Warning: Constant WP_DEBUG_DISPLAY already defined in /var/www/html/wp-config.php on line 111 BLICK:WINKEL | BSZ https://bszonline.de Deine Bochumer Stadt- & Studierendenzeitung Tue, 24 Feb 2026 11:20:11 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 https://bszonline.de/wp-content/uploads/2022/11/cropped-favicon-32x32.jpg BLICK:WINKEL | BSZ https://bszonline.de 32 32 Magie, Macht und Monotonie https://bszonline.de/2026/02/24/magie-macht-und-monotonie/ https://bszonline.de/2026/02/24/magie-macht-und-monotonie/#respond Tue, 24 Feb 2026 11:17:30 +0000 https://bszonline.de/?p=26021 Seit 2020 und der Entstehung von BookTok scheint eine regelrechte Welle des Leseenthusiasmus junge Menschen weltweit ergriffen zu haben. Während literarische Klassiker plötzlich wieder aus ihren verstaubten Regalen gezogen werden, gewinnt ein anderes, altbekanntes Genre immer mehr an Popularität und surft sich in die Tops der Bestsellerlisten: Romantasy - eine Mischung aus Romance und Fantasy. Mal dark, mal dreamy und kitschig. Und obwohl die Ähnlichkeit der Stories mittlerweile kaum zu übersehen ist, sind TikTok und Instagram voller Fans. Ist diese Ähnlichkeit nun ein Makel oder etwa cleveres Marketing mit Drachenflügeln?

Dieser Kommentar kann Spuren von Sarkasmus enthalten.

Schauen wir uns eine typische Romantasy-Story an: Sie ist anders als die Anderen und – eine Überraschung, mit der niemand gerechnet hat –, sie ist die Auserwählte, obwohl sie bis Seite 500 fest behauptet, „nichts Besonderes“ zu sein. Manche nennen sie ein Pick-me Girl, doch sie weiß, sie ist nicht so eine. Sie ist nämlich eine wahre Konfliktmaschine mit scharfer Zunge und Girlboss-Attitude, die niemandem vertraut – abgesehen von dem moralisch verkorksten und absolut nicht vertrauenswürdigem Love Interest nach zwei Kapiteln. Mal ist sie eine heimliche Königin (die zufälligerweise als bitterarme Waise geboren wurde), mal eine perfekte Heilige, die so sehr strahlt, dass man schon einen Blendschutz braucht. Die Außenseiterin wird hier schnell zum Allstar.

Und wenn sie nicht gerade eine Welt rettet oder zerstört, von der sie zehn Minuten zuvor noch nie gehört hatte, arbeitet sie ihre Traumata auf einer supergefährlichen Abenteuerreise auf und macht dabei den Eindruck, als sei das alles ganz normal. Mal ehrlich, wer braucht schon Therapie, wenn es einen hübschen Prinzen gibt, mit dem man zufälligerweise irgendwo im Nirgendwo à la Forced Proximity eingesperrt wird. Ganz abgesehen von den häufig vorhanden dark-romance-Elementen, die sicherlich eine sehr positive Wirkung auf die angeschlagene mentale Gesundheit der Protagonistin haben. Aber wer bin ich schon, dass ich das beurteilen kann.

Tja, hätten die Protagonistinnen nicht alle einen absolut ungewöhnlichen Namen, bei dem hin und wieder das „I“ gegen ein „Y“ getauscht und das „K“ durch ein „X“ ersetzt wird, würden wir wohl alle denken, ich rede gerade von der gleichen fiktiven Person. Alles frei nach dem Prinzip: „Schreib ruhig ab, but don’t make it obvious.“

In ihrem verzweifelten Streben danach, sich vom Rest abzuheben, misslingt den Autor:innen leider genau das. Denn je mehr solcher Bücher ich lese, desto öfter bekomme ich das Gefühl, hier hat jemand die Leertaste mit copy und paste verwechselt. Immer wieder dieselben Erzählmuster und dieselben Charakterentwicklungen: Feinde, die sich wider Erwarten ineinander verlieben (Enemies-to-Lovers), vom Schicksal vorbestimmte Partner:innen (Fated Mates) oder eine Liebe, die gegen jegliche Regeln verstößt (Forbidden Love). Natürlich nicht zu vergessen das gute Liebesdreieck (Love Triangle), was vielen bereits auch aus Trash-TV-Sendungen wie Are You The One (RTL) bekannt sein dürfte.

Und trotzdem – und hier kommt der überraschende Part – macht genau das alles einen riesigen Teil des Charmes aus. Genau diese Vertrautheit hat auch ihre Stärke. In einer Welt, die chaotisch, unsicher und manchmal ziemlich frustrierend sein kann, bieten diese Geschichten einen gesicherten Ort, an den man zurückkommen kann. Die repetitiven Tropes und Plots sind nicht einfach nur der Ausdruck von Einfallslosigkeit. Sie sind Bausteine einer literarischen Sprache, die schnell verständlich ist und Emotionen effektiv transportiert. Die Protagonistinnen erlauben uns, sofort in ihre Welt einzutauchen, weil man diese Archetypen schon kennt, liebt und vielleicht sogar heimlich ein bisschen bewundert. Diese Bücher sind oft kleine emotionale Trainingslager: Sie zeigen, wie Menschen (oder Elfen, Vampire und Hexen) mit Verlust, Angst, Loyalität und moralischen Dilemmata umgehen.

Sind wir mal ehrlich: Ich lese diese Stories wirklich gerne. Sie sind nicht „total blöd“, wie man am Anfang vielleicht denkt. Und ja – ich gebe zu, manchmal erwische ich mich dabei, wie ich gespannt darauf warte, wie genau diesmal das typische Enemies-to-Lovers-Spiel ausgeht oder welches dunkle Geheimnis die verbotene Liebe noch enthüllen wird.

Die Wiederholung von Tropes ist dabei nicht etwa faul, sondern eine Art moderne Märchenstruktur. Sie folgt einem bestimmten Schema – nichts Ungewöhnliches, sondern sehr typisch in der literarischen Welt. So werden beispielsweise auch Krimis als Schemaliteratur klassifiziert. Das Romantasy-Genre müsste jedoch näher untersucht werden, um es endgültig als Schemaliteratur bezeichnen zu können.

Schließlich ist Romantasy mehr als nur ein Genre: Es ist eine Einladung, sich in fantastische Welten zu verlieren, die einen für ein paar Stunden den Alltag vergessen lassen.

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Dann bitte einmal bücken… https://bszonline.de/2025/10/27/dann-bitte-einmal-buecken/ https://bszonline.de/2025/10/27/dann-bitte-einmal-buecken/#respond Mon, 27 Oct 2025 17:39:58 +0000 https://bszonline.de/?p=25920 Verteidigungsminister Boris Pistorius legt den Gesetzesentwurf für den neuen Wehrdienst vor. Neben der Rückkehr zur Wehrpflicht, kehrt auch die unangenehme ärztliche Untersuchung zurück.

Ja, die Musterung ist alles andere als angenehm. Für alle, die es nicht kennen: Bei der Musterung geht es um eine ärztliche Untersuchung, die feststellen soll, ob man(n) für den Wehrdienst geeignet ist oder nicht. Bis zur Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 war die Musterung für alle Männer, die das 18. Lebensjahr erreicht haben, verpflichtend. Für Frauen war die Musterung nur bei einer freiwilligen Bewerbung Pflicht.

Auch ich musste damals noch als einer der letzten Jahrgänge zu genau dieser Musterung, ungewollt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie das Thema seine Runden machte, und welche “Tricks” man(n) anwenden kann, um dem Wehrdienst zu entkommen. Unter uns gesagt, war es einfach den am Tag vorher eine Tüte rauchen, um beim Drogentest durchzufallen. Das war dann direkt ein K.O.-Kriterium, das zum Ausschluss aus dem Wehrdienst führt.
Wer Drogen fernbleiben wollte, reichte einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung (KDV) ein. Zur Musterung musste ich dennoch, auch wenn mein KDV-Antrag bereits vorlag. Wirklich Bock hatte ich da drauf. Eine ungefähre Vorstellung, was einen erwartet, hat man irgendwie schon aufgeschnappt.

Anyways, Augen zu und durch. Sonst droht eine saftige Geldstrafe, gar kein Bock. Dabei fängt die Musterung fast schon harmlos an. Am PC vor Ort ein paar Fragen ausfüllen und Logik- und Ethik-Aufgaben lösen. Wirklich unangenehm wird es erst bei der ärztlichen Untersuchung im Anschluss. Ein rundum Check-Up, bei dem keine Ecke und Spalte am Körper ausgelassen wird. Bei der Intim-Berührung durch wildfremde Bundeswehrärzte, bleibt es aber nicht. Man wird auch anhand seiner körperlichen Eigenschaften bewertet. Größe, Gewicht, Sehfähigkeit und weitere Aspekte werden auf einer Skala abgeglichen und in Güteklassen eingestuft. Dinge, die für mich selbst als normal galten, wurden plötzlich als „Fehler” abgewertet. Da fühlt man sich doch richtig wohl, wenn einem alle Missstände an einem selbst aufgezeigt werden. Ich verlasse die kalte Arztpraxis im Wissen, dass ich ein Mann zweiter Klasse bin. Danke dafür, I guess. Habe ich erwähnt, dass das alles ungewollt war?

Dass der neue Wehrdienst eine Rückkehr zur Musterungs-Pflicht vorsieht, graust mich. Reicht es denn nicht, dieses Prozedere, das in dem Rahmen ja vielleicht ganz sinnvoll ist, nur Wehrdienst-Interessierten zuzumuten? Ist ja irgendwo auch eine Verletzung der eignen Rechte, wenn man sich dem nicht entziehen kann. Ihr catched meinen drift, niemand sollte sich ungewollt intim berühren lassen müssen. Es als Voraussetzung zum Wehrdienst zu machen, sure. Für den Rest gilt: Finger weg von unseren Eiern! Zu Urolog:innen sollte man als Mann trotzdem gehen, nur eben freiwillig.
:Artur Airich

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Mythos Greifvogel-Silhouetten: Erfüllen die Aufkleber ihren Zweck? https://bszonline.de/2025/10/16/mythos-greifvogel-silhouetten-erfuellen-die-aufkleber-ihren-zweck/ https://bszonline.de/2025/10/16/mythos-greifvogel-silhouetten-erfuellen-die-aufkleber-ihren-zweck/#respond Thu, 16 Oct 2025 04:37:38 +0000 https://bszonline.de/?p=25906 An Bushaltestellen, an Fenstern von Großbüros, im Wintergarten, auf Lärmschutzwänden an Autobahnen und bei uns an der Uni: Aufkleber von Greifvögeln sind überall und gehören längst unserem Alltag an. Kaum jemand schenkt ihnen Beachtung – so normal und omnipräsent sind die schwarzen Silhouetten der Vögel, die andere Vögel wiederum schützen sollen. Die Aufkleber stellen meist Baumfalken oder Sperber da, also Greifvogelarten, die sich hauptsächlich von kleinen Vögeln ernähren. Dank der Aufkleber mit ihren Silhouetten fliegen echte Vögel nicht gegen die für sie unsichtbaren, lebensbedrohlichen Glasscheiben – so die Idee. Im Internet bekommt man sie heutzutage für wenige Euro.

Wie wichtig solche Schutzmaßnahmen sind, zeigt eine schockierend hohe Zahl: In Deutschland alleine sterben jedes Jahr rund 100 Millionen Vögel, weil sie gegen eine Fensterscheibe fliegen – weltweit liegt die Anzahl im Milliardenbereich. Denn Glasscheiben erkennen die Tiere nicht als Hindernis an. Kollidieren sie damit, ziehen sie sich meist entweder eine tödliche Gehirnerschütterung zu oder brechen sich das Genick – rund 70 Prozent von ihnen sterben nach der Kollision innerhalb weniger Tage. In der Fachsprache nennt man den Zusammenprall von Vögeln mit Objekten Vogelschlag. Kollisionen mit Glas gehören zu den häufigsten vom Menschen hervorgerufenen Todesursachen für Vögel. Das Problem: In Deutschland gibt es keinerlei gesetzliche Vorschrift, die die vogelsichere Gestaltung von Glasflächen regelt.

Bereits vor 60 Jahren fing man in Mitteleuropa daher an, die Greifvogel-Aufkleber auf Glasscheiben zu kleben und auf diese Weise der Gefahr für die herumfliegenden Vögel ein Ende bereiten. Wer genau sie erfunden hat, ist heute unklar. Man vermutet jedoch, dass sie ihren Ursprung in Deutschland oder der Schweiz haben. Der Gedanke hinter den ersten Vogelaufklebern war ein schöner und behütender: Wenn wir Menschen schon die Natur und das ursprüngliche Umfeld der Vögel mit unseren Bauten verdrängen, müssen wir sie wenigstens vor diesen schützen.

Die Idee ist simpel: Vögel meiden Greifvögel, da wo sie einen sehen, machen sie also einen großen Bogen drum – und laufen so nicht Gefahr, gegen die gefährlichen Glasscheiben zu fliegen. So die Überzeugung lange Zeit, der Siegeszug der Aufkleber war unaufhaltsam. Heute sind sie ein allgegenwärtiger, wenn auch nicht viel beachteter Bestandteil unserer Städte und Bauten.

Jahrzehnte nach der Erfindung hat sich allerdings mittlerweile Ernüchterung breitgemacht. Wie der Naturschutzbund Deutschland (NABU) berichtet, haben sich die Greifvogel-Silhouetten als unwirksam herausgestellt. Denn die Vögel nehmen die Aufkleber in der Realität nicht als Feind wahr. Sie versuchen sie zwar zu umfliegen, aber das ohne großen Abstand aus mangelnder Furcht. Sie haben gelernt, dass Greifvögel in der Regel stillsitzen und für sie somit keine Gefahr darstellen. So kommt es häufig trotz Aufklebern zum Zusammenprall.

Viel wichtiger sind daher nicht die Form und Gestaltung der Aufkleber, sondern wie dicht und kontrastreich sie angebracht sind. Bewährt haben sich statt der Greifvogel-Aufkleber mittlerweile senkrechte Streifen oder Punktmuster. Mindestens 25 Prozent der Glasfront soll damit bedeckt sein. Der NABU hat dafür eine Merkformel ausgearbeitet, damit die Aufkleber möglichst wirksam sind – die sogenannte Handflächenregel. Ihr zufolge sollen die Abstände zwischen den Markierungselementen nie größer sein als eine Handfläche , damit die Vögel nicht in Versuchung kommen, durch vermeintliche Lücken hindurchzufliegen.

Die Greifvogel-Silhouetten, so schön und omnipräsent sie auch sind, haben ausgedient. Wenn wir die Millionen Opfer von Vogelschlag also verringern wollen, braucht es bessere Muster.

: Gastartikel von Leon Hartmann

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Kiss Cam Capitalism https://bszonline.de/2025/08/05/kiss-cam-capitalism/ https://bszonline.de/2025/08/05/kiss-cam-capitalism/#respond Tue, 05 Aug 2025 05:53:58 +0000 https://bszonline.de/?p=25867 Einmal im Internet – immer im Internet. Was früher nur peinlich war, wird heute zum Meme-Material. Eine bekannte Marke klatscht einen frechen Werbespruch drauf und plötzlich ist Fremdgehen Popkultur. Was sagt das über unsere digitale Öffentlichkeit aus?

Es ist der 16. Juli und der Musiker Coldplay gibt im Gillette Stadium in Massachusetts ein Konzert für seine unzähligen Fans. Die Kiss Cam – eine Unterhaltungsform, bei der zwei Menschen zum Küssen aufgefordert werden – streift über das Publikum und bleibt an einem Pärchen hängen, das eng umschlungen zur Musik wippt. Als sie sich auf dem großen Bildschirm erkennen, zeigen sie eine kuriose Reaktion. Denn statt sich zu küssen, versuchen beide panisch den Blicken der Öffentlichkeit zu entkommen und ducken sich weg. Das hat auch einen bestimmten Grund: Der verheiratete CEO Andy Byron wird hier vor laufender Kamera dabei erwischt, wie er mit seiner Personalchefin fremdgeht. Durch die Kiss Cam wird dieser Betrug in Echtzeit in die Welt hinausgetragen. Und wie das nun Mal im Jahr 2025 so ist, wird dieser Clip hunderte Male hochgeladen und geht kurz darauf auf verschiedenen Social Media Plattformen viral. Es ist einer dieser Fremdscham-Momente, bei denen man nicht weggucken kann – und auch nicht mehr soll.

In den Kommentaren finden sich Stimmen voller Empörung, Belustigung, Wut und Schadenfreude wieder; die Menschen wollen mehr. Es reizt sie. Sie werden von Faszination und Schaulust angetrieben, das Drama ist für sie pure Unterhaltung und DIE Möglichkeit, den eigenen Voyeurismus auf Kosten anderer zu befriedigen. Das Internet bietet dafür die perfekte Bühne. Live dabei, wenn das Vertrauen stirbt – aber bitte mit Hashtag.

Auf diesen Zug springen auch bekannte Marken mit auf und schon wird menschliches Versagen zur Markenbindung genutzt. Ryanair macht einen Gag über Fluchtmöglichkeiten, Burger King über Whopper statt Beziehungstreue. Währenddessen macht Yacht Albania das Fremdgehen sogar zum Aushängeschild und wirbt:„We dont have Kiss Cam (just so you know) – It’s only you, your CEO & our yacht.“ Da saß wieder Mal ein richtiger Scherzkeks vor der Tastatur, ich merk schon. Diese moralisch ziemlich fragwürdige Marketingstrategie hat allerdings einen gar nicht mal so dummen Hintergrund.
Die Menge an Internetnutzer:innen wächst stetig und die Aufmerksamkeitsspanne scheint damit fast zeitgleich kürzer zu werden – das ist auch den Unternehmen bewusst. Sie nutzen Meme-Marketing, um Aufmerksamkeit zu generieren und eine emotionale Bindung zu schaffen. Dafür orientieren sie sich an aktuellen Trends oder Ereignissen und setzen auf Unterhaltung. Populäre und virale Memes sind da ein effektives Mittel. Sie reizen uns im digitalen Alltag, da sie auf eine maximale Aufmerksamkeitswirkung in minimaler Zeit setzen und einen Wiedererkennungswert haben. Sie fallen uns auf und prägen sich uns ein – genauso wie die Werbung, die hinten dranhängt. Kein Wunder, dass sich der Kiss Cam-Clip im Nu in einen Werbeslogan verwandelt hat.

Unternehmen machen immer wieder Content aus Tränen und ziehen Klicks aus Krisen – alles, solange es sich verkauft. Was denen dabei egal ist, ist wie es den Leidtragenden am Ende geht. Empfindungen werden banalisiert. Für Werbung wird nicht mehr mit Geld, sondern mit Gefühlen gezahlt. Byrons Noch-Frau kann jetzt live beobachten, wie ein schrecklicher Moment in ihrem Leben zu einem kommerzialisierten Running-Gag wird. Das ist ganz schön hart, finde ich.
Gleichzeitig zeichnet das aber auch ein trauriges Abbild unserer heutigen Gesellschaft.

Einer Gesellschaft, die immer zuschaut, alles bewertet – und in der niemand mehr sicher sein kann, dass peinliche oder schmerzhafte Momente nicht von gierigen Unternehmen zum Aushängeschild einer Marketingkampagne verwandelt werden. Mitgefühl und Empathie Ade. Und plötzlich steht die Monetarisierung des Skandals dem eigentlichen Skandal in nichts nach. Der Kiss Cam-Clip ist das Paradebeispiel dafür. Surrealer kann die Realität nicht sein.

:Alina Nougmanov

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Der (Horror-)Trip Deines Lebens? https://bszonline.de/2025/07/07/der-horror-trip-deines-lebens/ https://bszonline.de/2025/07/07/der-horror-trip-deines-lebens/#respond Mon, 07 Jul 2025 05:30:00 +0000 https://bszonline.de/?p=25833 Reisen ist toll – ob alleine, mit Freunden oder der Familie. Wir entdecken neue Orte, lernen fremde Kulturen und vielleicht den einen oder anderen Menschen kennen, mit dem wir auch noch über den Urlaub hinaus in Kontakt stehen. Manche Menschen sind allerdings so speziell, dass wir uns darüber freuen, wenn sie endlich nicht mehr um uns herumkreisen…

Urlaub – das Essen schmeckt doppelt so gut, die Outfits sitzen und die Sonne zieht unser Lächeln breiter als es sowieso schon ist. Es ist einfach ein Vibe. Und eben eine gute Möglichkeit, sich aus dem Alltagstrott zu befreien und den angestauten Stress loszulassen – einfach mal abzuschalten und sich treiben zu lassen, wo auch immer der Strom einen hinzieht. Natürlich brauchen wir auch eine Unterkunft, denn schließlich bietet sich nicht an allen Reisezielen der Strand als perfekte Übernachtungsmöglichkeit an. Wobei man den Platz im Rucksack oder Koffer auch sicher sinnvoller nutzen kann als ihn mit einem Zelt zu befüllen. Mit Souvenirs zum Beispiel.

Grundsätzlich ist die Auswahl an Unterkünften vielfältig: Ferienwohnungen, Hotels, Campingplätze oder Hostels. Besonders Hostels scheinen in den letzten Jahren immer weiter an Beliebtheit dazu zu gewinnen. Neben den typischen Backpackern à la Gunnar Garfors oder Barbaralicious entdecken auch immer mehr andere Reisende den „Hostel-Lifestyle“ für sich. Man bucht sich für einen niedrigen Preis ein Mehrbettzimmer, lebt halb aus dem Koffer und halb aus dem Schließfach, kocht sich in der Gemeinschaftsküche – falls vorhanden – Nudeln mit Pesto und entdeckt den Ort auf eigene Faust. Währenddessen ist man nicht alleine, sondern lebt praktisch mit anderen Leuten zusammen – im Grunde genommen ist es ein bisschen wie die Jugendherbergen auf Klassenfahrten damals in der Schulzeit. Das Badezimmer wird wie die Luft zum Atmen geteilt, Teilen macht schließlich Freude. Nur eben alles mit wildfremden Menschen.
Das Gute ist, dass viele Hostels ziemlich zentral liegen, dadurch bleiben die Wege zum Flughafen oder zu einem Sightseeing-Ausflug noch recht preiswert. In Hostels bezahlen wir allerdings nicht nur mit Geld, sondern auch mit unserer Privatsphäre – denn wie schon zuvor erwähnt, gibt es neben ein paar Einzelzimmern auch jede Menge Mehrbettzimmer und die sind deutlich günstiger als die, die nur für eine Person ausgelegt sind. Die Anzahl an Betten variiert im Durchschnitt ungefähr von vier bis zwölf und noch höher, die Zimmer können dabei nach Geschlechtern getrennt sein oder sind eben gemischt. Generell ist es immer eine Überraschung, was für Leute bei dir auf dem Zimmer sind, doch bei den gemischten Räumen ist es aus meiner Erfahrung ein komplettes Überraschungsei. Und genau das kann zum Problem werden. Von Hygiene und Privatsphäre mal ganz abgesehen, kann sich der Ausflug ins Hostel schnell mal in einen kleinen Alptraum verwandeln. Sind die Leute, mit denen man dort ist, blöd, kann das einem zügig aufs Gemüt schlagen. Klar, man kann sich nicht mit jedem Menschen auf dieser Welt verstehen und das wollen wir ja auch gar nicht. Aber wenn ich ehrlich bin, gibt es schon echt eigenartige (und nervige) Hostel-Menschen. Da hätten wir einmal den Schnarch-Tsunami, der selbst dem lautesten Donnergrollen Konkurrenz machen könnte. Er klingt wie ein tollwütiger Staubsauger, der sich vorm Ertrinken retten will. Hier schläfst du nicht, du kämpfst verzweifelt mit Ohrstöpseln um dein Überleben – oder zumindest um ein paar ruhige Minuten Schlaf. Das Krasseste ist, dass der Tsunami von seinem tosenden Konzert selbst nicht mal wach wird. Crazy. Genauso laut, nur deutlich bewusster handelt die rücksichtslose Geräuschmaschine um drei Uhr morgens. Hier wird gekramt, geschüttelt und geknistert was das Zeug hält – es braucht halt auch einfach 45 Minuten um seine Flip-Flops zu verstauen, wer kennt‘s nicht? Schlaf und Ruhe werden eh überbewertet. Und weil‘s so schön ist, weckt sie gleich am nächsten Morgen das ganze Zimmer mit einem Facetime-Anruf auf voller Lautstärke.
Auf Schlaf verzichtet auch die Schnapsflasche des Hostels. Diese Person kann Saufen wie ein Loch; ohne Limit, ohne Leber und mit mangelnder Zielfähigkeit, was die Toilette anbetrifft. Am Anfang ganz witzig, bis er mitten in der Nacht vor deinem Bett steht und dich lallend nach dem Pool fragt (das Hostel hat gar keinen). Tja und wäre da nicht das Ding mit der Hygiene im Badezimmer…
Brauchst du Beratung für deinen Instagram-Feed? Dann hilft dir die „spirituelle“ Insta-Reisende bestimmt weiter. Er oder sie reist mit einem Rucksack und einem tragbaren Ringlicht. Morgens wird sich 45 Minuten lang Zeit für das „Achtsamkeits-Müsli“ genommen, das er/sie zuerst aus fünf Winkeln fotografiert, bevor er/sie es isst. Bei Posts schreibt er/sie Sachen wie „✨learning to let go✨“ – obwohl er/sie gestern fast geweint hat, weil das Hostel keinen Mandelmilch-Latte hatte. We all know.

Ich muss sagen, ich übernachte gerne in Hostels und liebe die Möglichkeiten, die sich einem dadurch bieten. Man lernt coole neue Leute kennen, findet Freunde und sammelt Erfahrungen. Ist man eher der introvertierte Typ, so ist das DIE Gelegenheit, um mal aus sich rauszukommen und über sich hinauszuwachsen. Bei manchen Gästen muss man nun mal ein oder zwei Augen zudrücken und bei den anderen holt man sich eben ein paar Tipps für den nächsten Auslandstripp ab – die Locals kennen schließlich die besten Orte.

:Alina Nougmanov

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Mit Vollgas ins Vakuum https://bszonline.de/2025/05/04/mit-vollgas-ins-vakuum/ https://bszonline.de/2025/05/04/mit-vollgas-ins-vakuum/#respond Sun, 04 May 2025 08:11:25 +0000 https://bszonline.de/?p=25770 Weltraumtourismus als Empowerment zu verkaufen, das ist nicht nur abgehoben, sondern wird augenscheinlich immer mehr zur beliebten Marketing-Strategie. Darauf deuten zumindest die jüngsten Ereignisse rund um die Weltraummission von Bezos. Das Narrativ ist hierbei vor allem eines: unterirdisch.

Der blaue Anzug reflektiert die Strahlen der Sonne als sie aus der weißen Kapsel hinein ins Tageslicht tritt. Ihre Beine sind noch wackelig von dem Kurztrip ins All. Die bedeutende und weltverändernde Reise bis knapp über die Kármán-Linie, welche die Abgrenzung der Erdatmosphäre zum Weltraum kennzeichnet, hat gerade einmal elf Minuten gedauert. Ehrfürchtig fällt sie auf die Knie und drückt einen dankbaren Kuss auf den staubigen Boden der texanischen Wüste. In ihrer Hand hält sie ein einzelnes Gänseblümchen. Sie und fünf weitere Frauen hatten am Montag, den 14. April, Geschichte geschrieben. Eben vermeintliche „Astronautinnen“ wie sie im PR-Buche stehen. 
 Was sich hier nach einem misslungenen Romananfang anhört, ist ziemlich real und die Protagonistin in dieser Erzählung keine Unbekannte: Katy Perry. Die Raumfahrt sollte dabei die Gelegenheit sein, ein Zeichen für „Female Empowerment“ zu setzen und die Überwindung von Geschlechterbarrieren zu fördern – so zumindest die theatralische Darbietung der Medien. An sich auch nicht ganz verkehrt, denn die Raumfahrt ist eine männerdominierte Sphäre. Doch die Umsetzung – ich weiß ja nicht. 
 Katy Perry inszeniert sich währenddessen als Gesicht einer neuen Ära. Doch was bleibt von ihrem Empowerment, wenn es nur wenigen vorbehalten ist daran teilzuhaben? Statt echte strukturelle Ungleichheiten anzusprechen – Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung oder faire Arbeitsbedingungen weltweit – wird Feminismus hier zum Hochglanzprodukt. Perry verkauft Female Empowerment wie ihre letzten Alben: Mit viel Glitzer, aber wenig Substanz für die, die es wirklich brauchen. Und die Besatzung der Blechbüchse? „A capsule full of narcissism“, kritisiert ein Internet-User.
 Nach der Ankunft ist vor allem das Gerede von einem großen, grenzübergreifenden Gemeinschaftsgefühl und dem Wert von Mutter Erde präsent. Witzig, denn gerade durch diesen Ausflug wird erneut die gesellschaftliche Kluft aufgezeigt. Die Erfahrungsberichte wirken in dem Kontext schon fast melodramatisch. Statt auf etwas wichtiges Aufmerksam zu machen, wird die Touri-Reise ins All zu einem Ausdruck von Wohlstand und eines privilegierten Lebensstandards – wortwörtlich ein Blick von oben herab. Dekadenz at its finest.

Und wie es in Komödien nun mal so ist, steckt hinter der glamourösen Fassade ein Geschäftsmodell, das kalkulierter nicht sein könnte. Das Raumfahrtunternehmen „Blue Origin“ des Multimilliardärs und Amazon-Gründers Jeff Bezos organisiert den Flug und stellt gnädigerweise alle benötigten Mittel zur Verfügung. Völlig selbstlos und natürlich alles im Namen des Feminismus. Ein kurzer Background-Check reicht aus, um hinter den Vorhang zu blicken. Für kleines Geld könnt Ihr Euch hier einen Platz in einem echten Raumschiff einkaufen, um mit einem Flug zum/zur Mitverursacher:in von 93 Tonnen CO² zu werden. Um deutlicher zu werden: Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, dass der durchschnittliche CO²-Verbrauch pro Kopf in Deutschland bei ca. 10,3 Tonnen pro Jahr liegt. Ironischerweise soll dieser CO²-intensive Ausflug dann auch noch das Bewusstsein für unseren Planeten stärken. Vielleicht wäre es wirksamer, einfach mal nicht zu fliegen. Besser geht’s doch nicht.
 Wenn Ihr nun Teil dieses coolen Unterfangens werden wollt, müsst Ihr lediglich eine Anzahlung in Höhe von 150.000 US-Dollar leisten – ja, so hab’ ich auch geguckt. Das ist ja fast geschenkt! Man kann nur erahnen, in welche Millionenhöhe sich der tatsächliche Preis aufschwingt, aber ich schätze mal, er schwebt jenseits der Stratosphäre. 
 Und die Doppelmoral? Startklar. Doch den sechs Space-Cowgirls dürfte das reichlich egal sein, denn sie werden kaum was dafür bezahlt haben. Werbegesicht spielen ist schließlich kein Ehrenamt. Generell wird der Weltraumflug zu einem riesigen Spektakel aufgebauscht; Live-Übertragungen, emotionale Interviews und ein tobender Applaus als hätte man den Durchbruch des Jahrhunderts erzielt, der in Wirklichkeit weniger ist, als er vorgibt zu sein. Die Aufzeichnungen wirken dabei wie eine Dauerwerbesendung für Bezos Raumfahrtunternehmen und den Weltraum-Tourismus im Allgemeinen.
 Female Empowerment wird damit zu einer kapitalistischen Anlage und plötzlich steht nicht mehr die Frage nach dem wie im Raum, sondern nach dem wie viel. Also eine Sache des Geldes, die aus dem Blickwinkel von Superreichen und durch PR geförderten Stars nur nebensächlich ist. Ganz im Gegensatz zu den Normalsterblichen. Weltraumtourismus wird als unverzichtbare Erfahrung stilisiert, durch die Exklusivität jedoch für viele zu einer utopischen Wunschvorstellung. Während Millionen Menschen sich nicht mal einen Flug in den Sommerurlaub leisten können, erleben andere den Weltraum als Freizeitpark. Dass ausgerechnet eine Multimillionärin wie Katy Perry an dieser Stelle symbolisch für Gleichberechtigung stehen soll, zeigt besonders eines: Dass reale Probleme sich offensichtlich besser verdrängen lassen, wenn man sie in eine Raumkapsel packt und in den Himmel schießt. Fortschritt? Ja, aber eben nur bei genug schwarzen Zahlen auf dem Konto.

:Alina Nougmanov

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Zwischen Bargeld und Bierstand https://bszonline.de/2025/05/02/zwischen-bargeld-und-bierstand/ https://bszonline.de/2025/05/02/zwischen-bargeld-und-bierstand/#respond Fri, 02 May 2025 09:04:11 +0000 https://bszonline.de/?p=25761 Von Februar bis Dezember ist in Nordrhein-Westfalen Kirmes-Saison.Vielerortsfinden die beliebten Jahrmärkte statt, die die meisten von uns schon seit unserer Kindheit kennen. Doch lohnt sich der Besuch heutzutage noch? Gerade für uns Studierende ist das fraglich.

Bunte Lichter, das Gekreische von Kindern, welches sich mit der lauten Musik vermischt und aus jeder Ecke weht der Geruch von Köstlichkeiten – in Deutschland folgt ein Rummel dem nächsten, vor allem um Ostern herum. Die Jahrmärkte in den verschiedenen Städten und Gemeinden erwarten ihre Besucher:innen mit offenen Armen. Kein Wunder, denn bei den meisten Gästen liegt das Portmonee griffbereit in der Hosen- oder Handtasche.  Mandeln für lasche fünf Euro, ein Baumstriezel zum Schnäppchenpreis von sechs Euro und zum Nachspülen ein Wasser (0.2 L) für knapp drei Euro – das ist ja fast umsonst! Zumindest, wenn man zur oberen Mittelschicht gehört oder zum vierten Mal im selben Monat von der Finanzspritze von Papa profitiert – kein Vorwurf, manche haben mehr Glück und manche weniger. 
 Für die meisten Studierenden sieht die Realität etwas anders aus und ein finanzielles Gleichgewicht zu wahren, ist gar nicht mal so einfach. Zwischen steigenden Mieten, Jobstress und Prüfungsdruck wirkt da ein 6-Euro-Fahrchip fürs Riesenrad eher wie ein schlechter Scherz als ein Freizeitvergnügen. Dabei wollen wir doch auch nur in Erinnerungen schwelgen, vom stressigen Alltag abschalten und einfach nur einen schönen Tag verbringen, wenn wir zwischen den bunten Gassen der Jahrmärkte hin- und herwandeln.
 Die Kirmes ist und bleibt allerdings auch ein guter Ort zum Gruseln. Eine Gänsehaut können wir uns hier nämlich nicht nur in den Gruselhäusern und Geisterbahnen abholen, die gibt es bei dem Blick auf die Preistabelle kostenlos dazu – und das ist dann auch das Einzige, was wirklich umsonst ist. Denn nicht nur das Essen ist vergleichsweise echt teuer, auch eine Fahrt mit den Fahrgeschäften kostet uns mittlerweile ein halbes Vermögen und dauert dabei oftmals nicht länger als drei Minuten. Und wofür? 
 Um auf der Wilden Maus für acht Euro ruckelnd in dem Sitz hin- und hergeworfen zu werden, beim Kettenkarrussel einen Drehwurm zu bekommen oder sich für ca. fünf Euro im Spiegellabyrinth die Nase zu richten – immerhin günstiger als die Nasen-OPs in der Türkei – weil man vergessen hat, dass man sich am besten mit den Händen vorantastet und nicht mit dem Gesicht, aber naja, you do you boo. Vielleicht ist das ja eine neue Technik, die wir noch nicht kennen. Und sollten die Fahrgeschäfte nichts für Euch sein, dann ja vielleicht das Dosenwerfen mit einer 0,0001 prozentigen Chance auf ein Plüschtier. Nach so viel Spaß klingt der ganze „Spaß“ dann auf Dauer irgendwie doch nicht mehr. Es erinnert eher an ABBAs: „Money, money, money – must be funny – in a rich man‘s world.“ (Gern geschehen für den Ohrwurm). Als Andenken gibt’s dann zumindest ein paar Prellungen und ein Dröhnen im Gehörgang, da hat man sogar am nächsten Tag noch was von.
 In den meisten Fällen laufen wir über die Kirmes, essen was und fahren mit der ein oder anderen Attraktion. Je nachdem, ob man mit dem Auto anreist, kommen noch die Parkkosten auf einen zu. Möchte man nicht jeden Cent zweimal umdrehen, können da an einem Nachmittag locker 40 Euro draufgehen. Das ist verdammt viel Geld für das bisschen, was man bekommt! Beispiel: Bei Freizeitparks bezahlt man zwar auch viel Geld, allerdings hat man hier die Möglichkeit, die Fahrgeschäfte nach Belieben zu nutzen, weil diese im Eintrittspreis mitinbegriffen sind (als Student:in kann man sogar einfacher die Stoßzeiten umgehen).

Tatsächlich schwanke ich mit meiner Meinung zwischen Für und Wider.

Natürlich sieht die Welt heute anders aus als vor ein paar Jahren und auch die Schausteller müssen ihre Preise an die steigenden Lebenserhaltungskosten anpassen. Doch leider wirkt die Kirmes mittlerweile wie ein Ort, an dem man möglichst schnell möglichst viel Geld lassen soll. Fahrgeschäfte gleichen sich in jeder Stadt, das Essen ist überall gleich teuer. Früher war Kirmes ein magisches Fest. Heute ist sie ein Preisvergleich mit Musikbeschallung. Während sich die Lichter drehen, dreht sich einem beim Blick ins Portemonnaie der Magen – und das hat dann nichts mehr mit der letzten Runde Breakdance zutun.
 Andererseits bietet der Rummel auch eine gute Möglichkeit, eine kurze Auszeit zu nehmen. Kirmes bietet Nervenkitzel, Geschwindigkeit und schwindelerregende Höhen. Es ist laut, schrill, übertrieben – und ja, manchmal genau das, was man nach einem Tag in der langweiligen Vorlesung oder einem Monat im grauen Studienalltag braucht.

Am Ende zahlen wir vor allem für das nostalgische Erlebnis und die Alltagsflucht und nicht etwa für das ach so leckere Essen oder den Adrenalinkick, wenn man im Freefall-Tower hockt und die Menschen unter einem aussehen wie kleine Ameisen. Das ist zwar auch cool, aber wiegt die Gegenseite eben nur zum Teil wieder auf.
 Kirmes lohnt sich dann, wenn man bereit ist, für einen Moment Kindheitsgefühl ein paar erwachsene Kompromisse einzugehen. 

:Alina Nougmanov

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Trumps Zollpolitik oder wie man die Weltwirtschaft ins Chaos führt https://bszonline.de/2025/04/30/trumps-zollpolitik-oder-wie-man-die-weltwirtschaft-ins-chaos-fuehrt/ https://bszonline.de/2025/04/30/trumps-zollpolitik-oder-wie-man-die-weltwirtschaft-ins-chaos-fuehrt/#respond Wed, 30 Apr 2025 17:36:24 +0000 https://bszonline.de/?p=25737 In den letzten Tagen gibt es kaum eine Nachricht, über die so viel diskutiert wird, wie die neu eingeführten Zölle der USA. Laut Donald Trump wurden diese eingeführt, weil andere Länder die USA beim Handeln übervorteilen würden.

In den letzten Tagen gab es verschiedene Diskussionen über das Ziel, die Sinnhaftigkeit und den Effekt von Zöllen. Gleichzeitig ist der Markt stark schwankend und die restliche Welt fragt sich, was als nächstes im Handelskrieg „USA vs. Die ganze Welt“ passiert. Am 3. April kündigte der US-Präsident auf einer seiner öffentlichen Reden Strafzölle gegen 69 Länder auf der ganzen Welt an. Als Begründung behauptete er, dass diese Länder ebenfalls Zölle auf die USA erheben würden. Er zeigte eine Tabelle, wo z.B. die EU alle Importe aus den USA mit 39 Prozent Zöllen belegen würde. Als Gegenzoll erhob er 20 Prozent auf alle Produkte, die aus der EU eingeführt werden. Das einzige Problem: Die EU erhebt keine 39 Prozent Zoll auf die USA. Der Zolldurchschnitt auf Produkte aus den USA ist zwischen 2-3 Prozent. Auch wenn in Deutschland auch noch die Mehrwertsteuer obendrauf kommt, ist insgesamt die Behauptung von Trump und der US-Regierung völlig haltlos.

Aber wie kommt Trump auf diese Zölle? Er hat sich mit seinen „Experten“ eine Formel ausgearbeitet, welche jede:r VWL-Student:in im ersten Semester lernt. Handelsüberschuss des Landes gegenüber der USA wird geteilt durch die Gesamtsumme der Importe aus diesem Land. Mit anderen Worten, es ist die Formel, um das Handelsdefizit der USA gegenüber anderen Ländern auszurechnen. Absolut nicht zielführend. Die USA ist und bleibt eine Konsumnation; sie konsumiert bei weitem mehr als sie gerade produziert oder überhaupt produzieren kann. Die EU ist ein gegenteiliges Beispiel; dieser Staatenbund ist Nettoexporteur, wenn auch die Handelsbilanz der EU fast immer sehr ausgeglichen ist. Donald Trump möchte dies offenbar auch für die USA herbeiführen. Er sagt, andere Länder ziehen die USA beim Handeln über den Tisch , weil sie mehr Waren an die USA verkaufen, als sie aus den USA einführen. Niemand hat ihm offenbar glaubhaft versichern können, dass auch mit importierten Waren viel Geld für die US-Wirtschaft gemacht wird, weil, ja, man kauft Waren aus dem Ausland, aber man verkauft sie für einen höheren Wert im Inland und macht dadurch Gewinn, welcher versteuert wird.

Aber der Präsident hat es sich in den Kopf gesetzt, die negative Handelsbilanz der USA zu beenden. Es soll wieder mehr in den USA hergestellt werden, das soll Arbeitsplätze schaffen und mehr Geld für die Wirtschaft bringen. Nur doof, dass selbst Länder, die mehr Waren aus den USA importieren als sie dorthin exportieren, ebenfalls mit einem 10 Prozent Strafzoll belegt wurden. Oder auch Inseln, welche gar keine Handelsbeziehungen haben, weil nämlich niemand außer Pinguine dort wohnt. Ja, alle haben sich bereits über den Fakt lustig gemacht, dass Trump auf die Heard- und McDonaldinseln einen Zoll auferlegt hat. Verteidiger von Trump behaupten, dass es gemacht wurde, um Briefkastenfirmen zu verhindern, welche den Zoll so umgehen wollen. So funktionieren aber Briefkastenfirmen nicht. Außerdem gibt es auf diesen Inseln auch keine Infrastruktur, um selbst nur einen Briefkasten aufzustellen. Abgesehen davon gehören die Inseln eh rechtlich gesehen zu Australien.

Trump hat es auch geschafft, mit den Zöllen einen der schlimmsten Börsenabstürze der US-Geschichte zu verursachen. Mehrere Tage sank der Aktienwert fast jeder US-Firma steil nach unten. Dies führte zu Nachbeben in den anderen Aktienmärkten, der DAX (Deutscher Aktien Index) viel ebenfalls und auch in China und Großbritannien fielen die Kurse. Nun, am 10. April, ist Trump wohl dem Stöhnen seiner Milliardärsfreunde nachgekommen und hat die Zölle gegen alle um 90 Tage verschoben – außer gegen China. Diese wurden mit noch höheren Zöllen, insgesamt nun über 100 Prozent, belegt, weil sie wagten, ebenfalls Zölle gegen die USA zu erheben. Diese beiden Länder befinden sich nun in einem absoluten Handelskrieg.

Übrigens: Bevor Trump die Zölle auf alle anderen pausierte, ließ er seine Anhänger über Social Media wissen, dass „nun ein guter Moment zum (Aktien) kaufen wäre“. Später gab er vor laufenden Kameras an, wie viel seine Freunde an einem Tag durch ihn an der Börse verdient hatten. Denn klar schoss nach der Ankündigung der 90 Tage Pause der Kurs steil nach oben. Nun wird geprüft, ob Trump ein Verfahren wegen Insider trading droht. Normalerweise wäre er schuldig, kein Wenn und Aber, nun hat er aber Gerichte, Kongress und Senat so fest in der Hand, dass es unwahrscheinlich ist, dass er Konsequenzen zu fürchten hat.

Wie geht es aber jetzt weiter für uns? Was heißt das für uns? Nun, die Zölle wurden erstmal ausgesetzt, aber die EU hat ein Gegenzollpaket verabschiedet, welches nun ebenfalls für die 90 Tage ausgesetzt wurde. Dieses richtet sich auf nur bestimmte Produktgruppen und wir als Konsument:innen würden davon nicht so viel mitbekommen, aber der Markt würde trotzdem auch hier in Europa darunter leiden. Am besten wäre natürlich eine dauerhafte Einigung zwischen den USA und der EU, die ist aber momentan nicht in Sicht. Die EU hatte angeboten, eine Freihandelszone mit den USA aufzubauen, aber nur unter einigen Bedingungen, welche die Verbraucher:innen der EU vor unregulierten US-Produkten schützt. Donald Trump lehnte das Angebot ab, weil die EU mehr US-Produkte kaufen soll; Er wäre nicht an einer 0-für-0-Zoll Zone interessiert. Ich hatte ja bereits gesagt, dass so etwas absolut nicht machbar für die USA ist, weil sie dafür zu wenig herstellen und auch herstellen können. Zu versuchen, eine Konsumnation so zur ultimativen Netto-Export-Maschine umzukrempeln, ist absolut utopisch und fast jede:r Wirtschaftswissenschaftler:in stimmt dazu. Es bleibt abzuwarten, ob auch der Rest der Welt bald in einem Handelskrieg mit den USA steckt. Die EU ist jedenfalls nun dafür bereit.

:sts

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Liebe Deutsche, seid Baller und nicht Niederreder, bitte! https://bszonline.de/2025/04/30/liebe-deutsche-seid-baller-und-nicht-niederreder-bitte/ https://bszonline.de/2025/04/30/liebe-deutsche-seid-baller-und-nicht-niederreder-bitte/#respond Wed, 30 Apr 2025 15:50:52 +0000 https://bszonline.de/?p=25695 Wie jedes Jahr nimmt Deutschland auch 2025 am Eurovision Song Contest teil. Zuletzt war man dabei nicht sonderlich erfolgreich, die Bilanz der letzten zehn Jahre sieht sehr mau aus: Neben zwei Überraschungserfolgen von Michael Schulte im Jahr 2018 (4. Platz) sowie Isaak im vergangenen Jahr (12. Platz) verbuchten die deutschen Teilnehmer:innen vier letzte und drei vorletzte Plätze.

Das soll sich dieses Jahr nicht noch mal wiederholen. In der Schweiz soll das Duo Abor & Tynnaden Karren aus dem Dreck ziehen, bestehend aus den Geschwistern Attila (26) und Tünde Bornemisza (24). Mit ihrem Song „Baller“ scheinen sie damit einen Nerv getroffen und einen Hit gelandet zu haben – schaut man sich die Kommentare unter dem Auftrittsvideo des Songs auf dem internationalen Youtube-Kanal des Eurovision Song Contests (über 1 Million Aufrufe) an: „So good. This needs to win, it’s modern, very 2020s and will become a hit!“, schreibt etwa ein User. „Best offer from Germany in years!“, hält ein anderer fest. „Finally Germany coming with something cool since Lena. This is such an earworm”, adelt ein weiterer User den Song.

Bis man einen ersten negativen Kommentar findet, muss man ewig scrollen. Der Grundtenor ist sehr positiv. Etliche Kommentierende scheinen es auch sehr zu begrüßen, dass Deutschland zum ersten Mal seit 2007 wieder mal einen deutschsprachigen Beitrag ins Rennen schickt. Damals trat Roger Cicero mit dem Song „Frauen regier’n die Welt“ auf. Viele in den Kommentaren freuen sich auf einen „deutschen Vibe“.

Schaut man sich die Kommentare unter dem Auftrittsvideo auf dem deutschen ESC-Account (über zwei Millionen Aufrufe) an, zeigt sich ein ganz anderes Bild. Die Kommentare zerreißen den Song auf allen Ebenen – eine regelrechte 180-Grad-Wendung: Zu schlecht gesungen, zu austauschbar, schlicht zu schlecht und nicht konkurrenzfähig soll der sein. Hier scrollt man eher lange, bis man erste positive Kommentare findet und die Kommentare lauten eher so: „Wir landen auf dem alalalalalalalalalalaletzten Platz“ (über 1.000 Likes) oder „Hab das Lied meinem Onkel im Rollstuhl vorgespielt aber dann ist er aufgestanden um es wieder aus zu schalten“ (über 2.400 Likes). Ein weiterer schreibt: „Das soll der beste Song sein?! Sie kann nicht singen, nicht atmen. Der Song ist belanglos. Komplett “ballerballer“ (über 1.400 Likes). Was unter die Gürtellinie geht, habe ich hier vorsichtshalber mal außen vorgelassen. Die Häme der User scheint keine Grenzen zu kennen – nicht mal unter dem eigenen Posting des Duos auf Instagram. Auch dort reiht sich Hate- an Hate-Kommentar.

Das kann doch nicht sein, Deutschland!? Was sagt das über unsere Mentalität aus? Haben wir verlernt, optimistisch zu sein, Euphorie zu entwickeln, ja schlicht Hoffnung und Fantasie zu haben? Oft scheint es so, als geben viele hierzulande Dingen oft nicht mal eine Chance – Hate aus Prinzip scheint deutlich verbreiteter zu sein.

Klar, Kritik ist in Ordnung und das muss auch so sein. Aber es ist nicht damit zu erklären und zu rechtfertigen, dass die Meinungen in Deutschland zum Song so konträr zu denen im Ausland stehen. Das kann nicht mit konstruktiver Kritik erklärt werden. Die Niederreder-Mentalität lässt jede Euphorie im Keime ersticken.

Dass wir es doch eigentlich doch noch können, hat die Heim-EM im vergangenen Jahr gezeigt. Um die Nationalmannschaft entstand ein Hype – und das nach langwierigen Jahren des Niederredens, des Murrens und Besserwissens.

Die deutschen ESC-Beiträge scheinen über diese Phase noch nicht hinaus zu sein. Auch der letztjährige 12.-Platzierte Isaak wurde vor dem ESC-Wettbewerb mit Hate und Häme quittiert.

Dabei kann das bei Künstler:innen zu einer großen Verunsicherung führen. Abor & Tynna stehen am Anfang ihrer Karriere, noch nicht alles kann da perfekt sein. Ziel sollte es da aber sein, zu er- und nicht zu entmutigen. Die Nationalmannschaft dürfte dies bei der Heim-EM auch sicherlich beflügelt haben. Auch wenn es nicht zum EM-Sieg gereicht hat, dürften die meisten hierzulande das Turnier in positiver Erinnerung haben. Können wir eine solche Geschichte nicht auch mal beim ESC schreiben?

Der Song hat doch eigentlich beste Voraussetzungen dafür: Endlich mal wieder ein deutschsprachiger Beitrag, was scheinbar insbesondere im Ausland auf sehr viel Begeisterung stößt. Ein charismatisches und authentisches Geschwisterduo. Eine originelle Melodie mit einzigartigem Cello-Einsatz. Ein Song, der ballert.

Auch über den Song hinausgehend steckt dahinter eine echt schöne Geschichte, die verbindet. Mit Abor und Tynna tritt für Deutschland ein österreichisches Duo mit rumänischen und ungarischen Wurzeln in der Schweiz an. Besser gehts doch gar nicht für die Idee und Vision des Eurovision Song Contests.

International wird all das anerkannt. Und in Deutschland? Naja, da ist man eben typisch deutsch. Wenn du auch so bist, ändere das doch mal, und gib Neuem erstmal eine Chance, bevor du dich vom typischen Niederreder-Reflex leiten lässt! Fühlt sich gut an! 

:Leon Hartmann

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,,Kann das in die blaue Tonne?“ https://bszonline.de/2025/03/27/kann-das-in-die-blaue-tonne/ https://bszonline.de/2025/03/27/kann-das-in-die-blaue-tonne/#respond Thu, 27 Mar 2025 12:46:22 +0000 https://bszonline.de/?p=25631 Die einen lesen gerne, die anderen haben nur zur Wintersonnenwende mal ein Buch in der Hand – wenn es hochkommt. Dank Social Media und vor allem BookTok greifen die Menschen nun wieder öfter zur Lektüre. Manchmal mogelt sich auch ein alter Klassiker dazwischen. Mit gerunzelter Stirn und zusammengekniffenen Augen stehen wir dann da und mustern dieses Ding aus achtzehnhundert schlag mich tot – was jetzt?

Bei meinen Eltern in der Heimat gibt es ein riesiges Bücherregal aus dunklem Holz, das bis zur Decke ragt. Seine Fächer sind vollgestopft mit Literatur aus verschiedenen Jahrhunderten und ihre Seiten zieren unterschiedliche Sprachen. Als Kind stand ich oftmals davor, mit großen, runden Augen und einem staunenden Gesichtsausdruck. Die bunten, teils von der Zeit verschlissenen Bände, beeindruckten mich und lösten eine starke Neugierde aus. Welche Geschichten mögen wohl zwischen diesen alten Seiten auf mich warten? Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, wir wären durch ein Band miteinander verbunden. So zog es mich immer wieder zu sich, wenn ich daran vorbeieilte – fast so, als wäre es verzaubert.

Aus Sommer wurde Winter, blühende Blumen verblühten wieder und viel Zeit verging, die einige Katzen-Kalender das Leben kostete. Ich war nun ein Teenager; nervig, zickig und mit schlechtem Buchgeschmack, lol. Der Holzkoloss bei meinen Eltern hatte mittlerweile jedes Fünkchen Charme verloren und wirkte auf mich so eindrucksvoll wie ein Sandkorn in der Wüste. Zwar konnte ich die Bücher nun lesen, doch sie interessierten mich nicht mehr. Sie waren mir zu langweilig. Wen juckt‘s schon, was irgendein Schiller oder Dürrenmatt irgendwann mal von sich gegeben hat? Schließlich leben wir im 21. Jahrhundert, dieses Altpapier hat hier nichts mehr zu suchen – es ist nicht mehr relevant. Und ganz abgesehen davon, ist da ja noch diese ätzende Schreibweise. Statt endlich zum Punkt zu kommen, wird lieber so lange in Rätseln gesprochen, bis man denkt, man sei der deutschen Sprache nicht mehr mächtig. Oder man schläft ein. Man war das schwer, die Augen offen zu halten.
 Im Deutschunterricht habe ich mich dann mit dem Lektüreschlüssel durch Kafkas „Prozess“ geschummelt und zuhause Goethes „Faust“ als Türstopper benutzt.  Und auch wenn ich bis heute kein großartiges Goethe-Fangirl bin, tut es mir ein bisschen leid.
 Vielleicht kommt Euch das alles ja ein bisschen vertraut vor. Mir hat jedenfalls die Schule damals den Spaß am lesen klassischer Literatur gestohlen und eine lange Zeit nicht mehr rausgerückt. Tja, jetzt studiere ich Literatur und hab keine Wahl mehr – aber das ist eine andere Geschichte.

Mittlerweile hat sich nicht nur meine Einstellung dazu ins Positive verändert, sondern auch in der Gesellschaft scheint eine Welle der Veränderung an Größe zuzunehmen. So finden sich zum Beispiel unter #booktok unzählige Jugendliche und junge Erwachsene, die sich über Bücher austauschen. Der Trend innerhalb dieser Bubble, die im Übrigen einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Buchmarkt hat, scheint dabei wieder eine neue Richtung angenommen zu haben. Dort heißt es: Goodbye smut und romantasy, welcome back Klassik.  Immer öfter werden alte Klassiker wie Dostoevskijs „Weiße Nächte“ oder Austens „Stolz und Vorurteil“ wiederentdeckt und weiterempfohlen. Man stößt auf Videos, die uns einmal quer durch den Kanon der Weltliteratur nehmen. Und ich kanns verstehen! Meiner Meinung nach sind diese Bücher alles andere als langweilig, wie es mein 15-jähriges ich damals gedacht hat. Viele Themen, die dort behandelt werden, sind auch heutzutage sehr präsent. Schon damals wurden Fragen nach Liebe, Identität und Macht gestellt. Es sind eben zeitlose Themen und menschliche Erfahrungen, die in diesen Werken verarbeitet wurden und über Jahrhunderte hinweg Bestand haben. Ganz schön krass eigentlich. Sie zeigen uns auf, was unsere heutige Welt geprägt hat. Diese Bücher entführen uns in vergangene Epochen verschiedener Länder und zeigen uns längst vergrabene Erinnerungen. Man braucht nicht unbedingt historische Romane, um Geschichte zu erleben. Wir wandern auf den Pfaden der deutschen Romantik, finden uns im russischen Realismus wieder und landen schließlich in der Postmoderne Englands. Es ist ein bisschen so, als würden wir in eine fremde Welt eintauchen, mit der wir aber doch irgendwie verbunden sind.

Klassische Literatur gibt nicht nur einen Einblick in Geschichte und Kultur, sondern bildet und regt zum Nachdenken an. Wir können unseren Wortschatz erweitern und lernen neue Dinge, sammeln Eindrücke und werden gleichzeitig unterhalten. Sie ist halt einfach etwas Besonderes.

:Alina Nougmanov

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