wer braucht schon Therapie, wenn es einen hübschen Prinzen gibt, mit dem man zufälligerweise irgendwo im Nirgendwo à la Forced Proximity eingesperrt wird. Ganz abgesehen von den häufig vorhanden dark-romance-Elementen, die sicherlich eine sehr positive Wirkung auf die angeschlagene mentale Gesundheit der Protagonistin haben. Aber wer bin ich schon, dass ich das beurteilen kann.
Tja, hätten die Protagonistinnen nicht alle einen absolut ungewöhnlichen Namen, bei dem hin und wieder das „I“ gegen ein „Y“ getauscht und das „K“ durch ein „X“ ersetzt wird, würden wir wohl alle denken, ich rede gerade von der gleichen fiktiven Person. Alles frei nach dem Prinzip: „Schreib ruhig ab, but don’t make it obvious.“
In ihrem verzweifelten Streben danach, sich vom Rest abzuheben, misslingt den Autor:innen leider genau das. Denn je mehr solcher Bücher ich lese, desto öfter bekomme ich das Gefühl, hier hat jemand die Leertaste mit copy und paste verwechselt. Immer wieder dieselben Erzählmuster und dieselben Charakterentwicklungen: Feinde, die sich wider Erwarten ineinander verlieben (Enemies-to-Lovers), vom Schicksal vorbestimmte Partner:innen (Fated Mates) oder eine Liebe, die gegen jegliche Regeln verstößt (Forbidden Love). Natürlich nicht zu vergessen das gute Liebesdreieck (Love Triangle), was vielen bereits auch aus Trash-TV-Sendungen wie Are You The One (RTL) bekannt sein dürfte.
Und trotzdem – und hier kommt der überraschende Part – macht genau das alles einen riesigen Teil des Charmes aus. Genau diese Vertrautheit hat auch ihre Stärke. In einer Welt, die chaotisch, unsicher und manchmal ziemlich frustrierend sein kann, bieten diese Geschichten einen gesicherten Ort, an den man zurückkommen kann. Die repetitiven Tropes und Plots sind nicht einfach nur der Ausdruck von Einfallslosigkeit. Sie sind Bausteine einer literarischen Sprache, die schnell verständlich ist und Emotionen effektiv transportiert. Die Protagonistinnen erlauben uns, sofort in ihre Welt einzutauchen, weil man diese Archetypen schon kennt, liebt und vielleicht sogar heimlich ein bisschen bewundert. Diese Bücher sind oft kleine emotionale Trainingslager: Sie zeigen, wie Menschen (oder Elfen, Vampire und Hexen) mit Verlust, Angst, Loyalität und moralischen Dilemmata umgehen.
Sind wir mal ehrlich: Ich lese diese Stories wirklich gerne. Sie sind nicht „total blöd“, wie man am Anfang vielleicht denkt. Und ja – ich gebe zu, manchmal erwische ich mich dabei, wie ich gespannt darauf warte, wie genau diesmal das typische Enemies-to-Lovers-Spiel ausgeht oder welches dunkle Geheimnis die verbotene Liebe noch enthüllen wird.
Die Wiederholung von Tropes ist dabei nicht etwa faul, sondern eine Art moderne Märchenstruktur. Sie folgt einem bestimmten Schema – nichts Ungewöhnliches, sondern sehr typisch in der literarischen Welt. So werden beispielsweise auch Krimis als Schemaliteratur klassifiziert. Das Romantasy-Genre müsste jedoch näher untersucht werden, um es endgültig als Schemaliteratur bezeichnen zu können.
Schließlich ist Romantasy mehr als nur ein Genre: Es ist eine Einladung, sich in fantastische Welten zu verlieren, die einen für ein paar Stunden den Alltag vergessen lassen.
]]>Ein Blick zurück ins Jahr 1933. Steven Spielberg brachte in diesem Jahr den ersten Teil der Jurassic Park-Reihe raus und begeisterte mit den damals noch neuartigen Spezialeffekten des Films und der außergewöhnlichen Geschichte die Massen.
Die Idee des Films basiert auf einer Romanvorlage aus 1990 und führt den Menschen eine dystopische Realität vor Augen, in der Dinosaurier dank moderner Gentechnik wiederbelebt und auf einer abgelegenen Insel für Forschung und Unterhaltung gehalten werden.
In den nächsten Jahren folgen mit Vergessene Welt: Jurassic Park (1997) und Jurassic Park III (2001) die zwei restlichen Filme, welche die Trilogie abschließen. Die Eröffnung eines echten Freizeitparks ist für die Protagonist:innen noch weit entfernt.
2015 wurde dann mit Jurassic World eine neue Trilogie eröffnet, die die Handlung um die Dino-Insel in die Gegenwart verlegt. Aus dem Dinosaurier-Paradies ist nun ein durchkommerzialisiertes Unterhaltungsunternehmen geworden. Die fantastische Welt der Dinos verkörpert sinnbildlich die menschliche Profitgier und Maßlosigkeit. Der Profit durch die Wiedererweckung der Dinosaurier bleibt auch in Zukunft ein zentrales Thema der Filme.
Am 2. Juli 2025 wurde das Tor zur Urzeit erneut geöffnet , doch dieses Mal für ein neues Kapitel, das unabhängig von seinen Vorgängern erzählt wird. Die Handlung von Jurassic World: Die Wiedergeburt setzt fünf Jahre nach den Ereignissen des letzten Films 2022 ein. Mittlerweile leben die Dinosaurier fern von den Menschen und haben sich auf eine abgelegene Insel zurückgezogen. Hier gelten die Gesetze der unbarmherzigen Natur und das Recht des Stärkeren.
Genau in diese wilde Zone wagt sich eine Gruppe aus Menschen, die ungewöhnlicher nicht sein könnte: eine knallharte Söldnerin (Scarlett Johansson), ein idealistischer Paläontologe (Jonathan Bailey) und ein gewissenhafter Kapitän (Mahershala Ali). Unter dem Deckmantel der Wissenschaft sollen sie gegen eine hohe Entschädigung die Blutproben seltener Spezies beschaffen. Der Auftraggeber hinter dieser Expedition ist dabei ein skrupelloses Pharmaunternehmen, für das einzig und allein das Geld zählt.
Zur selben Zeit strandet eine Familie auf der Insel der Dinosaurier und findet sich bald darauf in einem erbarmungslosen Kampf ums Überleben wieder, bei dem die Dinosaurier nicht das einzige Übel sind. Das Schicksal führt die Pfade der beiden Gruppen schließlich zusammen. Was hier zunächst als klassisches Survival-Abenteuer beginnt, wächst schon bald zu einem Thriller über Vertrauen und Verrat an. Immer deutlicher wird die Frage: Wer ist hier eigentlich die gefährlichere Spezies – Mensch oder Dinosauerier?
Zu den größten Highlights des Films zählt wohl seine V visuelle Kraft durch die gekonnte und bewusste Nutzung von VFX (Visual Effects) und SFX (Special Effects). Die Dinosaurier und die Umgebung wirken unglaublich real und lebensnah – als könnte es sich um eine tatsächliche Realität handeln. Man verliert schnell das Gefühl für die Leinwand, wenn einem ein fauchender Dinosaurier mit messerscharfen Zähnen gegenübersteht.
Mit altbekannten Elementen wird auch in Jurassic World: Die Wiedergeburt gespielt.
So ist der Film voller Action, ohne dabei auf endlose Zerstörungsorgien zurückzugreifen. Die Spannung bleibt durch das Erzähltempo bis zum Ende bestehen.
Natürlich ist ein Jurassic-Film nichts ohne das vertraute Jurassic-Feeling. Besonders die ersten Szenen, in denen das Expeditionsteam durch den nebelverhangenen Dschungel streift und auf friedliche Urzeit-Echsen trifft, atmen den Geist von Jurassic Park und verströmen eine nostalgische Wärme. In mehreren Momenten hält die Kamera einfach inne – ohne Kampf, ohne Spektakel – und zeigt uns die Magie der Dinosaurier, die von ihrer reinen Existenz ausgeht. Die erwartungsvolle Anspannung ist hier das Ergebnis der Mischung aus Furcht und Staunen. Eben diese Szenen machen Die Wiedergeburt dann doch sehenswert und erinnern daran, warum Steven Spielbergs Original einst so einschlug.
Inhaltlich schwächelt der Film allerdings, wenn man ihn mit seinen Vorgängern vergleicht. Die Figuren sind schnell umrissen und haben keine echte tiefe. Viel eher hat man das Gefühl, sie folgen einem bestimmten Figurenkonzept, das aus einem Topf voller Charakter-Klischees gespeist wird. Die harte Kämpferin mit einem weichen Kern, der Wissenschaftler, der den Glauben an das Gute nicht verlieren will und ein Kind als moralischer Kompass. Echte Überraschungen und unerwartete Plot-Twists sucht man hier vergeblich. Ähnlich verhält es sich mit den Dialogen – sie sind schablonenhaft und folgen etwas zu offensichtlich einem Skript. In diesem Sinne lässt der Film tief blicken und man spürt, dass die Produzenten vor allem eines wollten: Ein Abenteuer liefern, das durch sein Storytelling weltweit funktioniert und Anklang findet. Das Ergebnis ist jedoch ein 0815-Dino-Abenteuer, dass es in seiner Art schon mehr als nur einmal gibt. Echte Emotionalität und Charakterentwicklung gehen auf der Reise zur Insel in den Weiten des Ozeans verloren.
:Alina Nougmanov
]]>Das persönliche Schicksal einer Familie wird verwoben mit übergeordneten gesellschaftlichen Missständen. Intim und nahbar und gleichzeitig höchst politisch und gesellschaftskritisch ist das Ergebnis, in dem die Lebensrealität der Geschwister Arda und Aylin und ihrer Mutter zur Sinnsuche und zum Kampf wird, der Stabilität, Gleichheit und Identität als fragile und schwindende Konstrukte zu erringen versucht. Geflohen aus dem Heimatland und vom Vater verlassen wird nun der Versuch in Deutschland eine Existenz, eine Jugend, eine Perspektive zu gestalten, zum Minenfeld und zur Wunde.
Arda liegt mit einer Autoimmunkrankheit, die seine Leber angreift, im Krankenhaus und schreibt an seinen abwesenden Vater Metin, der die Familie verlassen hat und zurück in die Türkei gegangen ist. Er reflektiert seitdem er weg ist über das Leben ohne ihn, welche Fragen er sich deswegen stellt, was er fühlt. Das Publikum erhält einen Einblick in das Leben einer Familie, die durch die Abwesenheit des Vaters versucht, eine Leerstelle zu füllen, eine Wunde zu heilen, ein Trauma zu überstehen, und sich einen Platz zu schaffen.
Die zentralen Themen Migration und Vaterlosigkeit korrelieren mit sozialer Ausgrenzung, einem Kampf gegen Bürokratie, Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Missverstandenwerden und einem Gefühl von Sprachlosigkeit und Heimatlosigkeit. Man möchte der Familie einen Platz geben, die Gesellschaft und ernüchternde Realität verändern, die voll von solchen Schicksalen, Ungerechtigkeiten, Kluften und Diskrepanzen ist.
Die Mutter treibt verloren durch ihr Leben, trinkt viel, kümmert sich nicht um ihre Kinder, schreit sie an, bringt fremde Männer mit nach Hause – den Sex auf dem Dachboden hören die Kinder von unten. Es wird ersichtlich, dass sie von der Flucht und dem Verlassenwerden traumatisiert, ratlos, perspektivenlos und geschädigt zurückbleibt. Die Geschwister sind sich gegenseitig am nächsten, müssen aufeinander aufpassen, in diesen Lebensumständen und in diesem System lernen, irgendwie zu funktionieren. Dann jedochist Arda ganz allein – seine Schwester Aylin kommt in eine Pflegefamilie und die beiden entfremden sich.
Auf der Bühne finden sich zwei Ebenen: Simultan werden Erinnerungen sowie gegenwärtiges Geschehen dargestellt. Auch Ardas innerer Monolog wird visuell dargestellt, die Bühne wird zum Schauplatz seiner Gedankenwelten. Seine Erinnerungen und Schilderungen werden auf der Bühne lebendig, als Teil von seiner Geschichte und Identität kommen sie aus der Mitte seines nun krankheitsbedingt bedrohten Seins: „Erzählen ist wie Wasser, Metin. Einmal unterwegs, findet es seinen Weg von selbst,“ sagt Arda, und teilt somit auch ein Stück seiner Leidenschaft fürs Erzählen und die Literatur. Sinnbildlich ist diese Metapher auch Ausdruck seiner Widerstandsfähigkeit: Er bahnt sich seinen Weg, trotz aller Widrigkeiten, er zeigt uns, wie sich seine Geschichte nur schwer und dennoch überwunden entfalten musste. Das Leben, das am Rande der Gesellschaft ausgegrenzt wird, ist dennoch da und kann nicht ignoriert werden.
Die schauspielerische Leistung überzeugt: Sowohl die Geschwister als auch die Mutter wirken authentisch, nahbar und verletzlich. Der Tiefe und Schwere des Themas werden die Darsteller:innen gerecht; emotionale Szenen berühren und bewegen, statt pathetisch oder oberflächlich zu wirken. Besonders eindrucksvoll ist der Chor des Migrantinnenvereins Dortmund, der durch seine Stimmenvielfalt noch mehr Gewicht beiträgt – noch mehr migrantischen Stimmen wird Gehör verschafft und eine Bühne geboten, noch stärker wird das Ausmaß migrantischer Lebensrealitäten und ihrer Hürden deutlich und spürbar. Der Chor wirkt wie ein Wiegenlied, in dem die Familie eingelullt und aufgefangen wird. Das Leben im Exil wird durch den Chorgesang untermalt, mal als solidarische Unterstützung, mal als wehleidig und bedeutungsschwer. Als Gegenpol dient der „Chor der Deutschen“, der das Klischee des privilegierten, rassistischen deutschen Bürgers ironisch aufgreift. Diese Perspektive findet ihren Höhepunkt als Aylin auf einer Party ist. Das Lied „L’amour toujours“ von Gigi D’Agostino ertönt und weckt sofort Assoziationen zum medial viel beachteten ausländerfeindlichen Sprechgesang. Subtil und geschickt nutzt Julia Wissert also dieses Lied, um eine rassistische, beklemmende Atmosphäre zu schaffen. Als dann noch ein Partygast, der betrunken von Aylin angemacht wird, obwohl er offensichtlich desinteressiert ist und ihren Kussversuch abweist, sagt, „er stehe nicht auf Affen“, wird die enorm ausgrenzende, fremdenfeindliche Umgebung ersichtlich, in der sich die Familie behaupten muss. Der Kampf um Sinnstiftung und das Finden einer eigenen Identität in einem solchen Land, das politisch immer rechter aufgeladen ist, wird durch die Darstellung der stereotypen und ignoranten Deutschen humorvoll und dennoch aufrüttelnd inszeniert. Der Selbstmord des Vaters von Ardas bestem Freund im Stück zeigt, wie ausweglos, belastet und erniedrigt sich migrantische Menschen in ihrem Leben oder ihren Jobs in Deutschland fühlen können. Dass sie es oft nicht wagen, zu träumen, ihren Wünschen nachzugehen, dass sie sich minderwertig behandeln lassen, von Behörden und Bürokratie, denen sie ihr Deutschsein beweisen müssen, die sie genau unter die Lupe nehmen, als seien sie eine Gefahr. Arda möchte Literatur studieren und schreiben, worüber sein bester Freund nur lacht. Der Verlauf einer migrantischen Existenz in Deutschland scheint von Fremdbestimmung und ungeschriebenen Gesetzen bestimmt. Chancengleichheit existiert nicht, eine Zweiklassengesellschaft auf migrantischen Rücken entsteht und prallt in ihrer traumatischen und verheerenden Wucht auf die Lebensrealitäten der „Anderen“ zurück, die im Sinne des „Othering“ nicht auf Augenhöhe mit anderen Deutschen leben – Dienstleistungsjobs werden in der Inszenierung als das Los vieler migrantischer Menschen gezeigt.
Die Krankheit Ardas wird von ihm sachlich beschrieben; sie sei keine „Metapher in einem Bildungsroman für Kanaken“. Jedoch wird sie vom Dramaturgen in Dortmund als Metapher inszeniert. Jasco Viefhues verdeutlicht sie in seinem Programmheft als Sinnbild für die Stellung der migrantischen Familie in der deutschen Gesellschaft, die sie abstoßen und ausgrenzen will, so wie auch Ardas Leber nicht mehr mit ihm zusammenarbeitet. Obwohl Arda krank ist, scheint er von allen Figuren am gesammeltsten zu sein, als hielte er die Familie und seine erlebte Welt zusammen durch seine Erzählungen und Einordnungen, die er ruhig, reflektiert und dennoch emotional darlegt. Er verkörpert Lebenswillen, Intelligenz, Poesie, Humor und Mut, er gibt die Hoffnung nicht auf, bemüht sich, trotz aller Widrigkeiten Ordnung und Verständnis zu schaffen: „Mein Name ist Arda Kaya und es geht mir gut,“ sagt er am Ende, abgeklärt. Es wirkt, als wäre ein Stück Erlösung von ihm gefallen, nachdem er die Vergangenheit und den Leidensweg erzählt und somit noch einmal durchlebt hat. Ganz im Stile Julia Wisserts schafft diese Inszenierung den Versuch einer Utopie, in der Gleichheit und Empathie gelten wollen, was jedoch letztendlich ernüchternder Realität weichen muss: Migrantische Lebensrealitäten wie diese sind belastend und dennoch hoffnungsvoll, sinnhaft und berechtigt – eine Ambivalenz, die auch durch den verzweifelten Hedonismus der Mutter und ihr Feiern und Trinken mit Freundinnen ersichtlich wird. Wisserts Handschrift gibt den Figuren eine Suche nach Autonomie und Ermächtigung in einer kalten Gesellschaft mit auf den Weg und zeigt sowohl ungeschönte und desillusionierende Konsequenzen, als auch menschliche Nähe, Träume, Umwege und Ausflüchte.
:Maja Hoffmann
]]>Der Westpark war übersät mit Menschen, einige von ihnen mit Skibrille. Getränke- und Essensstände und Halfpipes zum Skaten verwandelten die Wiese in ein einladendes Freizeitgelände, das die Verbindung von Kultur und Sport als Agenda des Festivals veranschaulichte. Die Einlasskontrolle war schnell und locker, dann stand man auch schon auf der belebten Wiese vor der Bühne. Die Sonne knallte herunter, man wartete. Dann ging es los und Filow betrat unter viel Gekreische als Voract die Bühne. Er schaffte es, das Publikum mitzureißen, das besonders beim Song „Rasenschach“ bebte. Als Filow dann fertig war, ließ Ski Aggu allerdings ziemlich lange auf sich warten. Doch dann endlich fiel der Vorhang mit seinem bürgerlichen Name und Verweis auf seine gewohnt ironische Quatschwebsite – und vor der Menge stand der Künstler Ski Aggu.
Er eröffnete mit seinem Hit „Deutschland“, den die Crowd begeistert mitsang, während sich hinter ihm die kolossale Bühnenkulisse offenbarte: Eine riesige Statue von Ski Aggus Kopf. Während einer seiner bekannten Hits nach dem nächsten lief, inklusive derer mit bekannten Featuregästen wie Zartmann („Wie du manchmal fehlst“), ließ die Show in ihrer Gestaltung kaum Wünsche übrig: Pyrotechnik, Flammen, Nebel und Konfetti sorgten für eine visuell beeindruckende Atmosphäre. Der längst erreichte Kultstatus des Rappers, seine Marke und sein Image, wurde durch die vielen Fans mit Skibrille ersichtlich. Selbst ein kleiner Junge auf den Schultern seines Begleiters trug sie und wurde zum „Maincharacter“ im Publikum.
Ski Aggu ist für seine inklusive und rücksichtsvolle Mentalität bekannt. So bietet er spezielle Bereiche für Schwangere und neurodivergente Personen auf seinen Konzerten und forderte auch zu einem expliziten FLINTA-Moshpit auf. Als ein oberkörperfreier Mann dennoch intervenierte und in den Pit wollte, wies Ski Aggu ihn zweimal in die Schranken, indem er ihn als Macker bezeichnete, der zur Seite gehen solle. Eine klare Ansage und feministische Positionierung, die er auch in seiner Musik vermittelt und für die er nicht selten von seinen Fans gefeiert wird. Am Ende des Konzerts überraschte der Auftritt des „VfL Jesus“ aka Thomas Dragunski, einem durch Social Media bekannten Fan des Bochumer Fußballvereins. Für die Bochumer Crowd war das eine Würdigung ihrer heimischen kleinen Ikone und Ski Aggu trug sogar ein Trikot mit der Aufschrift „VfL Jesus“ und Dragunskis Gesicht drauf. Gleichzeitig performte Ski Aggu seinen noch unveröffentlichten Song „Nein Schatz“. Das endgültige und abschließende Highlight der Show war, als „Bochum“ von Herbert Grönemeyer gespielt und von Ski Aggu und den Fans inbrünstig mitgesungen wurde – eine berührende, gemeinschaftliche Szene und ein würdiger Abschluss in der Stadt, die vom Klassiker besungen und wertgeschätzt wird, auch von Ski Aggu an diesem Abend.
Ski Aggu überzeugt mit seiner eingängigen, schnellen Musik, die für Partystimmung und feel good Mentalität steht – aber auch für Verletzlichkeit, zeigte er so auch seine ruhigen Balladen. Er schmiss Merch ins Publikum, sorgte für Inklusion, kam einmal selbst ins Publikum. Er weiß, wie man Nähe zum Publikum herstellt und die Jugend erreicht und einfängt. Er repräsentiert den politischen und dennoch lockeren, humorvollen und optimistischen Zeitgeist und bleibt als Künstler trotz des großen Erfolges ein nahbarer, engagierter, emphatischer Mensch. So war sein Konzert im Westpark ein gelungenes Highlight im Ruhrpottsommer: Zugänglich für viele Fans aufgrund des niedrigen Eintrittspreis, inklusiv, mitreißend und spektakulär gestaltet – bemüht um Haltung und Community. Als Auftakt des Festivals würdig und eindrucksvoll, da er es schafft, viele Menschen mitzuziehen, mitzudenken und zu erreichen, weil sein Rap nicht Ellbogen und Makermentalität ist, sondern Bewusstsein, Umarmung, Solidarität und Leichtigkeit.
:Maja Hoffmann
]]>Bereits seit vielen Jahren ist das Ruhr in Love ein fester Bestandteil der deutschen Festivallandschaft. In diesem Jahr erwartet es seine Besucher:innen mit über 30 Bühnen und rund 300 Acts, die zusammen ein großartiges Line-Up ergeben. Darunter befinden sich musikalische Talente wie zum Beispiel Kalte Liebe oder Gestört aber Geil. Geht es um die verschiedenen Richtungen und Abstufungen elektronischer Musik, drückt das Ruhr in Love hierbei alle Knöpfe auf dem Mischpult und zieht die Regler hoch Richtung Vielfalt. Von Techno über House bis hin zu Hardcore und Goa – hier ist für jedes Ohr der passende Klang und für jedes Tanzbein der perfekte BPM dabei. Und das Coole daran: Viele der Acts greifen nicht nur brandaktuelle Sounds und Beats auf, sondern nehmen das Publikum auch mit auf eine Zeitreise durch verschiedene Epochen der Techno-Szene – und das Ganze für etwas mehr als 40 Euro.
Das Festival beginnt um 12:00 Uhr und endet rund zehn Stunden später um 22:00 Uhr.
Das Festivalgelände ist riesig und nur schwer mit einem Blick zu überschauen. Und obwohl das Festival bis zu 35.000 Besucher:innen erwartet, wirkt es überraschend persönlich – ja fast schon süß. Die Leute sind freundlich und vor allem sind sie da, um Spaß zu haben und eine schöne Zeit zu verbringen, während im Hintergrund ihre Lieblingsmusik läuft. Alle sind am viben, keiner guckt doof oder rempelt dich absichtlich weg. Es gibt ein paar Festivals, da sieht das Ganze schon ein bisschen anders – weniger familiär – aus. In der Nähe der Bühne gibt es jedoch kaum Unterschiede. Hier ist es wie zu erwarten enger und natürlich auch um einiges lauter.
Das Publikum ist so vielfältig wie die Musik selbst; von jung bis alt, teilweise freizügiger gekleidet und teilweise bedeckter. Die Farbe des Tages ist auf jeden Fall schwarz, doch man begegnet auch Besucher:innen, die etwas farbenfroher oder sogar vollständig in der Kontrastfarbe Weiß gekleidet sind. Die Techno-Community zeigt sich hier in all ihren Facetten – mit coolen Sonnenbrillen, Glitzer, Ketten-Details und jeder Menge Herz für Musik. Selbst bei der Hitze wird glücklich zu den Beats und dem Bass getanzt. Das Gelände zeigt sich währenddessen von seiner guten Seite: staubig, aber nicht matschig und als idealer Grund, über den man rhythmisch seine Schuhe drüberziehen kann. Und wird es doch mal etwas zu warm, weil die Sonne wieder mit ganzer Kraft durch die Wolken bricht, so hilft etwas „kalte Liebe“ sicher beim Abkühlen.
Auch kulinarisch werden die Besucher:innen gut bedient und es bleibt kein Wunsch für den Snack zwischendurch oder das verspätete Mittagessen offen. Von Pizza, Asia-Nudeln, Burgern und Pommes über Brezeln und Waffeln ist alles dabei, wonach es das hungrige Festivalherz dürstet. Und wer zwischendurch Durst bekommt, kann sich neben Cocktails und anderen süßen Getränken auch kostenlos am Außenwaschbecken bedienen. Wasser ist hier zur Genüge vorhanden – wenn auch die Seife fehlt (oder wir haben sie einfach nicht mehr gesehen). Die blauen Toilettenhäuschen waren erstaunlich sauber und stellten sich in diesem Fall als echtes Plus für das Tagesfestival heraus.
Was die Anreise angeht, so ist diese denkbar einfach: Wer mit dem Zug oder dem Bus anreist, hat mit dem Festivalticket bereits eine Fahrkarte inklusive. In Oberhausen sorgen dann spezielle Shuttlebusse dafür, dass die Festivalgänger:innen am Ziel ankommen – wenn auch etwas gestresst und verschwitzt, denn diese Busse sind entsprechend gut mit Menschen beladen und ganz schön muckelig.
Das Ruhr in Love 2025 beweist einmal mehr, warum es weit mehr ist als nur ein weiteres Festival in unseren Kalendern. Es ist ein Ort an dem sich die Techno-Szene trifft, tanzt und sich connected. Laut, frei, bunt, staubig – und gleichzeitig auch irgendwie liebenswert und echt. Wenn Du elektronische Musik liebst, solltest Du Dir diesen Tag im Juli unbedingt rot im Kalender markieren. Für das Jahr 2026 steht uns mit Samstag, dem 4. Juli, bereits die nächste Runde bevor. Seid dabei!
:Alina Nougmanov
]]>Dass Sammelkarten à la Pokémon oder Magic the Gathering beliebt sind, ist eigentlich keine Neuheit. Allerdings scheint der Hype um Sammelkartenspiele alles andere als abzuschwächen, denn auch dieses Jahr steigen die Verkaufszahlen auf ein neues Rekordhoch. Sowohl bei Pokémon als auch bei Magic the Gathering erscheinen im Jahr 2025 die jeweils meistverkauften Sets aller Zeiten. Hinter den Rekordzahlen steht allerdings mehr als nur das bunt bedruckte Papier, denn der Markt um die Sammelkarten beginnt sich zu ändern.
Die Zeiten der Coronapandemie hinter sich lassend, starten Sammelkartenspiele gestärkt in die Post-Covid Zeit. Vermutlich, weil das Spielen eben so lange nicht möglich war und man viel Aufholbedarf in der Community verspürt. Aus der Notwendigkeit, Partien online auszutragen, entstand ein neues Verständnis für Sammelkartenspiele auf digitaler Ebene.
Wer selbst mal ein Boosterpack oder ein neues Sammelkartenprodukt geöffnet hat, bekommt einen Geschmack von der Spannung, die dabei entsteht. Die Chance auf seltene und dementsprechend wertvolle Karten birgt eine Suchtgefahr, die dem des Glücksspiels gefährlich nahekommt. Wem das Geld zu schade ist, um eigenes Risiko einzugehen, dem bieten sich mittlerweile zig Möglichkeiten anderen dabei online zuzusehen, wie sie Boosterpacks öffnen. Wie etwa auf Whatnot, einer Plattform, die das Onlineshoppen zu einem Erlebnis werden lässt. Ein neuer Markt erschließt sich eben aus jener Dynamik. Für die Zuschauer:innen risikofrei und trotzdem spannend.
Für Sammelkartenspiele bedeutet das, bei den Opening-Livestreams Karten direkt per Auktion zu erwerben. Das sogenannte „Rip it and ship it ” Prinzip kommt gut an, vor allem bei dem jungen und technikaffinen Publikum. Ein Boosterpack „Opening” ist auch schnell mal in ein Tik-Tok oder YouTube Short verpackt, was solche Inhalte nochmals attraktiver macht und mühelos Reichweite generiert. Doch der Spaß endet nicht auf Kurzvideo- oder Shoppingplattformen. Das digitale Zeitalter der Sammelkarten führt zu regelrechten Wettbewerben unter Content Creatorn, wenn es darum geht, wer mehr Kartenwert aus ganzen Boxen mit frischen Karten herausholt. Die Menge an neuen Produkten, die im Laufe dieser neuen digitalen Welle geöffnet wird, führt zu einer oftmals kritisierten Kaufstrategie.
Das sogenannte „Scalping”, bei dem Artikel bis aufs Letzte aufgekauft, gehortet und dann teuer weiterverkauft werden, ist zum Beispiel auch bei Ticketverkäufen für Konzerte oder andere Events schon zur Normalität geworden. Das Motto dabei: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Doch die Zahlen geben hier Recht, denn die Preise für Produkte steigen mit der Zeit stetig. Es ist der Goldkauf des kleinen Mannes, nur eben auf Papier.
Zurück bleiben leere Regale und vermutlich viele traurige Kund:innen. Der Unmut darüber ist auf Social Media gut dokumentiert und doch gibt es für das Problem scheinbar keine wirkliche Lösung. Den corporate Köpfen hinter den Sammelkartenspielen spielt das neue Kaufverhalten direkt in die Karten. Ihre Produkte gehen mühelos über die Ladentheke und Gewinne sind garantiert. Probleme gibt es nur dann, wenn sie nicht schnell genug neue Produkte liefern können. Hoffnung machen lediglich einige Ladenbetreiber:innen. Diese schieben jetzt immer öfter einen Riegel vor, indem sie den Verkauf auf handelsübliche Mengen drosseln, damit niemand leer ausgehen muss.
Kommentar dazu:
Ein Wort, das die ganze neue Sammelkartenwelle gut beschreiben würde, ist wohl „seelenlos”. Denn der Kindheitszauber, den es mal beim Sammeln und Spielen gab, verfliegt in der neuen digitalen Ära fast gänzlich. Die Menschen, die Karten kaufen und horten, sind selten diejenigen, die damit spielen und Spaß haben. Es ist ein eiskaltes und raffgieriges Geschäft geworden. Zwar noch nicht überall, aber dennoch liegt es wie eine dunkle Wolke über der ganzen Szene. In Mitleidenschaft gezogen von der Profitgier werden vor allem Jüngere und Kinder, die mit ihren Eltern oder eigenem Taschengeld immer wieder enttäuscht werden und leer ausgehen. Dann doch lieber anderendabei zusehen, wie sie „Spaß” haben. Es ist ein trauriger Kreislauf.
Was am Ende davon bleibt, ist eine Generation, die sich zwar für Sammelkartenspiele interessiert, aber aufgrund von leeren Regalen und Enttäuschungen das Interesse verliert und sich anderen Hobbies widmet. Das neue Kaufverhalten droht das komplette Hobby von Innen selbst zu zerstören. Deswegen wird es umso wichtiger, die lokalen Geschäfte zu unterstützen, anstatt bei privaten Hortern und Scalpern noch zu versuchen, etwas zu ergattern. Sollen sie, wie der Drache auf seinem Goldschatz sitzend, ihre ewige Ruhe finden.
:Artur Airich
In der Mitte des 19. Jahrhunderts floriert die europäische Kolonialisierung in einem riesigen Ausmaß und auch Russland schließt sich dem Treiben des wachsenden Kolonialismus an. Zu dieser Zeit gerät der Autor Gončarov, der zu dem Zeitpunkt in seinen Vierzigern ist, in eine Schreibkrise. Die Idee einer Weltreise als mögliche Lösung für seine Blockade verleitet ihn schließlich dazu, mit der Fregatte Pallada (dt. „Pallas“) in See zu stechen und fremde Länder zu bereisen. Er geht als Sekretär einer Expedition an Bord, deren eigentliches Ziel es ist, mit Japan zu verhandeln. Zu Beginn erfahren wir von Gončarovs zwiegespaltener Einstellung zum Bild von der Reise in die Ferne und seiner inneren Zerrissenheit. Die ferne Fremde beschreibt er als etwas Schönes und Geheimnisvolles; ein magischer Ort, der durch die Hand der Menschen seines Zaubers beraubt wurde. Er kritisiert den Modernisierungs- und Verwestlichungsdrang der Europäer.
Seine Reise führt ihn aus dem Hafen Sankt Petersburgs hinaus durch den Atlantik, über das Kap der guten Hoffnung bis in die Tiefen Singapurs und Japans, bevor er sie aufgrund des ausbrechenden Krim-Kriegs abbricht. Während seiner Reise trifft er auf verschiedene Völker und wird mit Kulturen und Lebensweisen konfrontiert, die ihm völlig fremd sind. So beschreibt er beispielsweise Singapur als Weltmarkt mit einer Infrastruktur, die sich im Rückstand befindet und in dem sich sowohl nützliches asl auch nutzloses tummelt. Das Anwesen eines chinesischen Kaufmanns nimmt er als sehr prächtig und ausgefallen wahr, während die restlichen chinesischen Viertel in seinen Augen heruntergekommen wirken. Seine Reise stellt sich generell als ziemlich holprig und problembelastet dar. Es kommt immer wieder zu Verzögerungen, die zum Teil auf die schlechten Vorbereitungen der Reise zurückzuführen sind. Diese Probleme werden jedoch überwiegend ironisch aufgearbeitet.
Der Reisebericht setzt sich aus einer Mischung aus persönlichen Tagebucheinträgen sowie Briefen an Freunden zusammen. Seine Fremdheitserfahrungen und Eindrücke erweitert er mit geografischen und historischen Daten sowie informativen Einschüben, die Erlebnisse schmückt er mit den rhetorischen Mitteln der Sprache aus. Die Wahrnehmungen anderer Völker stellt er in den Kontext seiner eigenen kulturellen Normen und betrachtet sie durch die Augen eines Europäers, der sich in seiner Existenz den anderen Kulturen überlegen fühlt. Das führt auch dazu, dass diese literarische Inszenierung bloß als Repräsentationsversuch der Wirklichkeit gesehen werden darf und nicht mit ihr gleichgesetzt werden sollte. Denn an sich sind seine Schilderungen wirklich interessant und angenehm zu lesen. Er beschreibt auf spannende und sehr bildhafte Weise seine gesammelten Eindrücke. Wir bekommen einen Einblick in seine Gedanken, Gefühle und Empfindungen. Dabei zeigt er die Vielfalt von Kulturen und Ländern im 19. Jahrhundert und spiegelt gleichzeitig die Angst des Menschen vor dem Unbekannten. Man hat einerseits das Gefühl, man entdeckt eine uns selbst fremde Welt, andererseits wird man durch die Erzählungen auch an Klischees und Vorurteile erinnert, die zum Teil bis heute noch bestehen. Bei dem Reisebericht handelt es sich wortwörtlich um eine Reise zurück in die Vergangenheit und er erinnert uns daran, dass wir zwar einen weiten Weg hinter uns haben, aber noch ein bedeutsames Stück davon vor uns liegt. Definitiv wert, einmal reinzuschauen.
:Alina Nougmanov
]]>Gebannt starren Zehntausende Augenpaare auf dieselbe tiefschwarze Stelle. Wie bei einem Gewitter zucken blitzartige Lichter immer wieder aus der Bühnenvorrichtung, deren eckige Konturen aus der Schwärze wie ausgestreckte Arme herausragen. Es kann sich nur noch um Sekunden handeln. Ist sie schon zu sehen? Tausende Hälse recken sich Richtung Bühne. Dann, plötzlich, regt sich etwas auf der riesigen Leinwand. Eine überdimensional große, milchige junge Frau, der Kamera dem Rücken zugekehrt, steigt auf dem Bildschirm empor als würde sie auf einem Podest ihre Reise Richtung Arenadecke antreten. Im gleißenden Licht wild tanzender Scheinwerfer zeichnet sich aus der Dunkelheit nun eine weitere Silhouette ab. Diesmal steht der zugehörige Körper aus Fleisch und Blut auf der Bühne. Das Gewitter aus Scheinwerferlicht und einer schrillen E-Gitarre wird nun um das unaufhaltsame Tosen Zehntausender Fans in der Arena ergänzt. Los geht‘s!
An diesem Montagnachmittag bin ich ausgesprochen gut gelaunt. Die Musik von Tate Mcrae höre ich schon einige Jahre und spontan habe ich noch eine Karte für ihre Miss Possessive Tour erwerben können. Der RE 1 fährt heute ab 21:00 Uhr leider nicht mehr zurück nach Bochum.. Das hatte mir noch einige Stunden zuvor Kopfzerbrechen bereitet. Doch zum Glück konnte ich mir noch eine last minute Mitfahrgelegenheit organisieren. Einem ausgelassenen Konzertabend in Köln steht nun nichts mehr im Wege!
Schon beim Eintreffen an der Arena fällt mir der große Andrang an vor allem weiblich gelesenen Fans auf. Tausende Mädchen und junge Frauen stehen in der prallen Sonne aufgeregt in den Schlangen vor der Lanxess Arena, viele tragen Eishockey-Trikots. Der Look ist sportlich, kanadisch, aber nicht komplett ohne ein aufwendiges Make-up. Es ist eine Kombi aus Sport und Glam, die ihre ganz eigene Ästhetik schafft. Und es passt: Schließlich ist auch die kanadische Singer-Songwriterin Tate McRae bekannt für ihre figurbetonten Looks. Ihre Fans stehen dem in nichts nach und haben sich sichtlich Mühe gegeben, sich für den Abend zu stylen.
Ich selbst trage zwar kein Trikot, habe aber immerhin ein bisschen Glitzerlidschatten aufgelegt. Glücklicherweise muss ich mich nicht in die endlosen Schlangen einreihen — mein Platz liegt direkt in der Arena. Nachdem ich einmal komplett lost im Kreis gelaufen bin, finde ich schließlich den richtigen Eingang.
Mein Sitzplatz ist rechts von der Bühne, in der zweiten Reihe und ich merke sofort: näher dran geht kaum. Ich kann sogar in den Backstage-Bereich blicken.
Als erste Künstlerin betritt um 19:30 Uhr die Neuseeländerin Benee die Bühne, die einigen vielleicht durch ihren Song Supalonely bekannt ist. Mit ihrer energiegeladenen und authentischen Performance heizt sie die Halle schnell auf. Obwohl sie nur der Support Act ist, scheint das Publikum sie aufrichtig zu feiern. Sie winkt immer wieder zu meinem Block, schaut direkt in unsere Richtung und wirkt dabei ganz in ihrem Element. Es ist absolut erfrischend und eine positive Überraschung.
Nach ihrem etwa einstündigen Set dauert es eine knappe halbe Stunde, bis die Lichter erneut ausgehen – diesmal für den Hauptact. Die Stimmung in der Arena kocht und man spürt, dass das Adrenalin die Fans förmlich zerreißt. Es wird der einzige Auftritt von Tate McRae in Köln im Rahmen ihrer Miss Possessive Tour sein. Das will niemand missen!
Tate erobert ohne großes Warm-up die Bühne und geht direkt auf 100!
Mit anspruchsvollen Choreografien, unterstützt von einem überwiegend männlichen Tänzerensemble, bringt sie nicht nur Energie, sondern auch die Sinnlichkeit ihrer Songs live auf die Bühne. Es ist die Tate McRae, wie man sie kennt – perfekt durchinszeniert, physisch mehr als fit, makellos. Ihre Identität als „sporty girl“ lebt sie konsequent durch ihren Look und die Performance aus.
Doch gerade das wirft die Frage auf: Wer ist die 21 jährige eigentlich wirklich?
Die erste halbe Stunde spricht sie kaum mit dem Publikum. Die parasoziale Beziehung, die viele Fans aufgebaut haben, bleibt an diesem Abend erst mal ziemlich einseitig.
Stimmlich überzeugt sie dafür auf ganzer Linie – jeder Ton sitzt. Sie klingt live exakt wie auf ihren Studioaufnahmen.
Ein echter Gänsehautmoment entsteht dann aber doch noch, als sie schwebend in einem weißen Kleid ans Klavier tritt und einige ihrer ersten Lieder spielt. Lieder, mit denen sie als Teenager einst auf YouTube bekannt wurde. Und obwohl sie mittlerweile fast gänzlich weg vom „Bedroom Pop“ ist, scheint dieser Moment viele im Publikum zu berühren. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich meine, in ihrem Gesicht einen Ausdruck echter Rührung zu sehen.
Tate McRae ist längst mehr als ein YouTube-Phänomen. Sie ist Performerin durch und durch und liefert Tanz, Gesang und einen reizvollen Look. Die Vergleiche mit Britney Spears sind in dieser Hinsicht absolut nachvollziehbar. Ihre Professionalität beeindruckt mich, aber als Person, die Musik neben dem Spaß an catchy Melodien auch für große Emotionalität schätzt, wirkt alles vielleicht eine Prise zu aufgesetzt.
Das Konzert war dennoch genau so, wie ich es mir vorgestellt habe: Ein gelungener Abend voller Adrenalin, visuellem und akustischem Spektakel. Bei Tate McRae gilt eben das Motto: „You get what you see“ und so fair sind wohl nur wenige ihrer Künstler:innen-Kolleg:innen!
:Levinia Holtz
]]>Gleich zu Beginn tarnen sich die Darsteller:innen im Vorraum als Mitarbeitende des Schauspielhauses. Einer von ihnen läuft wild schreiend herum, verpönt das Theater als heuchlerisch und gewaltverherrlichend, eine andere Darstellerin prügelt sich obenrum nackt mit ihrem Kollegen, der am Boden festgehalten wird. Eine der Besucherinnen wird gefragt, ob sie Netanjahu töten würde, wenn keiner es mitbekommen und sie nicht bestraft werden würde und sie antwortet mit „Ja“. Ein paar Besucher:innen werden auserwählt und in den Saal begleitet, bevor der allgemeine Einlass stattfindet. Mit einer Kamera wird alles gefilmt und auf Bildschirme auf der Bühne und im Vorraum übertragen, so auch das den Einlass begleitende Aufzählen von Künstler:innen, Schriftsteller:innen, Schauspieler:innen, Musiker:innen, Instrumenten, Gerichten, Filmen, politischen Organisationen, sogar Sexstellungen. Alles Mögliche wird von einem der Schauspieler vorgelesen und mit einem knappen „Ja“ oder „Nein“ kommentiert. Im Saal angekommen, sitzen die zuvor ausgewählten Besucher:innen auf Gymnastikbällen im Planetenlook auf der Bühne verteilt. Eine Zeit lang werden sie erst einmal befragt und dabei live gefilmt und auf den Bildschirm gestreamt. Sie beantworten, welche Politiker:innen ihnen Angst und welche Hoffnung machen.
Als es mit der Inszenierung des Kollektivs dann richtig losgeht, entfaltet sich eine Aneinanderreihung von experimentellen Szenen, die sich nicht nur mit Gandhi, seinen Prinzipien und Schwachstellen kritisch auseinandersetzen, sondern auch Kollektivität als Mittel nutzen, um Frieden in seinen realistischen Möglichkeiten und Krieg in seiner Allgegenwärtigkeit zu offenbaren. Wie lässt sich Frieden denken in einer Welt der Gewalt? Wege müssen erprobt und ertastet werden, um Frieden als Gefühl und Handlung zu definieren. Was durchscheint in dieser Inszenierung, ist, dass der Glaube an ein größeres Ganzes wichtig ist, ein Gefühl von gemeinsamer Stärke, die vorrangig gefühlt wird, bevor sie im Kopf Einzug findet. Frieden wird zunächst einmal gefühlt und über ein Handeln aus (Mit-)Gefühl in die Welt getragen, bevor theoretische und strukturelle Komponenten eine Bedeutung haben.
Im imitierten Gandhitempel werden barfuß Gespräche geführt, wird sich umgezogen und zur Waffe gegriffen, um zum spirituellen Kämpfer zu werden. Die Problematik hinter Gandhis Philosophie eines gewaltlosen Widerstands wird thematisiert, ein Interview mit ihm simuliert, in dem deutlich wird, dass auch er kein perfekter Mensch war, sondern unter anderem. durch seine Worte über Juden, die sich gewaltlos untergeben sollten und seiner Definition Hitlers als Freund fragwürdig. In der Choreografie der spirituellen Kämpfer*innen steckt die Vermutung, dass Frieden etwas ist, das errungen und erkämpft werden muss, weil Krieg zum Monopol der Realität und zur einzigen Währung geworden zu sein scheint. Zuschauende werden zum Nachdenken angeregt darüber, in welchen Kategorien Frieden operieren kann. Ein transparenter Spiegel auf der Bühne zeigt eine zweite, hintere Ebene und zugleich das Publikum. Frieden und Diskurs müssen auf Augenhöhe stattfinden, der Mensch muss seine Stimme hören, ohne die Lautstärke des Anderen zu übertönen, genau wie in einem Chor – so die Metapher, die für einheitliche Kraft verwendet wird. Dass Friedensbemühungen nicht unterwürfig und leise sein müssen, sondern manchmal rebellisch und wild sind, klingt im Tempel im Bericht eines Lebensgefühls an: „Da war ich mit den anderen Kindern im Sommer in diesem christlichen Camp, ohne jeglichen Punk,“ klagt eine der Besucherinnen.
Die entscheidende, die Inszenierung charakterisierende Frage wird gestellt, laut, fordernd, einschüchternd und mutig: „Können wir lernen, den Frieden zu lieben, so wie wir gelernt haben, den Krieg zu lieben?“ Die Perversion und Grenzerfahrung des Krieges wird entlarvt: Dass Menschen, die den Krieg erlebt haben, nicht darüber reden wollen, denn wie sollen sie erklären, dass der Krieg ihnen Dinge offenbarte und Seiten des Menschseins erfahrbar machte, die ohne Lebensgefahr nicht einmal ansatzweise greifbar wären? Wie ist die Gewalt zu überwinden, die den Menschen schon immer fasziniert, ob er will oder nicht? Welchen Wert hat Frieden, wenn Krieg zum Menschsein dazugehört, zu einer Welt, die ruhelos, größenwahnsinnig und ungerecht ist? Am Ende singen die Darsteller:innen lange, wiederholend, einprägsam und nachhallend dennoch den Friedenswunsch: „Mögen alle Wesen frei und friedlich leben,“ das Publikum, animiert dazu, ein Teil des großen Ganzen zu sein, stimmt mit ein und darf dieses Friedensgefühl mittragen. Die Widersprüchlichkeit des Menschen, die Dilemmata, die in den Bestrebungen nach Frieden stecken, das Ying und Yang des Guten und Bösen, all das wird ersichtlich als Unmöglichkeit, den Frieden als Normalzustand zu denken, und doch als Hoffnung und Utopie, ihn als wichtigeren Teil im Gegensatz zu erkennen, zu verteidigen und anzustreben. Nur im Dunkeln, wenn die Zuschauenden nichts sehen und im Saal nur dem Hören ausgesetzt sind, entfaltet sich die Möglichkeit von Fantasie und Vorstellungskraft, die es für Frieden braucht: Im Dunkeln sind wir gezwungen, hinzuhören, einer Geschichte zu lauschen, einer Fragestellung, die unsere Bereitschaft zur Gewaltlosigkeit, zur Empathie, Nächstenliebe und Menschlichkeit erfragt: Würdest du das Kind des Feindes, der deinen Vater tötete, mit Liebe willkommen heißen? Ein berührender Aufruf zum Hinterfragen von Fronten, Feinddenken, Abgrenzung und Hass. Leitlinien werden sanft gezogen, wie Versuche in den Saal und auf die Bühne geworfen, Fragen und fehlende Antworten koexistieren in dieser Inszenierung ohne sich zu widersprechen - so wie es in der echten Welt vielleicht auch sein sollte. Widersprüchliches muss sich nicht bekriegen, sondern kann nebeneinander und voneinander lernen, sich austarieren, den Weg des geringsten Leids suchen?
:Maja Hoffmann
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